Exlibris des Monats Februar 2020

Exlibris des Monats Februar 2020 – Ivo Mosele: Exlibris für Giancarlo Torre, 2010, Radierung Federico Fellini, der mit Filmen wie „La Strada“ oder „La Dolce Vita“ den italienischen Film berühmt gemacht hat, wäre dieses Jahr hundert geworden. Seinen Aufstieg in der Filmwelt verdankt er auch seinem Freund Ennio Flaiano, der zu vielen Filmen das Drehbuch schrieb. Fellinis Film „Otto e mezzo“ (8 ½) hat Giancarlo Torre 2010 als Thema für sein Exlibris von Ivo Mosele gewählt Bereits 2012 habe ich in meinem Artikel „Chapeau … Cock your hat – angles are attitudes“ für das „Exlibris Chronicle der American Society of Bookplate Collectors“ einiges über dieses Exlibris geschrieben (1), das ich für den heutigen Anlass übersetzt habe: Auf Ivo Moseles witziger Radierung für Giancarlo Torre dominieren Hüte. Achteinhalb Hüte verweisen auf das Thema dieses Blattes, das jedoch nicht Federico Fellini, dem großen Filmregisseur, gewidmet ist, sondern seinem Freund, dem Autor des Drehbuchs seines Films „Otto e mezzo“ (8 ½), Ennio Flaiano. Flaianos Augen hinter dunklen Brillengläsern schauen den Betrachter kryptisch an, der vielleicht über die Bedeutung der achteinhalb Hüte nachdenkt. Dass es immer derselbe Hut zu sein scheint, macht die Lösung des Rätsels nicht einfacher. In C. G. Jungs ´Tiefenpsychologie´, die Fellini in dieser Zeit beeinflusste, sind Hüte in Träumen ein Zeichen für die Persönlichkeit des Träumenden. Sein Film visualisiert Übergänge von der realen Welt in eine Traumwelt und umgekehrt. Die Manifestation von Hüten aus der realen Welt wird zu einem visuellen Experiment von Mosele, das seinen Ursprung im Gehirn des Drehbuchautors Flaiano hat. Der Künstler liefert damit eine weitere Interpretation des Filmtitels, die sich bis dahin nur auf die bisher von Fellini realisierten achteinhalb Filme bezog. (1) http://exlibrischronicle.blogspot.com/2012/10/chapeau_7.html (gesehen am 24.1.2020) For our English speaking friends the original text: Hats dominate on Ivo Mosele’s witty etching for Giancarlo Torre. Eight and a half hats hint at the theme of this plate which, however, is not dedicated to Federico Fellini, the great film director, but to his friend, the author of the script of his film Otto e mezzo (8 ½), Ennio Flaiano. Flaiano’s eyes behind dark rimmed glasses are looking cryptically at the viewer who is perhaps pondering about the significance of the eight and a half hats. That it seems to be the same hat always does not make the enigma less difficult to solve. In C. G. Jungs’s depth psychology which influenced Fellini during this period hats in dreams are a mark of the persona of the person dreaming. His film visualises transitions from the real world into a dream world and vice versa. The manifestation of hats from the real world is turned into a visual experiment of Mosele that has its origin in the brain of the scriptwriter Flaiano. The artist thus provides a further interpretation of the film title that up to then only referred to the eight and a half films that Fellini had so far completed. (Heinz Decker)

Grafik des Monats Januar 2020

Grafik des Monats Januar 2020 – Frank-Ivo van Damme und Joke van den Brandt: PF 2020 der DEG, Holzstich und Kalligrafie

Alles Gute für 2020!

Liebe Freundinnen und Freunde des Exlibris!

Eine gut aufgelegte Schar von Exlibris-Sammlern und -Sammlerinnen, -Künstlerinnen und -Künstlern blickt auf dem Neujahrsgruß der DEG für 2020 die Betrachter an. Fast könnte es sich um einen Schnappschuss während einer DEG-Jahrestagung handeln, an der die meisten der Dargestellten tatsächlich irgendwann (wenigstens) einmal, manche öfter und einige vielmals teilgenommen haben: Künstler und Künstlerinnen wie Vladimir Zuev aus Russland und Werner Pfeiler aus Österreich oder Natalija Cernecova aus Lettland und Patricia Nik-Dad aus Frankreich, Sammlerinnen und Sammler wie Eva Masthoff aus Deutschland oder Ichigoro Uchida aus Japan und James P. Keenan aus den USA. Der Mann mit der Kamera, Frank-Ivo van Damme, hat sie alle in Holz gestochen, neben den Genannten Soe Nsuki und Jack van Peer aus Belgien, Margo Mulholland aus Deutschland, Laura Liu und Li Futian aus China, Gordon P. Smith aus Großbritannien, Vladimir Vereschagin und Yuriy Nozdrim aus Russland, Giuseppe Mirabella aus Italien, Hasip Pektas aus der Türkei , die unlängst verstorbenen Sofiya Vorontsova aus Deutschland und Jos van Waterschoot aus den Niederlanden sowie nicht zuletzt seine Frau Joke van den Brandt (wie er selbst aus Belgien).
Wir danken dem der DEG seit vielen Jahren eng verbundenen Paar van Damme / van den Brandt, das einen bedeutenden Beitrag zum zeitgenössischen Exlibris geleistet hat und dies auch weiterhin tut (Frank-Ivo u.a mit mehr als 850 Exlibris und Joke gleichfalls mit einer Vielzahl äußerst feiner kalligrafischer Arbeiten), wir danken ihnen sehr für das DEG-PF-Blatt 2020.
Die versammelte Gruppe von Exlibristen aus 13 Ländern – die DEG hat zurzeit sogar Mitglieder in 21 Ländern – mag stellvertretend für die große internationale Exlibrisbewegung stehen, die weltweit friedlich und freundschaftlich durch unermüdliche Pflege und Förderung kleingrafischer Kunst das Leben ungemein bereichert.
In diesem Sinne wünscht der Vorstand der DEG allen seinen Mitgliedern und darüber hinaus den Freunden und Freundinnen des Exlibris in der ganzen Welt alles Gute für das kommende Jahr, Glück, Gesundheit und Frieden!

Herzlichst
Dr. Henry Tauber
für den Vorstand der DEG

(Die PF-Grafik mit dem Holzstich von Frank-Ivo van Damme und der Kalligrafie von Joke van den Brandt wird mit den nächsten Mitteilungen an alle DEG-Mitglieder versandt.)

Exlibris des Monats Dezember 2019

Exlibris des Monats Dezember

Berthold Löffler: Frohe Weihnachten, Radierung 1928

PF’s, also bei einem Künstler für seine Familie und Freunde bestellte individuelle, grafisch gestaltete Grüße und Glückwünsche (pour féliciter), gibt es zu Weihnachten insgesamt seltener als zum Neuen Jahr. Ein Beispiel soll für dieses Weihnachten vorgestellt werden: eine künstlerische Grafik des Wiener Jugendstilkünstlers Berthold Löffler (1874–1960), bei Sammlern und Sammlerinnen bekannt durch sein berühmtes Exlibris für Sigmund Freud.

Auf Löfflers eleganter Weihnachts-Radierung schwebt ein Engel von irgendwoher nach irgendwohin;  die Realität über und unter dem Engel bleibt ausgespart.  Der Engel ist feierlich gekleidet und frisiert wie eine junge Dame der vornehmen Wiener Gesellschaft um 1900, die sich für ein Fest geschmückt hat. Zu diesem Fest bringt sie ein Geschenk mit, das sie mit beiden Händen hält: einen weihnachtlich dekorierten kleinen Tannenbaum, dessen Spitze ein Dreikönigsstern ziert.

Dass die schwebende graziöse und mondäne junge Frau mit ihrer Gabe wirklich ein Engel ist und nicht etwa eine Schlittschuhläuferin, die vom Eis hochspringt, oder eine eilige Ballbesucherin, die auf dem Weg zum Fest auf einer nassen oder glatten Straße ausrutscht, beweisen nur drei bzw. vier runde Striche hinter ihr, durch die man erkennt, dass sie die gesamte Erde fliegend umkreist, um ihr Licht überall zu zeigen. Da sie ein Engel ist, muss sie auch die Kälte nicht fürchten und kann barfüßig schweben, und als spirituelles Wesen braucht sie natürlich auch keine Flügel zum Fliegen – die hat nur die menschliche Rationalität den Engeln verliehen, damit wir uns erklären können, warum sie fliegen können. Auch dass Engel wie schöne junge Frauen oder Männer aussehen,  macht es uns leichter, sie uns vorzustellen.

Doch konzentrieren wir uns auf das, was der Engel auf Löfflers Grafik dem ganzen Erdenrund bringt: Freude (durch sein Geschenk und sein Über-uns-hinweg-Fliegen), Hoffnung und Licht (durch seinen hellen Stern), Frieden (durch seine unaufgeregte und beschaulich-konzentrierte Ruhe) und Schönheit (durch seine gesamte Erscheinung).

Und so wünscht Ihnen die Exlibris-Gesellschaft ebenfalls Frohe Weihnachten.

Ulrike Ladnar

P.S. Wenn Sie Zeit haben, dann haben Sie vielleicht Freude daran, Rilkes Bild von Engeln mit dem Löfflers oder mir Ihrem  eigenen zu vergleichen.

Rainer Maria Rilke: Die Engel

Sie haben alle müde Münde
und helle Seelen ohne Saum.
Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde)
geht ihnen manchmal durch den Traum.

Fast gleichen sie einander alle;
in Gottes Gärten schweigen sie,
wie viele, viele Intervalle
in seiner Macht und Melodie.

Nur wenn sie ihre Flügel breiten,
sind sie die Wecker eines Winds:
als ginge Gott mit seinen weiten
Bildhauerhänden durch die Seiten
im dunklen Buch des Anbeginns.

 

 

 

 

Exlibris des Monats November 2019

Exlibris des Monats November 2019 – Georg Heck (1897–1982): Exlibris für Ludwig Färber, Farbholzschnitt, um 1950

Das eindrucksvolle Werk des Frankfurter Malers und Grafikers Georg Heck, eines leider weitgehend in Vergessenheit geratenen Beckmann-Schülers, wird der Öffentlichkeit bis Februar 2020 im Frankfurter Museum Giersch in einer repräsentativen Ausstellung wieder gezeigt und nahegebracht.
Heck war, wie die Ausstellung sehr anschaulich werden lässt, ein äußerst vielseitiger Künstler, der sich immer wieder neue Themen und Techniken erschloss: So war er nicht nur ein innovativer Maler, sondern auch ein expressiver Holzschneider.
Die Begegnung mit einem Künstler, dessen Leben und künstlerische Entwicklung durch die politische Geschichte Deutschlands häufig entscheidende und einschneidende Veränderungen erfahren musste, ist sehr beeindruckend. So musste Heck sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg an die Front ziehen, geriet nach beiden Kriegen in Kriegsgefangenschaft und stand danach vor einem schwierigen Neuanfang. Auch sein Werk war diesen Brüchen unterworfen. Einige seiner Werke wurden schon 1933 auf dem Römerberg in Frankfurt verbrannt, seine Arbeiten wurden wie die seines Lehrers Max Beckmann von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt und mit Ausstellungsverbot belegt. Sein gesamtes Frühwerk (über 600 Werke), mit dem er in den 1930er Jahren erste Erfolge erzielen konnte, wurde 1944 während der Bombardierungen Frankfurts zerstört. Nach dem Krieg war Heck dann wieder maßgeblich bei vielen neu ansetzenden Orientierungssuchen in der Kunst beteiligt und brachte sich und seine Erfahrungen in zahlreiche neu entstehende Künstlergruppen ein.
Für Exlibrisfreunde ist es immer eine besondere Freude, bei der Ausstellung eines bedeutenden Malers auf ein Exlibris zu stoßen. So auch hier: Unter den Gebrauchsgrafiken ist ein Exlibris zu finden, das Heck  um 1950 für einen in Exlibriskreisen bis heute bekannten Eigner geschaffen hat. Es ist ein Blatt für den Frankfurter Bibliothekar Ludwig Färber, der mit seinem Freund Dr. Willy Tropp, Chemiker in Frankfurt-Höchst, nach dem Zweiten Weltkrieg einen bald über die Rhein-Main-Region hinausreichenden Sammelkreis für Exlibris initiierte, aus dem heraus 1949 die DEG neu gegründet wurde.
Hecks Exlibris für Ludwig Färber, ein einfaches Schriftexlibris, hat durch die Beigabe des antikisierten Kopfes links und der abstrakten Figuren rechts ein eigenes „Gesicht“ erhalten. Die Buchstaben, abgehoben durch die schwarze Umrandung, stechen ebenso ins Auge wie der lebhafte,  teils bewusst schraffiert, teils aus zufälligen farbigen Formen zusammengesetzt erscheinende Hintergrund. Ähnlich wie bei den expressionistischen Schriftexlibris seines Vorgängers Karl Schmidt-Rottluff wird die übliche Ordnung der Typen durchbrochen, so dass das Schriftbild eine eigene Dynamik erfährt. Auch die sehr ungewöhnliche Farbgebung des Blattes – Heck hat erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Arbeit an Farbholzschnitten begonnen –  ist in dieser Form in der Exlibrisgrafik neu. – Außer diesem Exlibris hat Heck für Ludwig Färber einige weitere gebrauchsgrafische Holzschnitte angefertigt, die ebenfalls in der Ausstellung präsentiert werden.

(Ulrike Ladnar und Heinz Decker)
(Bildrechte:   Georg Heck: Exlibris L. [Ludwig] Färber, um 1950, Farbholzschnitt, Kulturkreis Georg Heck e. V., Foto: Uwe Dettmar, Frankfurt a. M.)

Exlibris des Monats Oktober 2019

Laut Johann Wolfgang von Goethe ist ein Sammler ein glücklicher Mensch. Goethe musste es eigentlich wissen, war er doch selbst ein leidenschaftlicher Sammler, dessen Kunstsammlung allein um die 26.000 Objekte betrug, daneben sammelte er Autografen, Bücher, Steine, Fossilien, Münzen u.v.a.m. Sigmund Freud hatte eine gegensätzliche Einschätzung des Sammelns, das er eher für ein krankhaftes Verhalten, eine Art Ersatzhandlung, hielt. Er musste es eigentlich auch wissen, denn er sammelte nicht weniger leidenschaftlich als Goethe. Und auch seine Kollektion war umfangreich und vielfältig und enthielt Antiken, Statuetten, Skarabäen, Ringe u.a.
Unabhängig davon, ob wir Exlibris-SammlerInnen und unsere Umwelt durch unsere langjährige jagende und sammelnde Tätigkeit glücklicher oder angespannter geworden sind, ist das Gründungsblatt, das der Bremer Grafiker Ernst Grünewald anlässlich der Gründungstagung des Deutschen Exlibris-Vereins vor genau 70 Jahren geschaffen hat, eine sehr schönes und gelungenes Bild für das, was die Mitglieder dieser Vereinigung bis heute eint.
In der Mitte des recht großen Blattes steht hoch aufgerichtet ein Sammler, der ein Exlibris gegen das Licht hält und sich sogar noch mit der Lupe darin vertieft und verliert. Dass um ihn herum ein rauer Wind weht, der seine Sammeltasche fast wegtreibt, tangiert ihn nicht. Er ist ein glücklicher Sammler.
Betrachtet man das Blatt genauer und bezieht das Datum, also den 15. Oktober 1949, mit ein, dann erschließen sich auf dem auf den ersten Blick einfachen Holzschnitt viele bedenkenswerte und berührende weitere Aspekte.
Denn wo steht der Sammler da? Inmitten einer Stadt, sozusagen auf deren Hauptplatz. Die Stadt ist kreisförmig mit ihren Fronten zum Hauptplatz hin aufgebaut und der Schriftzug der Widmung umgibt sie wie eine zusätzliche Schutzmauer. Ob Grünewald mit dieser Stadt Bremen, seine Heimatstadt, oder Frankfurt, die Gründungsstadt des Vereins, vor Augen gehabt hat, weiß man nicht genau, aber genau weiß man, dass beide Städte im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurden und 1949 nicht die geringste Ähnlichkeit mit dieser stilisierten altdeutschen Idylle aufwiesen. Und wenn man den Sammler ein weiteres Mal genau ins Augenmerk nimmt, dann fällt auf, dass er sehr mager ist, dass seine Kleidung recht dünn und verschlissen wirkt und dass sein linker Fuß aussieht, als habe er eine Verletzung erlitten.
Ist es das, was Ernst Grünewald, selbst im Krieg verwundet, den Tagungsteilnehmern mitteilen will? Dass das Sammeln auch dabei hilft, Gutes, Glückliches wieder entstehen zu lassen? Vielleicht auch Kraft zum Neuanfang, Wiederaufbau gibt?
Die Lateiner hätten das Blatt vielleicht mit dem Titel Per aspera ad astra versehen, was ausdrücken will, dass man durch raue und quälende, mühsame Wege zu den Sternen gelangt – und die stehen um Grünewalds Sammler herum …

(Ulrike Ladnar)

Exlibris des Monats September

Exlibris des Monats September: Karl Bloßfeld: Exlibris für Dr. med. A. Bräuer, Radierung, 1950

Am 1. September 2019 jährt sich zum 80. Mal der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen.

An diesem Tag wird in Deutschland der Antikriegstag begangen, um der Opfer dieses und aller anderen Kriege zu gedenken. Leider ist sich die Welt wie in vielem andern auch nicht einig darüber, an welchem Tag international die Forderung nach Frieden vertreten werden sollte. Vor der Wiedervereinigung feierte bereits die DDR an diesem Tag viele Jahre lang den Friedens- (auch Weltfriedens-)Tag, in der BRD wurde seit 1956 ein Antikriegstag begangen. Die katholische Kirche begeht ihren Weltfriedenstag am 1. Januar, die Vereinten Nationen haben ihren International Day of Peace am 21. September auf dem Programm. Diesem Datum hat sich auch der Ökumenische Rat der Kirchen mit einem Internationalen Gebetstag für den Frieden angeschlossen, um alle Kräfte, die für den Frieden werben, zu unterstützen. – Trotz der vielen Gedenktage allerdings sind wir noch weit entfernt vom allgemeinen friedlichen Zusammenleben aller Menschen auf der Welt.

Gegen den Krieg und für Frieden wirbt auch das Exlibris, das der deutsche Exlibriskünstler Karl Bloßfeld (1892–1975) für den Großsammler Dr. Arthur Bräuer radiert hat. Über eine rurale Landschaft, in der sich Scharen von miteinander Kämpfenden tummeln, schreitet die monsterhafte Figur des Kriegs, die in der linken Hand eine Schar Menschlein zerdrückt. Wo das riesige affenartige Monster hintritt, hinterlässt es eine Spur der Zerstörung. Bei der Bildkomposition hat sich Bloßfeld vielleicht von der ersten direkt für den Film erfundenen Monsterfigur King Kong (1933) inspirieren lassen. Im Hintergrund sehen wir als Gegenbild im hellen Licht eines Strahlenkranzes einen antiken Frauenkopf als Symbol des Friedens. Das Motto „IN ARTE PAX“ (In der Kunst ist Frieden) verrät die Intention von Künstler und Auftraggeber.

(Heinz Decker)

Exlibris des Monats August

Exlibris des Monats August: Hanna Głowacka: Exlibris für Emil Kunze, Radierung und Aquatinta, 2005

August – das ist Sommer. Sommer – das sind Ferien, das ist Urlaub, das sind Reisen, sonnige Tage am Strand oder zuhause auf dem Balkon oder in Parks und Gärten. Gesellige Grillabende, laue Abende in Straßencafés oder in gemütlichen Straußenausschänken. Auf jeden Fall: sich frei fühlen, draußen sein, Spaß haben.

An vielen Orten ist es auch die Zeit der Freilichtbühnen – einer anderen Form des Theaters während der offiziellen Theaterferien der Schauspiel- und Opernhäuser. Theater im Freien: in romantischen Innenhöfen, vor imposanten Naturkulissen oder malerischen Schloss- und Klosterruinen. Oft entspricht das Programm der Aufführungen der sommerlichen Atmosphäre der Schauplätze; es werden mehr Komödien als Tragödien gespielt, die Stimmung im Zuschauerraum ist erwartungsfroh, entspannt, heiter. Man will nicht nur das Theaterstück, die Schauspielkunst und Regieführung genießen, sondern eben auch den schönen Ort und den schönen Sommerabend; meist ist es noch am Ende der Aufführung ein wenig dämmrig.

Eines der besonders häufig gespielten Stücke bei diesen Gelegenheiten ist Shakespeares Komödie Sommernachtstraum. Der Reiz dieser Komödie besteht in dem raschen und unvorhersehbaren Aufeinandertreffen von Personen aus unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen (Herrscher, Liebende, Elfen und Handwerker). Theseus, der Herzog von Athen, will die Amazonenkönigin Hippolyta heiraten; die Hochzeitsvorbereitungen sind in vollem Gange. Da platzt ein Athener Edelmann herein, Egeus, der den Herrscher um Beistand bittet. Seine Tochter Hermia soll Demetrius heiraten, ist aber in einen anderen, nämlich in Lysander, verliebt. Hermias Freundin Helena wiederum liebt den von Hermias Vater für diese bestimmten Demetrius. Theseus legt Hermia Gehorsam gegenüber dem Vater auf, und diese beschließt, mit Lysander zu fliehen. Dazu verabredet sie sich mit dem Geliebten für den folgenden Abend im Wald. Dort proben bereits sechs Athener Handwerker für die Aufführung einer tragischen Komödie, die sie bei der Hochzeit ihres Herzogs darbieten wollen. Versteht man bislang die Handlung und die Vorhaben, Pläne, Geheimnisse und Sehnsüchte der vielen Personen, so kommt es im Laufe der Handlung dann im nächtlichen Wald zu vielfältigen komischen, tragischen und grotesken Zusammenkünften, Vorfällen, Verwandlungen (so erhält einer der Handwerker, Zettel, einen Eselskopf), Verwechslungen und Missverständnissen, in die sich außerdem noch ein Puck und die Elfen und deren Herrscherpaar Oberon und Titania mit allerlei Zauber und einem Liebesnektar einmischen; letzteren träufeln sie teils irrtümlich, teils aber auch vorsätzlich auf die falschen Personen. Die Verkleidungen der Schauspieler tun ein Übriges. Wer ist in dieser Nacht wer? Und wer spielt wen? Und wer liebt wen? Und wer liebt nur als Folge eines Zaubers? Und wessen Liebe ist darüber verflogen? Und wer vermag sich nach vielen Verstrickungen und Verwirrungen wieder zurechtzufinden und zum richtigen Partner zurückzufinden? Das alles lässt sich in wenigen Sätzen nicht zusammenfassen, aber ein Zitat aus dem Stück kann diese Zusammenfassung überzeugend leisten:

„Die Liebe sieht nicht, sondern träumt und sinnt,
Drum malt man den geflügelten Amor blind.
Auch hat ihr Traum von Urteil keine Spur:
Flügel und blind! So hastet Liebe nur,
Die Liebe, die man oft ein Kind drum nennt,
Weil ihre Wahl sich kindisch oft verrennt.“

Auch Hanna Głowacka ist in ihrem Exlibris für Emil Kunze eine Art Zusammenfassung der Komödie gelungen: Da sitzt der eselsköpfige Zettel, an einen Baum gelehnt, und in seinem Schoß ruht die Elfenkönigin Titania. Hinter diesem spärlich bis kaum bekleideten Paar (Shakespeare-Kenner mögen wissen, dass beide von Puck auf Befehl Oberons so manipuliert worden sind, dass sie sich in dieser romantischen Situation befinden) tummeln sich in dem von Sternen erleuchteten Wald paarweise Liebende und einsame MondanbeterInnen, die dem Zauber der Sommernacht oder dem Zauber des Nektars oder auch dem Zauber der Liebe verfallen sind.

Die DEG wünscht Ihnen erlebnisreiche sommerliche Theaterabende im Freien, dabei kann auch das folgende Zitat Shakespeares zur Orientierung beitragen: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab“.

(Ulrike Ladnar)

Exlibris des Monats Juli 2019

Exlibris des Monats Juli 2019: Jean Lebedeff, Exlibris für Louis Lanoizelée, Holzschnitt 1951

Was an der Beschäftigung mit Exlibris so viel Freude macht, ist u.a., dass man immer wieder sehr viele neue Perspektiven und Zusammenhänge entdecken kann, so auch auf dem Exlibris des Monats Juli. Es wurde 1951 von dem Holzstecher Jean Lebedeff für Louis Lanoizelée gefertigt. In den 1950er Jahren waren Exlibris oft noch buchgerecht, wie man das heute nennt, also für den Gebrauch geeignet: recht klein und mit einem klaren gegenständlichen und realistischen Motiv und dem gut lesbaren Namen des Buchbesitzers versehen.

Das Motiv des Künstlers ist nicht besonders originell, kennt man es doch aus Parisbesuchen und aus zahlreichen Filmen: Es handelt sich um die realistische Darstellung von Bouquinisten und ihren Ständen am Seineufer.

Bei genauerem Hinschauen sieht man im Hintergrund die beiden Türme der Kathedrale Notre Dame, deren Brand im April dieses Jahres nicht nur die Menschen in Paris, sondern weit darüber hinaus in der ganzen Welt bewegt hat. Der Vordergrund verrät uns, dass wir den Quai des Grands Augustins sehen. Ein Bouquinist sitzt auf einem mit einem Kissen zum längeren Verweilen ausgestatteten Schemel und liest. Auf potentielle Kunden achtet er so wenig wie auf die große Stadt, die sich hinter ihm zeigt. Aime la vie, so fordert ein Spruch auf einem Band auf, der wie eine Wolke über den Türmen von Notre Dame schwebt, man solle also das Leben lieben, und das werde Früchte tragen. Ob der Bouquinist einem diese Lebensweisheit mitteilen will, ob er sie gerade liest oder ob der Künstler sie angesichts der gut beobachteten Szene formuliert, weiß man nicht, aber man denkt nach über diese Art, das Leben zu lieben: Sie besteht nicht im eiligen Durch-das-Leben-Laufen, um möglichst viel zu sehen und zu erleben, dort hinten in der schönen Stadt oder anderswo, sondern darin, sich leise und konzentriert zu versenken in das, was wichtig für einen ist, für den lesenden Mann ist das sein Buch. Und im Hintergrund warten schon die nächsten…

Der Künstler, Jean Lebedeff (1884–1972), war der Sohn eines russischen Getreidehändlers. Er erhielt eine Ausbildung auf See und war als Kapitän auf einem Wolgaboot tätig. Er floh dann aus Russland, weil er Repressalien befürchten musste, und lebte ab 1909 in Paris, wo er mit zahlreichen Künstlern bekannt wurde und seine Berufung fand, als er die Xylografie, also die Holzschneiderei, erlernte. Seine Kunst nutzte er nicht nur dafür, Hunderte von Büchern zu illustrieren, zahlreiche freie Grafiken und Exlibris zu stechen, sondern im Zweiten Weltkrieg auch zum Fälschen von Ausweisdokumenten für jüdische Flüchtlinge, die er vor der Gestapo schützen wollte. Den Besitzer des Exlibris, Louis Lanoizelée (1896–1990), kannte und schätzte er, denn er hat zahlreiche Bücher dieses außergewöhnlichen Menschen illustriert und so zu bibliophilen Werken gemacht.

Lanoizelées Leben war so außergewöhnlich wie das von Lebedeff. Er ist der Sohn eines Minenarbeiters im Nivernais; seine Schulausbildung dauerte nur drei Jahre. Ab 1908 arbeitete er in unterschiedlichen Zusammenhängen: als Diener, Radbauer, Bergarbeiter, Fuhrmann u.a. Vier Jahre lang kämpfte er im Ersten Weltkrieg, danach setzte er sein arbeitsreiches Leben in Paris und anderswo fort. 1931 begann Lanoizelée zu schreiben, und im Jahr 1935 ließ er sich als Antiquar auf den Grands Augustins nieder, wo er über 42 Jahre lang auf demselben Platz seine Bücher anbot – oder Bücher las und Bücher schrieb. Denn seine Werkliste ist sehr lang, man verdankt Lanoizelée neben Erzählungen, Zeitungsartikeln und Biografien vor allem zwei bedeutende Werke: eine umfangreiche Studie über den Bergbau in seiner Heimat und eine Studie mit dem Titel Les bouquinistes des quais de Paris, deren Illustrierung übrigens Jean Lebedeff zu verdanken ist, der für den Einband eine Szene wählte, die der auf dem hier vorgestellten Exlibris sehr ähnlich ist.

Eine letzte Bemerkung: Die Lebensdaten der beiden Künstler, die beide in schwierigen Zeiten leben mussten und ihre Lebenswege nicht unter günstigsten Umständen begannen, lässt hoffen, dass die Beschäftigung mit Kunst und Literatur und Büchern mindestens genauso gesund ist wie der in diesem Zusammenhang meistens besonders gerühmte Sport.

(Ulrike Ladnar)

Exlibris des Monats Juni 2019

Exlibris des Monats Juni 2019

Traditionellerweise stellen wir als Exlibris des Monats Juni das Bucheignerzeichen des DEG-Wettbewerb-Gewinners bzw. der -Gewinnerin vor, das auf der DEG-Tagung Anfang Mai von den anwesenden Teilnehmern zum besten im abgelaufenen Jahr gestalteten Exlibris gewählt wurde. Da in diesem Jahr zwei Exlibris die gleiche Stimmenzahl erhielten, ging der Preis an zwei Künstler, so dass dieses Mal auch zwei Grafiken für das „Exlibris des Monats“ vorzustellen sind:

Safiya Piskun: Exlibris für J.H. (= Johan Hellekate), Radierung, 2019

„Lebenszyklus“ ist das Exlibris von Safiya Piskun betitelt. Eine nach links gerichtete schwangere Frau auf satter Wiese trotzt in aufrechter Haltung heftigem Gegenwind. Ihr langes Haar und das umwickelte Gewand werden vom Wind gegen den rechts hinter ihr stehenden knorrigen Baum geblasen, von diesem gestoppt und gleichsam aufgesogen. Auf Vereinnahmung aus treibt der Baum Äste und Wurzeln gegen die rechte Gestalt. Die einst junge, kraftstrotzende Frau ist zum Tod geworden, kleiner, in sich zusammengesackt, das Gewand, in gleicher Schraffur wie der Baum, nun nicht mehr horizontal bewegt, sondern vertikal zum Boden herabhängend.

Der Lauf des Lebens, nicht als traurig empfunden, sondern gewissermaßen nach vorn schauend, und wenn die Zeit für unabänderliche Wendungen kommt, diese „gut“ annehmend. Dafür stehen nicht nur Gesten wie die in Augenhöhe emporgehobene blühende Blume, sondern vor allem die Farben. Dort, wo die Wiese im Vordergrund das Gewand „berührt“, schießen bunte Blumen in die Höhe wie treue Begleiter, blau, gelb, grün, weiß. Auch der Baum, der die meisten Blätter wohl schon abgeworfen hat, sendet noch zahlreich leuchtende Farbsignale. Und selbst an die dunkle rechte Figur reichen blumige Farbtupfer heran.

Bemerkenswert, dass Safiya Piskun im DEG-Wettbewerb, an dem Künstler jeweils mit insgesamt bis zu 8 Grafiken teilnehmen können, nur mit diesem einen Exlibris vertreten war und dass diese eine Grafik sowohl das Publikum als auch die Jury überzeugte, denn die Juroren platzierten die Künstlerin damit auf Rang 1 im Künstlerwettbewerb.

Safiya Piskun, 1982 in Minsk geboren, erhielt mehrmals Stipendien des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst), die sie an die Kunstakademie Münster/Westfalen führten. Abgesehen von einem ersten Exlibris 2003, hat sie seit 2008 rund 65 Exlibris-Radierungen geschaffen. Zurzeit zeigt das dänische Frederikshavn Kunstmuseum & Exlibrissamling eine gemeinsame Werkschau von Safiya Piskun und ihrer gleichfalls aus Minsk stammenden Künstlerkollegin Marina Maroz.