DEG-Jahrbuch 2022

Schon der bebilderte Einband des DEG-Jahrbuches 2022 verspricht einen Augenschmaus und Kunstgenuss.

Es ist kein themenbezogener Band, als große Klammer bietet sich die Forschung an. Jede der beiden Autorinnen und jeder der acht Autoren legt gewissermaßen einen Forschungsbericht vor, sie alle dokumentieren ihre Arbeit der letzten Monate bis zu mehreren Jahren mit und um Exlibris.

Es mag eine Unart sein, einen solchen wertvollen Band in der Art des Daumenkinos durchlaufen zu lassen, dennoch ergibt sich dem geübten Auge dabei ein erster Eindruck zum Bildmaterial. Sogleich stellt sich die Frage, über welche umfangreichen und qualitätsvollen Exlibrissammlungen die Mitglieder verfügen müssen, um auf ein derart umfassendes Bildmaterial zurückgreifen zu können. Natürlich ist bekannt, dass man sich im Bedarfsfall gern gegenseitig unterstützt. Eine solche Fülle jedoch, wie sie in diesem Band gezeigt wird, kann man sich nicht zusammenleihen, auch nicht im Inter-net aufspüren. Hier scheint das Sammeln über Jahrzehnte mit voneinander abweichenden Sammlungsschwerpunkten die Quelle des Reichtums zu sein.

Die Einführung von Henry Tauber ist eine Hommage an das hoch verehrte Mitglied Heinz Decker, das die Exlibriswelt so sehr vermissen wird. Das Wirken Deckers in der DEG, sein unermüdliches Forschen, seine literarischen, weit über den Bereich der DEG hinausgehenden Ergebnisse und Veröffentlichungen werden gewürdigt. Bei dieser Betrachtung wird noch einmal vor Augen geführt, wie groß die Lücke sein wird, die er hinterlassen hat. Für die rhetorische Frage, ob das vorliegende Jahrbuch Heinz Decker wohl gefallen hätte, kann es keine Antwort mehr geben. Es gilt also kritisch zu überprüfen, ob das Jahrbuch 2022 den Ansprüchen eines Heinz Decker, vormals selbst über lange Jahre verantwortlicher Redakteur dieser Buchreihe, gerecht werden kann. 

Mit der von ihm gewohnten Sachkenntnis beschreibt Henry Tauber, was er an Erkenntnissen und Wissenswertem für den Zeitraum, bevor Exlibris gedruckt wurden, herausgefunden und zusammengetragen hat. Berichtet 

Alfred Soder: Exlibris für Hanns Wolfgang Rath, 1907, Radierung

wird von in Stein gemeißelten Bücherflüchen, von Buchstempeln und Buchsiegeln, handgeschriebenen und handgezeichneten Exlibris und ebensolchen Wappen. Etwas festeren Boden fühlte die Rezensentin bei der Vorstellung der Buchschließe des Rostocker Archidiakons Wardenberg und dem Begriff der Supralibros. Das alles ist freilich keine leichte Kost, doch wird der Leser, wenn er die Mühe nicht scheut, sich mit dem außergewöhnlichen Thema zu befassen und sich die Zeit zum Nachschlagen der Anmerkungen nimmt, was zugegebenermaßen immer und überall lästig und eine Herausforderung ist, mit einem hohen Wissensgewinn belohnt.

Peter Rath aus Wien hat es sich nicht nehmen lassen, sein Forschungs-ergebnis zu den Exlibris der Familie Brettauer mit einer Genealogie zu unterfüttern, die überraschende Verwandtschaftsbeziehungen zutage fördert. Die von ihm gemachte Zeitangabe zur Dauer seiner Forschung von knapp 7 Jahren ist beachtenswert und informativ. Eine gut recherchierte Veröffentlichung verlangt immer Geduld und Ausdauer. 

Wie mühsam Forschung ist, kann die Rezensentin nachvollziehen, als sie Mitte 2021 die Lebensdaten August Stoehrs zu ermitteln suchte. Zwar war der Künstler in der Deutschen Nationalbibliothek unter der GND 128426497 namentlich geführt, die ermittelten Lebensdaten und -orte wurden erst an-hand ihres Forschungsergebnisses ergänzend dort eingefügt. Der Gastbei-trag von Frauke van der Wall ist durch ihre Tätigkeit am Mainfränkischen Museum, jetzt Museum für Franken, so umfassend und damit besonders wertvoll, weil August Stoehr daselbst der erste Museumsdirektor war, sie also Zugriff auf reiches Material, ja sogar auf dessen eigene Exlibris-sammlung hatte. Nun sind Werkverzeichnisse immer ein Pfeiler in der Exlibrisforschung. Dass die Autorin ihr Forschungsergebnis trotz eigener weitreichender Möglichkeiten in diesem Jahrbuch zur Veröffentlichung brachte, lässt ihre Wertschätzung erkennen, die auf eine weitere Zusammen-arbeit mit ihr hoffen lässt.

August Stoehr: Eiegnexlibris Musikalien, 1901, Federlithografie (?)

„Mit uns zieht die neue Zeit“. Den letzten Satz des Arbeiterliedes von Hermann Claudius aus dem Jahre 1914 hat Siegfried Bresler als Motto für seinen sorgfältig recherchierten Beitrag zur Jugendbewegung gewählt. Er lässt das Lebensgefühl der damaligen Jugend nachvollziehbar aufleben und hat Abbildungen ausgewählt, die typische Merkmale der Jugendbewegung aufweisen: auf Bergkuppen gelegene Burgen, Gitarre oder Laute, Wanderstab und Ranzen, nicht zu vergessen den Greif als Wandervogelemblem, wie ihn Hermann Pfeiffer schuf. Die Namen der meisten genannten Künstler sind so bekannt, dass das Fehlen ihrer Lebensdaten keinen wirklichen Mangel darstellt. Robert Budzinski, A. Paul Weber, Walter Holzapfel, Wilhelm Geißler, Fritz Bötel, sie alle zählen zu den typischen Vertretern der Wandervogelidee. Otto Ubbelohde hingegen, seit 1900 in Goßfelden sesshaft, war ein Einzel-gänger, ein stiller Wanderer mit eigenem Lebensstil. Entgegen der Asso-ziation zu Fidus ordnet Hans Laut¹ den pathetisch unechten Frauenakt auf dem Exlibris für Elisabeth Stecher (Abb. 11) dem Einfluss des Münchner Lehrers Löfftz zu.

Fidus: Exlibris für Adolf Conrad, o. J. Klischee

Wenn Ulrike Ladnar vorausschickt, sie wolle einen kurzen Blick auf „Frankfurt als Exlibrisstadt“ werfen, kann das nur Aufmerksamkeit wecken für ihr so vielseitiges und umfassendes Forschungsergebnis, das dazu noch faszinierend informativ ist. Von Historischen Frankfurter Persönlichkeiten wird ausführlich berichtet, ob Sammlern oder Künstlern, so als erzähle sie von Freunden und guten Bekannten, was ihr gerade dazu in den Sinn kommt. Das Wissen um die Materie, die Fülle der zu vermittelnden Information fließen wie selbstverständlich, keineswegs dozierend in ihren Text ein.            Es ist kein Geheimnis, dass die Autorin bereits seit dem Studium Frankfurter Bürgerin ist, sich auf eine erstklassige, umfängliche Exlibrissammlung stützen kann und zudem über bedeutende schriftstellerische Erfahrung verfügt. Die Leichtigkeit ihrer Fabulierkunst darf jedoch nicht darüber hinweg-täuschen, dass eine konsequente Forschungsarbeit dahintersteckt, wie sie in ihrer 2. Anmerkung verrät: In Coronazeiten – sozusagen im home-office – musste die Recherche größtenteils über das Netz erfolgen. Was gleichzeitig impliziert, dass die Forschungsmöglichkeiten Frankfurts, einer Universitäts-, Buch- und Museenstadt üblicherweise von ihr genutzt werden. Die 10. Anmerkung, eine Danksagung, lässt die Vernetzung erahnen, die einen so hohen Forschungsumfang stützen und erleichtern kann.

So weitreichend auch die beleuchteten Bereiche im vorstehenden Beitrag gefasst waren, einer fehlte dabei: Johann Wolfgang von Goethe. Dabei han-delte es sich keineswegs um ein Versehen, der große Sohn Frankfurts war längst als Thema an einen anderen vergeben: Heinz Decker. Obwohl der Autor über eine Exlibrissammlung allein zu Goethe von mehr als 500 Blatt verfügte, also wieder eine wertvolle Spezialsammlung in der Hand eines DEG-Mitgliedes und dabei nur einen Teil seiner herausragenden Sammlung darstellend, sind es nur wenige Blätter, die bei dem Exkurs, dem Frankfurter Goethe im Exlibris auf die Spur zu kommen, Verwendung finden konnten. Das Fazit Deckers, in dem er mit Humor von sich selbst berichtet, lautet: Für den wehmütig die Goethe-Exlibris anschauenden Frankfurter Exlibrissammler bleibt nur die Erkenntnis: offenbar ist der große Weise letztlich ein Weimaraner.

 

Hans Schäfer: Exlibris für Ludwig Färber, 1949, Radierung

Heinz Decker hatte diesen Beitrag noch persönlich einreichen können, bevor der Tod ihn uns entriss. Sein wirklich letzter Beitrag für die Exlibriswelt? Es bleibt zu hoffen, dass sich in seinem Nachlass noch weiteres Material verbirgt, das Frau Ladnar uns vielleicht nicht vorenthalten und eines Tages vorstellen wird.

Verspürt ein Künstler den Wunsch, sich als Schriftsteller zu einem interessanten Forschungsergebnis zu betätigen, stehen ihm gleichermaßen die Möglichkeiten der DEG zur Verfügung. So gelangte der Kurzbeitrag von Andreas Raub zu einer historischen Begebenheit aus dem Münsterland an diesen Platz. Berichtet wird über den Besitzer der Burg Kakesbeck, Lambert von Oer, den Ritter mit dem eisernen Halsband, im Jahre 1520. Daran anschließend wird eine Lanze für den Erhalt dieser alten Burg gebrochen. Die Sorge anderer Autoren nach einem verwendbaren Exlibris zum eigenen Thema ficht den Künstler nicht an. Flugs schafft er das fehlende selbst, spendet es als großformatigen Originalbeitrag, so dass es dem Jahrbuch beigebunden werden konnte, eine Bereicherung also in jeder Hinsicht.

Die Leier als Musikinstrument in der Mythologie beschäftigt Heinz Neumaier mindestens seit einem Jahrzehnt. Sein aktueller Forschungsbeitrag gerät zu einer Lehrstunde über den Mythos Orpheus, eingebettet in eine Fülle von Exlibris zu allen Lebensstationen des Sängers, die er einer ausführlichen Betrachtung und Interpretation unterzieht.

Hristo Naidenov: Exlibris für Cyriel Gladines, 2006, Radierung

Der Beitrag von Klaus Thoms „Trauer im Exlibris“ geht weit über die Abhandlung von Exlibris zu diesem Thema hinaus. Gezeigt werden auch zahlreiche Fotos, die zur Vertiefung des Verständnisses für die Trauer an sich herangezogen werden. Dass der Beruf des Autors, Dipl. Psychologe und Psychotherapeut, so manches Mal im Text durchschimmert, unterstreicht die Authentizität der Betrachtungen. Trotz einer Fülle der ihm zur Verfügung stehenden Exlibris zum Tod fanden sich darunter nur wenige zum gewählten Thema. Deshalb wurde ihm Hilfe aus dem Kreis der Mitglieder der DEG zuteil, für die er sich stilvoll durch Namensnennung als dankbar erwies.

Das Lob für die Gestaltung und Herstellung an Utz Benkel bildet auch dieses Mal den Abschluss und darf nicht fehlen, zumal sein Können und seine Perfektion trotz der vielen Jahre seines Tuns nicht als selbstverständlich angesehen werden. Zu danken ist ihm außerdem für „Die Wahrheit“, sein Pf 2022, das er als Originalbeigabe dem Buchformat entsprechend zur Verfügung gestellt und unmittelbar nach dem Inhaltsverzeichnis mit eingebunden hat. Friedhelm Solbach sei für die Zurverfügungstellung der dritten Originalbeigabe, seinem Exlibris Theophanu, ebenfalls gedankt.

Das gemeinsame Streben aller Beteiligten hat dieses Jahrbuch zu einer Bereicherung der Exlibrisliteratur gemacht. Es ist eine Veröffentlichung, die sowohl den eigenen Ansprüchen der DEG, als auch den Qualitätskriterien eines Heinz Decker standhält. Das hätte Heinz Decker gefallen.

¹ Hans Laut: Otto Ubbelohde, Leben und Werk, Rembrandt-Verlag Berlin 1943, S. 118 

(Anne Büsing) 

Krzysztof Marek Bąk: Exlibris für Klaus Thoms, 2020, CGD