Karl Franz Stock verstorben. Nachruf von HR. i. R, Dr. T. Cernajsek für die Österreichische Exlibris-Gesellschaft (ÖEG)

Nicht unerwartet verstarb im vergangenen Juni unserer Ehrenmitglied und Inhaber der Scapinelli-Medaille Karl F. Stock. Eine große Trauergemeinde fand sich am 22. Juni 2022 zur Verabschiedung in der Grazer Feuerhalle ein. Für mich war diese Verabschiedung sehr schmerzhaft, zumal ich Karl seit fast einem halben Jahrhundert kannte und mit ihm stets engen Kontakt hatte. 
Karl Stock wurde 1937 in Graz als drittes Kind in Graz geboren. Er wuchs unter ärmlichsten Verhältnissen in einer Einzimmerwohnung auf. 1943 wurde er Halbwaise, nachdem sein Vater nach einem unverschuldeten Gefängnis-aufenthalt an TBC verstarb. Die nachfolgenden Jahre fristete er sein Dasein als hungernder Schulschwänzer, ja sogar im Polizeigefängnis landete er, als er auf Nahrungssuche in den Grazer Bombenruinen aufgegriffen wurde. Von 1945 bis 1946 betätigte er sich als „Hamsterer“, was damals eine alltägliche Betätigung der notleidenden Nachkriegsbevölkerung geworden ist. Diese Tätigkeit wurde durch das Jugendamt beendet und Karl wurde mit seinem Bruder Otmar in die Landeserziehungsanstalt Jagdberg, Gemeinde Schlins, Vorarlberg, gebracht. Auch hier blieben er und sein Bruder schwierige Mitbewohner des Heims. Sie verließen das Heim und fuhren mit der Bahn bis Graz, wo sie von ihrer Mutter freudig empfangen wurden. Als Kinder hatten sie keine Probleme an den Demarkationslinien durchzukommen. Aber die Freude der Rückkehr dauert nicht lange. Karl und sein Bruder müssten wieder zurück nach Jagdberg. Dort begann für ihn unter Kaplan Josef Andreas Müller, der auch Religionslehrer und Komponist war, ein anderes Leben. Er wird Sängerknabe und darf 1947 zur Erstkommunion. Ab 1951 ist er Klosterschüler in St. Georgen am Längssee, von 1952 bis 1953 Celloschüler, von 1953 bis 1954 Geigenschüler und von 1952 bis 1954 Tenorhornbläser. Da Karl nicht gewillt war einen geistlichen Beruf zu ergreifen, verließ er Jagdberg und kehrte nach Graz zurück, wo er die Jahre 1954 bis 1958 als Hilfsarbeiter in verschiedenen Firmen tätig wurde.

Dr. Stock auf der DEG-Tagung 2016 in Weiden, Foto von Klaus Thoms

Parallel dazu begann er Gedichte zu schreiben und als zeitweilig Arbeitsloser unterzog er sich einer psychotherapeutischen Selbstbehandlung. 1956 entdeckte er sich selbst als Linolschnittkünstler. Diese Kunst soll für sein ganzes nachfolgendes Leben bestimmend werden. Seit damals zeichnete und malte Karl. Er hatte nie eine besondere Ausbildung, aber immer wieder gute Lehrer, die ihn anregten und nie entmutigten. Ab 1979 begann er seine Arbeiten öffentlich dort und da auszustellen. Von 1954 bis 1959 wird er Abendgymnasiast und Nachhilfelehrer für Mitschüler. Im März 1959 maturiert er an der Abendmittelschule. 1959 wird er als Versicherung-sangestellter. Im gleichen Jahr besuchte er erstmals Straßburg und beginnt Mathematik und Physik zu studieren. Gleichzeitig wird er Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Graz. Ab 1962 beginnt er mit bibliographischen Arbeiten, welchen er sein ganzes Leben widmete. 1964 beginnt er als Statistiker und Schriftsteller. 1960 heiratete er die Elsässerin Mayrlène Ledermann aus Krautgersheim bei Straßburg. Aus dieser Ehe entsprangen die Kinder Elisabeth (1965) und Daniel (1966). Karls Frau sollte zu einer seiner wichtigsten Mitarbeiterinnen seiner bibliografischen Unternehmungen werden. Gemeinsam mit Rudolf Heilinger und mit seiner Frau Marylène veröffentlichte er seit 1976 eine „Bibliographie österreichischer Biblio-graphien, Sammelbibliographien und Nachschlagewerke“, welche 30 Bände zuletzt erreicht hatte. Bewundernswert ist es, dass Karl jetzt mit dem Studium der Staatswissenschaften beginnt, 1968 eine Dissertation erhält und 1969 zum Doktor der Staatswissenschaften promoviert. Nur so nebenbei arbeitete er ab 1967 als Programmierer. 1969 bezieht die Familie eine neue Eigentumswohnung in der Wienerstraße. Von 1970 bis 1973 war Karl zum Rechenzentrum Graz dienstzugeteilt worden, um mit Walter Koch Programmentwicklungen für die Bibliotheksdokumentation zu erarbeiten. Von hier gingen auch an mich Impulse für die künftige Einführung der EDV in meine Fachbibliothek. 1974 wurde er zum Bibliotheksdirektor der der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Graz ernannt. Im gleichen Jahr erscheint sein Buch über die Grundlagen und Praxis der Bibliotheks-statistik im Verlag Saur in Pullach, woraus sich weiter eine enge Zusammen-arbeit für Karl ergeben sollte. Im Jahre 1976 erwarb Karl ein Grundstück in Wolfgruben, St. Ruprecht an der Raab. Die „Huabn“ wurde sein Sommer-werkstätte und Druckerei für seine Linolschnittarbeiten. Ab 1978 beginnt er selber mit einer Tiegeldruckpresse zu arbeiten. 1997 tritt in den Ruhestand und wie er selbst sagte, in den Resturlaub seines Lebens mit geistig reger Phantasie und zunehmender körperlicher Unfähigkeit und zeitweiser aufbäumender Aktivität. In Innsbruck wurde ihm 1998 in einem Hotel sein wichtigstes Werkzeug, sein Notebook aus dem Zimmer gestohlen. Der Verlust des Materialwertes stand in keinem Verhältnis zum Verlust der im Gerät gespeicherten wertvollen Daten. Durch den Diebstahlt sind einige Texte unwiederbringlich verloren gegangen. Im darauf folgenden Jahr 1999 trat Karl F. Stock in die Österreichische Exlibris-Gesellschaft ein. Ab dem Jahr 2001 begann Karl sich mit den neuen gesetzlichen Vorschriften für die Ablieferung von Pflichtstücken und mit der unvereinbaren Ablieferung von Sozialversicherungsbeträgen an die Gewerbliche Sozialversicherungsanstalt auseinander zu setzen. Mit der Methode „Print on demand“ versuchte Karl mit seinem Einnahmen unter der Geringfügigkeitsgrenze zu bleiben. Er begann nur mehr Kleinstauflagen zu produzieren und lieferte Pflichtstücke nur an die Österreichische Nationalbibliothek ab. Trotzdem blieb er im Widerspruch zu einem Bescheid des Bundeskanzleramtes, welches sich auch für alle „Print-on-demand-Werke“ eine Ablieferungspflicht aussprach. 2011 erlitt er einen Herzinfarkt, welchen er glücklicher Weise gut überstand. Ab 2021 machen sich starke Altersbeschwerden bemerkbar, die ihn trotz geistiger Höhe kontinuierlich bis zu seinem Lebensende führten. Fast wöchentlich führte ich mit ihm Telefongespräche und tauschten uns über die ersichtlich gewordenen Probleme der Exlibrisbewegung aus.

Karl F. Stock hat eine Unzahl von Publikationen zum Bibliotheks – und Bibliographiewesen und Exlibris veröffentlicht. Davon sind einzelne Werke online im Austria-Forum abrufbar. Nach eigenen Angaben hat er über 470 Linolschnitte und wenige Holzschnitte im Lauf der Jahre 1957 – 2019 geschaffen. Diese sind online unter seiner Homepage (https://bibi.kfstock.at) abrufbar. Hier ist auch unter bestimmten Voraus-setzungen der Zugang zu den von ihm geschaffenen bibliographischen Datenbanken möglich. Für uns Freunde des Exlibris ist seine „Bibliographie der Internationalen Exlibris-Literatur“ sehr wichtig und für jegliche Arbeit auf dem Gebiet des Exlibris unentbehrlich. Soweit mir bekannt ist, hat diese Datenbank 65.700 Einträge erreicht. Sie ist für alle jene hilfreich, die sie als Quelle für ihre Arbeite benützen wollen. Karls Stocks Sohn Daniel wird dafür sorgen, dass diese Datenbank weiter geführt und ergänzt werden wird.
Zuallerletzt darf nicht unerwähnt bleiben, dass Karl F. Stock Mitarbeiter des österreichischen Wissensnetzes Austria – Forum (Leitung: Prof. Hermann Maurer, TU Graz) war. Er hat eine Anzahl seiner Bücher dem Austria − Forum zur Verfügung gestellt, aber auch sonst tatkräftig mitgewirkt. Auf seine Anregung hinauf hat die Österreichische Exlibris − Gesellschaft alle vergriffenen Jahrbücher zur Digitalisierung zur Verfügung gestellt. Diese Digitalisate und auch andere Digitalisate von Exlibrispublikationen können auf diesem Wissensnetz gefunden werden.

Anerkennungen und Ehrungen seitens der öffentlichen Hand bzw. seiner Dienstgeber sind ausgeblieben. Es haben ausschließlich private Fachvereinigungen seine Leistungen anerkannt und mit Ehrungen gewürdigt:

  • 1968: Zuerkennung der Fördermedaille durch die Vereinigung Österreichischer Bibliothekare (VÖB)
  • 17.September 2009: Ehrenmitgliedschaft der Vereinigung Österr. Bibliothekarinnen und Bibliothekare
  • 14. Juli 2004: Überreichung des Udo Ivask Zertifikats der Fédération Internationale des Amateurs d’Ex-Libris (FISAE)
  • 21. November 2011: Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Österreichischen Exlibris-Gesellschaft (ÖEG)
  • 2016: Überreichung der Paul-Scapinelli-[Preis]–Medaille der Österreichischen Exlibris-Gesellschaft (ÖEG) anlässlich der ersten Wienerwaldtagung der Österreichischen Exlibris-Gesellschaft in Unterkirchbach bei Mauerbach bei Wien.
  • 2020: Überreichung der Walter-von-Zur-Westen-Medaille der Deutschen Exlibris-Gesellschaft (DEG)

Karl F. Stock hatte noch im Angesicht seines Todes die Kraft, Abschiedsworte/ an alle Hinterbliebenen zu richten:

Liebe Freunde! Noch im Vollbesitz meiner geistigen Zurechnungsfähigkeit und im Erahnen des herannahenden Endes meines irdischen Daseins möchte ich mich von Euch hiermit verabschieden. Ich danke für eure Freundschaft und Zuneigung während meines wechselvollen Erdenganges. Ich gehe mit Zuversicht in das wissenschaftlich noch nicht bewiesene Reich der Schöpfung eines unendlichen Wirkungsgeistes und hoffe, dass wir uns dort alle wiederfinden. Diese Erwartung möge alle meine Lieben über diesem endgültigen Abschied aus diesem Erdendasein hinweg trösten.

Tillfried Cernajsek 

[ Weitere Angaben zu Biographien und Quellen unter: 
https://austria-forum.org/af/Biographien/Stock%2C_Karl/Nachruf ]

Nachruf auf Karl Kröger

In der Exlibriswelt war sein Name untrennbar verbunden mit den Begriffen Industrie und Ruhrgebiet. Kein Wunder, als Diplom-Ingenieur des Maschinen-baus war Karl-Friedrich Kröger fast 40 Jahre lang im In- und Ausland mit der Planung, Inbetriebnahme und Abwicklung von Industrieanlagen befasst, darunter solchen zur Zementherstellung, thermischen Abfallbehandlungs-anlagen und Kohlekraftwerken. Dabei war er weniger ein Freund von Büro-tätigkeiten, vielmehr liebte er das pragmatische Handeln und Anpacken.

Karl Kröger war ein Familienmensch, der seine Frau, seine Kinder und Schwiegerkinder und seine beiden Enkelkinder liebte. Zu seinen darüber hinausgehenden Leidenschaften gehörte das Tennis; 14 Jahre lang – bis 2017 – amtierte er als Vorsitzender des großen Hertener Tennis Clubs.

Seit Mitte der 1950er Jahre lebte Karl, der am 28. Juli 1948 in Egge (Land-kreis Hameln-Pyrmont) geboren wurde, im Ruhrgebiet. Als er im Jahr 2000
in die Deutsche Exlibris-Gesellschaft eintrat und damit ein weiteres seiner Hobbys, das Sammeln von Grafik, wesentlich erweiterte, schrieb er u. a.:
„[…] habe mit den Jahren diese Region [das Ruhrgebiet] mit seinen wunder-schönen Landschaften, Industrien, mittlerweile vielen Industriedenkmälern sowie Menschen und seiner lebendigen Kunstszene liebgewonnen.“ Und weiter: in seiner Grafiksammlung befänden sich nicht nur die „üblichen Motive“, sondern immer wieder ginge es dabei um „die Darstellung von Industrieanlagen im Ruhrgebiet“, sodass zu seinen „künftigen Sammel-gebieten ´Industrie-Exlibris und alle für mich schönen Exemplare´ gehörten“. 

Andreas Raub: Exlibris für Karl-Friedrich Kröger, 2001, Radierung
Andreas Raub: Exlibris für Karl Kröger, 2006, Radierung

Und so trug er im Laufe der Zeit nicht nur eine große Grafiksammlung, 
sondern auch eine bedeutende Exlibris-Kollektion zusammen, die ihn als passionierten Liebhaber von Industriemotiven auswies. Gern stellte er diese Bücherzeichen als generöser Leihgeber für größere Ausstellungen zur Verfügung und schenkte den einschlägig bekannten Museen auch seine entsprechenden Eigenexlibris. 

2016 wurde Karl zum Vizepräsidenten der Deutschen Exlibris-Gesellschaft gewählt und pflegte in dieser Funktion u. a. Kontakte zu den großen Exlibris-Standorten in Schloss Burgk, Frederikshavn und Mönchengladbach und zu Sammlern wie Gerhard Lutz, einem Enkel von Adolf Kunst, oder dem Ehepaar Neuner, das das Waldmuseum Dr. Kanngießer im nordhessischen Braunfels leitet.

Frank Eißner: Exlibris für Karl Kröger, 2017, Holzschnitt

Bei all diesen Kontakten kam ihm seine ausgesprochen soziable Ader zugute, die ihm auch zu zahlreichen Verbindungen in die Künstlerszene verhalf. Da er als Sammler „traditionelle Drucktechniken bevorzugte, also Radierung, Holzschnitt“ usw., gehörten zu den häufig von ihm beauftragten Künstlern z. B. Radierer wie Andreas Raub und Holzschneider wie Frank Eißner. Besonderes Augenmerk lenkte er außerdem auf junge, z. T. noch unbekannte Künstlerinnen und Künstler, die er auf diese Weise förderte.
2021 organisierte Karl, schon gesundheitlich angeschlagen, die DEG-Jahrestagung in Haltern am See, die ursprünglich für Gelsenkirchen, mitten im Ruhrgebiet und nur wenige Kilometer von seinem Wohnort entfernt, geplant war. Und auch für 2022 hatte er sich als DEG-Tagungsorganisator angeboten und noch die ersten vorbereitenden Arbeiten dafür vorgenommen. Wegen seiner Erkrankung konnte er jedoch nicht mehr miterleben, wie es einem spontan eingesprungenen Organisationsteam schließlich gelang, die 2022er Tagung ganz in seinem Sinne erfolgreich zu veranstalten.

Am 11. Juni 2022 starb Karl Kröger nach längerer schwerer Krankheit im Alter von 73 Jahren. In Gedanken sind wir bei seiner Familie und wünschen ihr in der Zeit des Abschieds und der Trauer viel Kraft. Mit seiner stets freundlichen und freundschaftlichen Art und dank seiner zahlreichen Eigenexlibris wird Karl uns in bester Erinnerung bleiben.

R. I. P.

(Henry Tauber) 

(Beitragsfoto von Klaus Thoms: Karl Kröger auf der DEG-Tagung 2021 in Haltern am See) 

Horst Rellecke: Exlibris für Karl-Friedrich Kröger, 2001, Kaltnadel auf Plexiglas
Regina Franke: Exlibris für Karl-Friedrich Kröger, 2004, Radierung
Harry Jürgens: Exlibris für Karl-Friedrich Kröger, "1001 Nacht", 2014, Radierung

In Memoriam David Bekker

Wieder haben wir im Kreis der Freunde des Exlibris einen guten Freund und hervorragenden Künstler verloren: David Bekker aus Odessa. Er ist für viele – vor allem etwas ältere – Sammler ein Begriff für gediegenes künstlerisches Handwerk und gelungene Exlibris.
David Bekker lernte ich Mitte der 70er Jahre über den ebenfalls in Odessa lebenden Sammler Boris Lewych kennen und bereits 1978 erhielt ich mein erstes Exlibris von ihm, gefolgt im Laufe der Jahre von vier anderen.
David J. Bekker, der am 24. Januar 1940 in Odessa geboren wurde, studierte an der dortigen Malerschule und schloss seine Ausbildung 1966 am Künstlerinstitut in Charkow ab. Obwohl er Lithografien und Linolschnitte geschaffen hat, liegt das Hauptgewicht seiner Exlibris innerhalb der Radierung in den verschiedensten Variationen. Seine Arbeiten wurden auf unzähligen Ausstellungen gezeigt und er hat viele Auszeichnungen erhalten, sowohl national als auch international, nicht zuletzt auf den Biennalen in Malbork, wo wir uns auch persönlich kennenlernten.
Im Jahrbuch 1983 schrieb Herbert Ott über die Arbeit von David Bekker u. a.: „Die Exlibriskunst steht für Bekker nicht am Rande seines Schaffens; sie hat für ihn vielmehr den gleichen Stellenwert wie die Tafelmalerei oder die Porträtkunst, wenn er sich auch hauptsächlich als Maler versteht und in dieser Eigenschaft eine Reihe von Landschaftsbildern und Monumental-malereien in öffentlichen Bauten geschaffen hat.“
David Bekker starb am 4. März 2022. Die Exlibris-Welt hat mit ihm einen ihrer besten Vertreter verloren und wir einen guten Freund, den wir in Erinnerung behalten werden.

Klaus Rödel

Exlibris für Paul G. Becker, 2002
Exlibris für Klaus Rödel, 1999

Nachruf auf Siegmund Sos

Wieder erreicht uns die traurige Nachricht über einen Todesfall, – als ob die insgesamt bis heute 16 Verstorbenen seit der Tagung 2019 nicht ausreichen! Diesmal über den Tod eines Künstlers, der mit seinen Arbeiten, vor allem Holzschnitte und Radierungen im klassischen Stil, jahrelang vielen Menschen Freude bereitet hat.
Neben einer großen Zahl von Exlibris im buchgerechten Format und somit Bucheignerzeichen sind viele freie Grafiken mit Motiven aus der Natur entstanden.

Siegmund Sos wurde 1935 in Ungarn geboren und wohnte mit seiner Familie seit einer Reihe von Jahren in Ballingen.
Wir hatten jahrelang gute Beziehungen und er und seine Gattin Irene besuchten uns in Dänemark, wo sich auch viele seiner Exlibris im Frederikshavn Kunstmuseum befinden.
Sie wurden dort mehrmals ausgestellt und einige davon sind bereits in der art-exlibris.net des Museums erfasst.

Jahrzehnte, zuletzt auch 2021, erreichte uns, präzise im Dezember, eine originale Holzschnitt-PF, sehr oft mit einem religiösen Motiv, mit guten Wünschen für das kommende Jahr.
Auch diese PF-Grafiken befinden sich im Museum, obwohl es keine Exlibris sind.

Wir werden Siegmund Sos als liebenswerten Menschen und guten Künstler in Erinnerung behalten und denken an seine Hinterbliebenen.

Klaus Rödel 

(Beitragsfoto: Frederikshavn Kunstmuseum og Exlibrissamling)

Exlibris für Paul G. Becker, 1989, Kupferstich
Exlibris für Christoph Zeckai, 1983, Holzstich
PF 1988 für die Familie Sos, 1987, Holzstich

Nachruf auf Hartmut Polenz

Noch auf der DEG-Tagung im Oktober in Haltern sah man Hartmut Polenz und Heinz Decker in intensivem Gespräch vertieft einträchtig beieinander-sitzen. Nun ist wenige Tage nach dem Tod von Heinz Decker auch Hartmut Polenz seinem längeren schweren Leiden erlegen. Er starb am 7. Dezember 2021 in Hamburg im Alter von 81 Jahren.
Hartmuts große Leidenschaft galt der Altertumsforschung. Er war Privat-dozent und Dr. phil. habil., der u. a. in der Redaktion der Römisch-Germa-nischen Kommission in Frankfurt tätig war und ab 1978 als wissenschaft-licher Referent am Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in Münster arbeitete. Für die Vereinigung westfälischer Museen führte er von 1984 bis 1996 die Geschäfte und war von 1996 bis zum Eintritt in den Ruhestand 2005 ihr Vorsitzender. Danach wurde er zum Ehrenvorsitzenden der Ver-einigung gewählt. In zahlreichen Schriften teilte er seine Forschungs-ergebnisse mit der historischen Fachwelt und interessierten Laien, vor-nehmlich zur Geschichte und Archäologie der vorrömischen Eisenzeit und der Zeit der Römer und Germanen in Westfalen, besondere Schwerpunkte legte er auf keltische Kultur in Mitteleuropa und keltische Numismatik.
Zu seinen Interessensgebieten zählte aber auch die bildende Kunst, eine Leidenschaft, die er mit seiner Frau Anke Polenz, die er 2003 kennenlernte, teilte. Sie war 2001 in die Deutsche Exlibris-Gesellschaft eingetreten und förderte fast von Beginn an (v. a. jüngere) Exlibriskünstler aus Osteuropa. Und das taten dann beide, spätestens nach Hartmuts Eintritt in die DEG als Partnermitglied, gemeinsam. Die Namen der von ihnen geförderten Künstler und Künstlerinnen reichen von Jaroslav Minář aus Tschechien über Ivan Rusachek aus Belarus bis zu Rajmund Aszkowski aus Polen. Letzterer war es auch, der sie auf weitere polnische Künstler aufmerksam machte, wodurch u. a. eine besondere Verbindung mit Krzysztof Marek Bąk und Katarzyna Handzlik entstand. 
Auf den DEG-Jahrestagungen trat das Ehepaar Polenz (Anke Polenz leitet seit 2014 die DEG-Geschäftsstelle) stets gemeinsam auf, und auch die jährlichen Hamburger Exlibris-Treffen in ihrem Privathaus organisierten beide gemeinsam – als kenntnisreiche Gesprächspartner, freundschaftlich, groß-zügig, hilfsbereit. In seinen Exlibris wird Hartmut Polenz der Exlibriswelt für immer in Erinnerung bleiben.
Wir trauern mit seiner Frau und seiner Familie und fühlen mit ihnen.

(Henry Tauber)

Foto: Klaus Thoms
Jaroslav Minář: Exlibris für Dr. Hartmut Polenz, 2005, Lithografie
Andreas Raub: Exlibris für Dr. Hartmut Polenz, 2012, Radierung

Zum Tod von Heinz Decker

Noch auf der letzten DEG-Jahrestagung in Haltern trat Heinz Decker so auf, wie man ihn seit Jahrzehnten kannte – freundlich, hilfsbereit, großzügig, warmherzig, klug und voller Humor. Allenfalls ungewöhnlich erschien sein neuer ständiger Begleiter, ein Rollator, mit dem er jedoch gelernt hatte, seinen Frieden zu machen. Als (nach Lebensjahren) ältestes anwesendes Vereinsmitglied leitete er in der Hauptversammlung im Rahmen der Vorstands-Neuwahlen traditionsgemäß die Wiederwahl des „alten“ Präsidenten. Heinz war insgesamt positiv gestimmt, blickte optimistisch in die nahe Zukunft und verfasste nach dem Meeting einen teils launigen und doch so wohlwollenden Tagungsbericht. Umso größer war die Bestürzung in der Exlibriswelt, als sie die Nachricht seines Todes erhielt.

Vergleichsweise spät, mit fast 60, trat Heinz 1992 der DEG bei. Und obwohl er dem Vereinsleben eigentlich immer kritisch gegenüberstand, legte er in der DEG von Anfang an los, fungierte von 1993 bis 2000 als Rechnungsprüfer und von 2000 bis 2012 als Redakteur des DEG-Jahrbuchs, im Anschluss wurde er zum Vizepräsidenten gewählt. Nach 16-jähriger Vorstandsarbeit kandidierte er 2016 nicht mehr für einen Vorstandsposten, wurde aber bis 2020 in den Beirat berufen. Parallel dazu betreute er von 2012 bis 2019 noch die Homepage der Gesellschaft.

Heinz Decker auf der DEG-Tagung 2021 - Foto von Klaus Thoms

Als Sammler galt sein Interesse vor allem Bücherzeichen, die mit der Schriftstellerei zu tun hatten und mit Theaterkunst. In diese Richtung gingen auch viele Aufträge, die er als Eigner an Künstler und Künstlerinnen, gerne an junge, noch unbekannte, vergab. Und das waren auch bevorzugte Themen seiner eigenen zahlreichen Schriften – aber nicht nur. Er schrieb Bücher über Dichterexlibris und Dichterzirkel ebenso wie Werke über Totentänze oder die deutsche Exlibriskunst vom Jugendstil bis zur Gegenwart. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehörte sicher das DEG-Jahrbuch 2004 über „Jüdische Kultur und Exlibriskunst“. Heinz verfasste unzählige Aufsätze und Artikel über Exlibris und Gelegenheitsgrafiken für die einschlägigen Publikationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, England und Amerika, auf Deutsch und Englisch (bei Letzterem halfen ihm seine langjährigen Berufserfahrungen als Dozent am University College in Dublin und am Frankfurter Goethe-Gymnasium) – stets sachlich-kompetent und wissenschaftlich fundiert, trotzdem populär verständlich und mit humorigen Einfügungen.

2016 verlieh ihm die DEG in Würdigung seiner herausragenden Verdienste um die Exlibrisbewegung die Walter-von-Zur-Westen-Medaille. 2020 ernannte sie ihn wegen seiner großen Verdienste um das Exlibris und die DEG zu ihrem Ehrenmitglied.

Wir verlieren mit Heinz Decker, der am 27. November 2021 im Alter von 88 Jahren verstarb, einen überaus wertvollen Mitarbeiter auf allen Ebenen und Helfer in allen möglichen Situationen, aber vor allem einen guten Freund. In seinen Schriften und in seinen Exlibris wird er unvergessen bleiben.

Mit unseren Gedanken sind wir bei seiner Frau und seiner Familie und fühlen mit ihnen.

(Henry Tauber) 

Leo Bednarik: Exlibris für Heinz Decker, Shakespeare, Radierung
Andreas Raub: Exlibris für Heinz Decker, "In Memoriam unserer jüdischen Mitglieder", 2015, Radierung

Zum Tod von Gordon P. Smith

Aus England erreicht uns die traurige Mitteilung, dass der Sammler Gordon P. Smith im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Anderthalb Jahrzehnte lang (1997–2012) war er ein reges Mitglied der Deutschen Exlibris-Gesellschaft, besuchte regelmäßig die DEG-Tagungen, als Sammler ein überaus großzügiger Tauschpartner, der selbst eine exquisite Exlibris-Kollektion mit Blättern prominenter KünstlerInnen besaß, als Auftraggeber ein langmütiger Eigner. Im Rahmen meiner beiden Ausstellungen 2002 und 2004 in der Reihe „Schätze der Exlibriskunst – Exlibris bekannter Künstler“ gehörte er zu den Hauptleihgebern und erwies sich darüber hinaus als wichtiger Ratgeber bei den zugehörigen Recherchen. Gordon war ein distinguierter Gentleman der alten Schule, ausgestattet mit einer gehörigen Portion englischem Humor. Als wir ihn zuletzt 2017 in seinem Haus in Cumbria im nordwestlichen England besuchten, erinnerten wir uns beide lächelnd an eine Begebenheit anlässlich einer der DEG-Tagungen: Am Festabend hatten wir bei (relativ lauter) Begleitmusik zusammengesessen und geplaudert, wobei wir beide mit zunehmender Lautstärke gegen den Dezibel-Pegel der Musik ankämpfen mussten. Nach langer Geduldsphase sagte er schließlich zu mir (auf Englisch): „Henry, können wir uns mal umsetzen? Du redest die ganze Zeit in mein linkes Ohr hinein, damit kann ich aber nicht so gut hören!“ Darauf ich nach einem Lachkrampf: „Gordon, die ganze Zeit redest Du in mein rechtes Ohr hinein, und damit kann ich nicht so gut hören!“ Wir setzten uns also anders herum, wonach es sich wesentlich entspannter reden ließ, und kriegten uns vor Lachen kaum ein. Gordon wird der Exlibrisgemeinde fehlen, aber in seinen Eigen-Exlibris, die viele Sammlungen schmücken, in bester Erinnerung bleiben.

Henry Tauber

Foto: Tomas Ostermann
Peter Velikov (BG)
E. Burne-Jones, Pinx 1868 - Roy Cooney, Sc. 1996

Nachruf auf Robert Baramov – 1966-2021

Robert Baramov 1966-2021

Wieder eine unerwartete und traurige Nachricht: Robert Baramov ist tot! Ein Schock für mich, hatten wir doch noch vor etwa drei Wochen eine Diskussion über die Situation der FISAE und vor allem über sein Projekt, einen Internationalen Exlibris-Kongress vorzubereiten und ihn 2024 nach Varna zu holen.
Wir kannten uns seit gut einem Vierteljahrhundert und bereits 1998 entstand sein erstes Exlibris für mich. Auf vielen Tagungen führten wir Gespräche sowohl über die Kunst des Exlibris als auch über die Situation und Probleme der Künstler, speziell nach der Wende, was für mich mindestens ebenso wichtig war wie die schmückende Ergänzung meiner Sammlung beziehungsweise der des Frederikshavn Kunstmuseums mit seinen prachtvollen Grafiken.
Robert Baramov wurde 1966 in der Stadt Varna, Bulgarien, geboren. Er arbeitete in den Bereichen Installation, Performance, zeitgenössische Texte und Grafik. 1994 machte er seinen Abschluss an der Grafikabteilung der Nationalen Kunstakademie in Sofia. Durch sein erfolgreiches Schaffen hat er an einer Vielzahl von Ausstellungen teilgenommen und über 40 internationale Preise für Grafik und zeitgenössische Kunst gewonnen. Seine Soloprojekte, Aktionen und Installationen hat er auf internationalen Foren für Grafik und zeitgenössische Kunst in Galerien, Museen und Kulturinstitutionen in Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland,  Italien, China usw. präsentiert, u. a. im: Kulturhaus Hannover (D), Museum für Moderne Kunst in Bodenburg (D), Frederikshavn Kunstmuseum (DK), Museum Schloss Malbork (PL), Nationalmuseum in Peking (CN), Nationalmuseum für Naturgeschichte in Sofia (BG), Museum für Geschichte in Sofia (BG).
Für mich nachwirkend in Erinnerung bleibt sein leidenschaftlicher Einsatz auf dem Kongress in Prag 2018, einen Internationalen Exlibris-Kongress in Varna zu arrangieren. Durch sein Engagement für die Kunst und die Künstler und nicht zuletzt dank seiner wunderbaren Grafiken, die eine Bereicherung und ein Genuss für uns alle waren, die Freunde des Exlibris weltweit, wird Robert Baramov unvergessen bleiben.
Unsere Gedanken gehen an seine Hinterbliebenen.

Klaus Rödel

Nachruf auf Vladimír Suchánek

Ende Januar erreichte mich die traurige Nachricht, dass mein guter Freund über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren, der tschechische Grafiker Vladimír Suchánek, am 25. Januar 2021 verstorben ist. Geboren am 12. Februar 1933 in Nové Mĕsto nad Metují im nordwestlichen Teil von Böhmen, dimittierte er 1954 als Zeichenlehrer an der Pädagogischen Fakultät der Karls-Universität in Prag, 1960 erfolgte der Abschluss seiner Studien an der Kunstakademie der Stadt. 1965 wurde er Mitglied des Vereins der tschechischen Grafiker Hollar. Ein Verein, der 1975 von den Kommunisten verboten wurde.
Unsere Verbindung entstand bereits 1968 mit meiner Anfrage, ein Exlibris von ihm zu erhalten. Seitdem hat er mehr als 20 Exlibris und PF für die Familie Rödel geschaffen und wir haben uns auch mehrere Male gegenseitig besucht.
Kaum ein anderer Künstler hat es wie er verstanden, Leben in einen Stein zu bringen. Seine fantastischen großformatigen Lithografien mit eleganten Damen fügen sich in jedes Heim mit Interesse für Kunst. Dies spiegelt sich auch in seinen unzähligen Exlibris wider, die ein unentbehrlicher Teil jeder guten Exlibris-Sammlung sein sollten. 
Am internationalen Exlibris-Kongress 2018 in Prag nahm er munter und fidel teil, den Abschluss des Kongresses bildete eine Fahrt nach Marienbad zu einer großen Ausstellung mit einer Retrospektive über sein Gesamtwerk, darunter weit über 400 Exlibris mit Darstellungen, die jedes Sammlerherz höherschlagen lassen. Neben freier Grafik und Exlibris schuf er auch eine beachtliche Anzahl von Briefmarken.
Vladimír Suchánek war aber nicht nur ein hervorragender Grafiker, sondern auch ein ausgezeichneter Musiker, sogar mit einer eigenen Band. Eines seiner relativ letzten Exlibris wurde den Mitgliedern der DEG im Jahrbuch 2018 vorgestellt, ein Freundschaftsexlibris, auf dem sich eine Dame zwischen Künstler und Sammler entscheiden muss. 
Vladimír Suchánek verstarb am 25. Januar 2021 im Alter von 87 Jahren. Er und sein Werk werden für lange Zeit uns allen in Erinnerung bleiben, denn er war als Künstler und Freund eine der wichtigsten Persönlichkeiten innerhalb der Exlibris-Bewegung der Gegenwart.

Klaus Rödel

Exlibris für Susi Kolar-Plicka, o. J., Lithografie

Nachruf auf Arkady Pugachevsky

Immer wieder kommen traurige Nachrichten auf uns zu. So erreichte uns vor kurzer Zeit die Nachricht vom Tod Arkady Pugachevskys aus der Ukraine, einem überaus beliebten und wirklich herausragenden Schöpfer unzähliger Exlibris, er verstarb am 15. Januar 2021. Geboren wurde er am 19. Oktober 1937 in Kiew, wo er auch die grafische Abteilung des Polygraphischen Instituts der Ukraine absolvierte. Gemeinsam mit seinem Sohn Gennady wurde er international bekannt durch seine markanten Exlibris, geschaffen als Gravuren sowohl in Holz als auch in plastischem Material. Seine Motive waren erfüllt von Humor und er ging in seinen Werken sehr oft auf die Wünsche der Eigner ein. Eine gute Symbiose zwischen Künstler und Sammler, wohl das Ideal bei der Schöpfung von Exlibris.

Arkady Pugachevsky nahm an mehr als 50 internationalen Ausstellungen teil, darunter an den bedeutenden Biennalen auf Schloss Malbork, und er erhielt nicht weniger als 17 internationale Auszeichnungen.

Seine vielen Exlibris für Sammler in aller Welt befinden sich in zahlreichen Sammlungen, sowohl öffentlichen als auch privaten, und haben Sammlerfreude bereitet eben durch ihre humoristischen und lebensbejahenden Motive.

Wir werden ihn als Mensch und Künstler vermissen.

Klaus Rödel

Exlibris für Petra Kretz, o. J. Plastikstich