Exlibris des Monats Dezember 2020 – Luigi Kasimir: Winterstimmung

Exlibris des Monats Dezember 2020 – Luigi Kasimir: Exlibris für Prof. Dr. Siegfried Gross, um 1905, Radierung

Weiße Weihnachten – ist das nicht der Traum der meisten Kinder und auch noch vieler Erwachsener? Verfolgt man nicht fast angespannt seit Dezemberanfang die langfristigen Wetterprognosen für den 24. Dezember und die Zeit danach? Weckt die Vorstellung eines weißen Weihnachtsfests nicht nostalgische Träume an Vergangenes, an Glück und Freude?

Dieses Jahr führt die Frage danach, ob Weihnachten weiß sein wird, unsere Prioritätenliste nicht an. Statt auf den Himmel und seine Schneeverheißungen zu blicken, schauen wir auf den Bildschirm und betrachten die Zahlen, die uns den Verlauf der Covid-Pandemie verdeutlichen. Grundsätzlicheres als das Wetter steht seit Mitte November im Vordergrund: wie und in welchem Kreis man Weihnachten in diesem Jahr überhaupt feiern kann. Und das scheint jetzt, Ende November, abgeklärt zu sein. Ja, man wird ein Familien- oder Freundesfest feiern können zu Weihnachten – aber es wird anders sein als bisher.

Doch geben wir angesichts des schönen und stimmungsvollen Winterbilds einer schneebedeckten historischen Stadtkulisse, das Luigi Kasimir auf seinem Exlibris für Professor Dr. Siegfried Gross radiert hat, eine Weile einfach unseren nostalgischen Sehnsüchten Raum.

Alles wirkt weiß dort, sauber, aber leicht verschwommen und unwirklich. Die Tageszeit lässt sich kaum bestimmen. Ist es früher Morgen? Oder schon Abend? Eine Stadtlaterne scheint vor dem linken Haus zu leuchten, und auch rechts vermeint man das eine oder andere Licht schimmern zu sehen. Der Himmel wirkt hell, vielleicht aber täuscht da auch nur eine tiefhängende weißgraue Schneewolke. 

Wer Wien, wo das Bild zu verorten ist, kennt, wird links, ein wenig im Hintergrund, unschwer die Hauptfront der Winter Universität erkennen und rechts den schmalen Steig, der hinauf zur Mölker- Bastei führt. Auch der, dem Wien nicht aus eigener Anschauung vertraut ist, wird sofort das alte Wien vor Augen haben, weil dieser Steig und diese ab 1531 entstandene Bastei mehrfach als Filmkulisse für historische Filme wie Der Dritte Mann 

und Das Dreimäderlhaus gedient hat. Denn dieser Ort konnte trotz seiner langen Geschichte mit vielen Umbaumaßnahmen immerhin seit der Zeit, als Franz Josef I, um seinen architektonischen Wientraum zu erfüllen, das damalige alte Wien radikal verändert hat, weitgehend unverändert bleiben – so, wie auch Luigi Kasimir ihn um 1905 festgehalten hat. Damals war der 1881 geborene Künstler noch im letzten Jahr seiner Ausbildung und stand erst am Beginn einer Künstlerkarriere, deren Reputation aufgrund seiner 28 Jahre später erfolgten frühen Zustimmung zu nationalsozialistischer Ideologie und Handlungsweise seit langem gebrochen ist.  

Die schneebedeckten Plätze und Straßen der Stadt sind leer und wenn man sich hineinversetzt, meint man fast die Stille der Stadt zu hören. Nur im Hintergrund sieht man eine einsame Gestalt, die auf die Universität zugeht. Aber auch diese Gestalt ist unbestimmt, es scheint ein Mann zu sein, aber sicher kann man das nicht ausmachen. Ob die Gestalt wirklich ganz allein ist, lässt sich ebenfalls nicht eindeutig bestimmen. Hält rechts von ihm nicht vielleicht gerade ein Fiaker mit seinem Fahrer davor? Und spazieren links vor dem Haus vielleicht nicht doch zwei Passanten, vielleicht sogar mit Hund, vorbei? Ich kann es auch mit Lupe nicht genauer festlegen. Vielleicht wachsen dort auch nur Büsche.

 

Je länger man die Szenerie betrachtet, desto mehr verwandelt sich die auf den ersten Blick präzise topografische Stadtarchitektur in eine geheimnisvolle märchenhafte Welt.

Ob es der Eigner, ein Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Universitätsprofessor, ist, der an diesem stillen Tag zu seiner Arbeitsstätte geht, weiß man nicht, wohl aber, dass er ein wiss- und lesebegieriger Mann ist, denn den unteren Bildrand füllen viele im Schnee liegende und aufgeschlagene Bücher.

Auf jeden Fall verbringt diese Person diesen Tag oder eben auch Abend wohl allein. Dass er dabei Ruhe und Frieden findet, ist ihm zu wünschen.

Und uns allen ist zu wünschen, dass unser Weihnachten ruhig und friedlich wird und dass wir es bei guter Gesundheit feiern. Doch ganz so allein wie diese einsame Gestalt sollte keiner sein.

(Ulrike Ladnar)

Exlibris des Monats November 2020 – Mariya Plyatsko: Memento Vivere

Exlibris des Monats November 2020 – Mariya Plyatsko für Ulrike Ladnar, 2019, Radierung

Dass man bei der Suche für ein Exlibris des Monats November bei Blättern mit MEMENTO MORI-Motiven anfängt, ist keineswegs überraschend. Friedhofsbesuche fallen einem ein und das Rascheln der abgefallenen Blätter unter den Schuhen.

Schon der Kalender dieses Monats weist viele Gedenk- und Trauertage auf. Das fängt mit Allerheiligen und Allerseelen – einem Gedenktag der röm.-katholischen Kirche für die Verstorbenen – an und setzt sich mit dem evangelischen Buß- und Bettag und dem Totensonntag, an dem die evangelischen Gläubigen an ihre Verstorbenen denken, fort. Dazwischen ist der staatliche Volkstrauertag verankert, der seit dem Ersten Weltkrieg als ein Heldensonntag gefeiert wurde und der Erinnerung an die gefallenen Soldaten galt; heute aber wird differenzierter mit diesem Gedenktag umgegangen, in Hessen z. B. ist er als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten beider Weltkriege definiert.

Klimatologisch kann man dem November auch wenig Heiteres abgewinnen. Rühmt sich der Oktober noch (in diesem Jahr weitgehend unberechtigt) des Epithetons golden, so assoziiert man mit dem November als Folge der stetig sich verkürzenden Tage Dunkelheit, Nebel, Kälte, Regen und Sturm. Im Mittelalter wurde deswegen versucht, den Monatsnamen einzudeutschen: Windmond sollte er heißen oder auch Nebelung. Doch er blieb bis heute etymologisch der neunte Monat, der November eben.

Aus medizinischer Sicht gilt der November aufgrund seiner zunehmend trübe und dunkler werdenden Tage, was den Serotonin-Spiegel sinken lässt, auch als Monat der trüben Stimmungen. Wir alle verwenden seit etlichen Jahren den Begriff Novemberblues, wenn wir eine Neigung zu leichten Verstimmungen und Melancholien beschreiben wollen. Ob der Novemberblues sich sonst wegtanzen lässt, weiß ich nicht, aber in diesem Jahr wird das bestimmt nicht gelingen. Denn in diesem Jahr könnten aufgrund der wieder stärker sich ausbreitenden und aktivitätslähmenden Pandemie noch mehr Menschen als sonst in die Gefahr geraten, in eine traurige Stimmung zu verfallen: Sorgen um die eigene Gesundheit und die der Familie, Sorgen um den Arbeitsplatz, das Einkommen, die wirtschaftliche Situation, Bedenken, ob man überhaupt noch wie gewohnt Weihnachten feiern kann u. v. a. m.

Auf jeden Fall wollte ich kein MEMENTO MORI-Blatt wählen, sondern eher etwas Gegenteiliges. Und fündig bin ich bei einem Blatt geworden, das die junge ukrainische Künstlerin Mariya Plyatsko 2019 radiert hat. Das Thema, das zu gestalten sie gebeten worden ist, lautet MEMENTO VIVERE (Gedenke zu leben).

Die junge Künstlerin hat auf ihrem Exlibris zu diesem Thema eine Geschichte erzählt, die eine Frau in zwei unterschiedlichen Lebenssituationen, Lebensphasen zeigt. Links erscheint sie uns nur umrisshaft, gesichtslos, sie ist nur mehr, wie man so sagt, ein Schatten ihrer selbst. Ihr Körper, ihr Gesicht, ihr Ich ist nicht mehr erkennbar. Sie hat sich aus dem Leben der anderen zurückgezogen, ist aus dem Leben zurückgetreten. Warum das so 

ist, weiß man nicht. Sie kann krank sein, sehr krank, sie kann Sorgen haben, die sie auffressen, sie kann einen Verlust erlitten haben, den sie nicht verarbeiten kann. Sie kann vor einem zerbrochenen Lebenskonzept stehen, vor einem gescheiterten Lebensplan. Sie könnte an einem Ort sein, an dem sie nicht sein will, sie kann einsam sein. Auf jeden Fall ist sie in eine tiefe Krise geraten.

Doch dann hat sie sich aus dieser Krise herausgearbeitet und geht zurück ins Leben.

Und so steht sie nun ein zweites Mal vor uns, und zwar selbstbewusst in der Mitte des Blattes. Mit offenen Augen blickt sie nach vorne. Ihre Gesichtszüge sind wieder deutlich erkennbar, ein kleiner Schatten umdunkelt ihre Augen noch, aber ihr Mund scheint zum Lächeln bereit zu sein. Ihr Busen ist wieder voll und sinnlich. Nur noch schemenhaft zu erahnen und fast verschwunden ist der Arm, mit dem sie in der Krise ihre Abwehrhaltung von der Welt manifestiert hat. Nun sind ihre Arme wieder weit ausgebreitet und wollen sich der Welt öffnen, die Welt umarmen. Vor ihr erblüht rechts unten in den leeren Raum hinein bereits eine Blume. Aber sie hält in ihrer rechten Hand noch eine schwarze, tote Blume, die sie auf ihren Kampf zurück ins Leben aus ihrem lebensfeindlichen Dämmerzustand mitgebracht hat, doch bald wird sie nach der darunter sich öffnenden Blüte greifen, die die Künstlerin verlockend signalrot rot koloriert hat. Und alles wird wieder gut werden. Memento vivere! Was für ein schönes Motto für diesen Monat und die nächste Zeit.

Ulrike Ladnar

EL des Monats Oktober 2020 – Lembit Löhmus: Wiedehopf

Exlibris des Monats Oktober 2020
Lembit Löhmus für Tomas Ostermann, Wiedehopf, 2019, C2, 60 x 60 mm

Die Jury des DEG-Wettbewerbs für Exlibris und Gelegenheitsgrafik 2020 hat Lembit Löhmus zum Sieger gewählt und würdigt mit dem 1947 geborenen Esten einen der herausragenden zeitgenössischen Exlibriskünstler. Im Wettbewerb, in dem nur Arbeiten aus den Jahren 2019 und 2020 zugelassen waren, war Löhmus mit zwei brillanten Kupferstichen vertreten: Leda mit dem Schwan für Klaus Rödel und dem hier gezeigten Wiedehopf für Tomas Ostermann.
Der knapp 30 cm große, dank seines aufrichtbaren Federkamms, dem langen, gebogenen Schnabel und dem hell-dunkel gestreiften Gefieder besonders auffällige Vogel ist in der Alten Welt recht verbreitet, sein Bestand insgesamt wohl gesichert, wenngleich er in einigen Ländern Mitteleuropas auf den Roten Listen steht oder sogar ausgerottet ist – weit bekannt und dennoch von vielen niemals in der Natur selbst beobachtet.
Der Eigner des Löhmus-Blattes, Tomas Ostermann, sah bei seinem ersten Aufenthalt 1993 in Portugal „diesen lustigen Vogel“, der „keine besondere Scheu zeigte“, in unmittelbarer Nähe seiner Unterkunft. Auch „an der örtlichen Mülldeponie“ traf er ihn an. Der Sammler denkt, dass „jeder, der einen Wiedehopf sieht, von diesem Vogel begeistert ist.“
Obwohl er zu biblischen Zeiten als “unreines” Tier galt, dessen Verzehr verboten war, benutzte König Salomo ihn als Boten zwischen sich und der Königin von Saba und bat ihn um Unterstützung beim Bau des Ersten Tempels in Jerusalem. Ovid ließ in seinen Metamorphosen den Thrakerkönig Tereus sich in einen Wiedehopf verwandeln. 1976 war der Wiedehopf in Deutschland Vogel des Jahres. 2008 wurde er zum Nationalvogel Israels erkoren.
In der Heraldik taucht(e) er als Gemeine Figur auf, in Seitenansicht mit der Hauptblickrichtung nach heraldisch rechts – ganz so wie auf dem Exlibris von Löhmus.

Auf die Kupferstichmanier des Meisters dieser extrem aufwendigen Tiefdrucktechnik treffen alle möglichen Synonyme von Präzision zu: Klarheit und Schärfe, Prägnanz und Akribie, Strenge und Genauigkeit, Akkuratesse und Feinheit, geradezu exemplarisch verwirklicht in seinem Wiedehopf-Exlibris. Löhmus hat mehr als 500 Grafiken geschaffen, darunter eine Vielzahl von Exlibris für Sammler aus rund 30 Staaten, als Kupferstiche, aber auch als ebenso beeindruckende Holzstiche und Stahlstiche, in vielen internationalen Ausstellungen gezeigt und mit zahlreichen Auszeichnungen versehen.

Kein Wunder, dass er auch als Gestalter von Briefmarken hervorgetreten ist. Für sechs Staaten: die Sowjetunion, Kasachstan, Schweden, Lettland, Litauen und nicht zuletzt Estland hat er mehr als 200 Briefmarken kreiert, und erhielt auch für diese eine ganze Reihe von Preisen.
Seine „populärste“ und am meisten verbreitete Arbeit ist jedoch zweifellos der Entwurf der nationalen Seite der estnischen Euro-Münzen, der, für alle Stückelungen identisch, die geografische Abbildung Estlands zeigt!

Henry Tauber 

EL des Monats September 2020 – Konstantin Kalynovych: Vineyard in Heaven

Exlibris des Monats September 2020: Vineyard in Heaven Konstantin Kalynovych: Exlibris für Jana K. & Peter B., 2013, C 3, 98 x 108 mm

So früh wie selten beginne dieses Jahr die Weinlese in Deutschland, konnte man vor kurzem in verschiedenen Zeitungen lesen, die Ernte früh reifender Sorten für den Federweißen setzte beispielsweise in Rheinland-Pfalz schon vor Mitte August ein, und die Hauptlese soll Anfang September beginnen.

Da liegt es nahe, als Exlibris des Monats September ein Blatt zu präsentieren, in dem die Weinlese im Mittelpunkt steht. Konstantin Kalynovych hat es für Jana K. & Peter B. radiert. In der Mitte der Radierung sieht man einen halbnackten Mann in einem riesigen Bottich stehen, der wohl mit seinen Füßen kraftvoll die Reben zerstampft, um aus ihnen so viel von ihrer süßen Flüssigkeit zu gewinnen, wie es nur möglich ist. Man muss schon auf einer angelehnten Leiter hochsteigen, um ihm bei seiner Arbeit zu helfen. Manche der ihn umstehenden Buttenträger, die die von ihnen mit der Hand gelesenen Früchte auf dem Rücken zu ihm schleppen, stecken sich auch noch die eine oder andere der Weintrauben in den Mund. Unten rechts stehen Maultiere und Ochsen bereit, um die Früchte zur Kelter zu bringen.

Die Szene mit dem Karren und den Herbstern, wie die Helfer bei der Weinlese früher hießen, vor dem prächtigen Schloss im Hintergrund deutet man schnell als Ins-Bild-Setzen einer idyllischen Erntesituation aus längst vergangenen Zeiten. Romantisch, denkt man, so ganz ohne diese modernen Vollerntemaschinen.

Bei genauerer Betrachtung sieht man, dass sich das zentral positionierte Fass dieser Deutung entzieht: Denn es erscheint eigentlich wie eine eigene Welt, ein eigener Globus, die angelehnte Leiter wird zur Jakobsleiter, der Leiter, die Erde und Himmel miteinander verbindet und die man auf vielen Gemälden und an Außen- und Innenwänden vieler Klöster und Kirchen des Mittelalters und der frühen Neuzeit findet. Die Weinberge unten verwandeln sich in luftige Wolken oben. Der Winzer im Fass in der beschienen Erdkugel wird zur Christusfigur und die Butten auf den Rücken der Helfer werden zu Engelsflügeln. Dass der Künstler seinem Blatt handschriftlich einen Titel gibt, nämlich Vineyard in Heaven, bestätigt, dass es ihm nicht in erster Linie um stimmungsvolle nostalgische Herbst-Reminiszenzen geht, sondern um eine bildstarke, differenzierte Darstellung der religiös-moralischen Frage, wie die Beziehungen des heutigen Menschen und seines Weinbergs, also der Lebensrealität seiner Gesellschaft, zu dem göttlichen Weinberg aussehen.

Die Exlibris von Konstantin Kalynovych, einem 1959 in Novokusnezk, einer Stadt im südwestlichen Sibirien, geborenen ukrainischen Künstlers, erkennt man meistens auf den ersten Blick. Künstlerisch stechen sie durch ihre technische Perfektion hervor; inhaltlich begegnet man auf ihnen vielen Motiven und Figuren, die einem vertraut sind und die man bei genauerer Betrachtung großen Gemälden der letzten Jahrhunderte zuordnen kann. Man wird an Rembrandt erinnert, an Vermeer, stößt auf Botticellis Venus und Klimts Adele Bloch und viele andere berühmte Ikonen der Kunstgeschichte; dabei kommt es auch zu überraschenden Begegnungen zwischen Figuren unterschiedlicher Zeiten und Kulturen.

Das hier vorgestellte Exlibris des Monats erinnert nicht nur an etwas, sondern scheint geradezu etwas zu kopieren: ein Monatsblatt nämlich aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry (Les Très Riches Heures), das der Herzog 1410 in Auftrag gegeben hatte und an dem die drei beauftragten Künstler – die drei Brüder Limburg, denen Kalynovych sein Exlibris auch gewidmet hat – bis zum Tod des Herzogs im Jahr 1416 gearbeitet haben. Die unvollendete und ungebundene Handschrift gelangte an das Haus von Savoyen, wo es von einem anderen Künstler, Jean Colombe, vollendet wurde, um dann jahrhundertelang für spurlos verschwunden zu gelten. Aber das ist nicht das heutige Thema, deswegen nur so viel: Man kann es seit über einem Jahrhundert im Schloss Chantilly betrachten.

 

Wenn man das Exlibris mit seiner wunderbaren Vorlage genauer vergleicht, so fällt auf, dass Kalynovych nur auf den ersten Blick vieles beibehalten hat: das Schloss, die Weinberge, die Traubenlese, der Karren mit den Maultieren, die Personen, die die Trauben versuchen, und viele Details, so die Frau links, die über das beim Bücken entblößte Hinterteil eines erntenden Mannes rechts lachen muss und vieles andere mehr. Aber der zentrale Unterschied ist frappierend: Steht dort das prächtige und glanzvolle Loire-Schloss Saumur im Mittelpunkt, so tritt es ebenso wie der Turnierplatz darunter bei Kalynovych zurück hinter seinem zentralen Motiv über der Himmelsleiter.

Wenn Sie das September-Monatsbild aus dem Stundenbild des Herzogs von Berry mit dem September-Exlibris von Konstantin Kalynovych genauer vergleichen wollen, als es auf diesem engen Raum möglich ist, so finden Sie es wie die anderen 11 Monatsbilder auch bei Wikipedia unter dem Stichwort Les Très Riches Heures abgebildet. Auf der Website des Künstlers können Sie dann auch andere seiner Umdeutungen der mittelalterlichen Monatsbilder betrachten – und ich verspreche Ihnen, dass Sie, wenn Sie sich damit eine verregnete Septemberstunde vertreiben, eine anregende Zeit haben werden, in der Sie ausfallende Kongresse, Regen, Corona und alles andere einmal vergessen.

Ulrike Ladnar

 

Exlibris des Monats August 2020 – Der Mann im Mond, ein Gedicht von Mascha Kaléko

Exlibris des Monats August 2020:
Der Mann im Mond, ein Gedicht von Mascha Kaléko
Elena Kiseleva für Birgit Göbel-Stiegler, 2019, kol. Radierung

Mascha Kaléko: Der Mann im Mond
Der Mann im Mond hängt bunte Träume,
Die seine Mondfrau spinnt aus Licht,
Allnächtlich in die Abendbäume,
Mit einem Lächeln im Gesicht.

Da gibt es gelbe, rote, grüne
Und Träume ganz in Himmelblau.
Mit Gold durchwirkte, zarte, kühne,
Für Bub und Mädel, Mann und Frau.

Auch Träume, die auf Reisen führen
In Fernen, abenteuerlich.
– Da hängen sie an Silberschnüren!
Und einer davon ist für dich.

Die Verse der Lyrikerin Mascha Kaléko (1907–1975) sind bis heute bei vielen Menschen wegen ihres leichten und heiteren Tons, hinter dem immer wieder eine hintergründige Melancholie aufscheint, sehr beliebt.

Dabei war das Leben Mascha Kalékos nie wirklich leicht. Geboren als Tochter eines jüdisch-russischen Vaters und einer jüdisch-österreichischen Mutter in Galizien, hat sie schon früh erfahren müssen, was Fluchten sind. Auch in Deutschland, wo die Familie zum Schutz vor Pogromen eine neue Heimat suchte, war das Leben schwierig, da der Vater als „unerwünschter Ausländer“ galt. In den 30er Jahren erzielte Mascha Kaléko in Berlin erste Erfolge mit ihren Versen, 1933 gelang ihr mit ihrem Lyrischen Stenogrammheft der Durchbruch. Damals war den Nationalsozialisten noch nicht bekannt, dass sie Jüdin war. Doch bald wurden auch ihre Bücher verboten wie die vieler anderer Schriftsteller. 1938 floh sie mit Mann und Sohn nach Amerika. 1957 kehrte sie zurück nach Deutschland, doch wanderte sie bald mit ihrem Mann nach Jerusalem aus. – Das Gedicht von Mann im Mond entstand in den 50er Jahren in New York. 

Zu diesem Gedicht hat Elena Kiseleva, eine in der Exlibrisszene bekannte und geschätzte russische Künstlerin, 2019 für Birgit Göbel-Stiegler ein Exlibris radiert, das eine genauso  heitere und beglückende Atmosphäre erzeugt wie das Gedicht.

Ein bisschen erinnert der auf einer Perlenwurzel um den Mond schwebende Baum, an den Elena Kiselevas Mann im Mond Träume für uns hängt, an einen Traumfänger, ein aus der Kultur der indigenen Völker Nordamerikas stammendes Kultobjekt, das sich in den letzten Jahrzehnten auch bei uns sehr verbreitet hat, um vor schlechten Träumen zu schützen. Auch der fliegende Mann im Mond selbst und seine anmutige Mondfrau sehen fremd aus, sie könnten allen oder keiner der uns bekannten Kulturen entstammen, könnten früheren oder zukünftigen Zeiten angehören. Aber wer kann schon wissen, wie der Mann im Mond aussieht? Wichtiger ist es zu wissen, dass er uns mit Träumen beschenkt, und herauszufinden, welcher Traum es ist, der auf jeden von uns wartet.

Auf viele Menschen haben in diesem Jahr „Träume, die auf Reisen führen / In Fernen, abenteuerlich“ gewartet; die Erfüllung dieser Träume verzögert sich leider noch eine Weile. Aber immerhin hängen diese Träume bis dahin auf einer „Silberschnur“. Und während des Wartens können wir uns an dem Gedicht von Mascha Kaléko – das inzwischen sogar schon seinen festen Platz im Grundschulunterricht gefunden hat –  und an dem Exlibris von Elena Kiseleva freuen und uns überlegen, warum Elena Kiselova uns keine „gelbe(n), rote(n), grüne(n)“ Träume gibt und uns stattdessen mit solchen in „himmelblau“ und rosa beglückt, Sei es, wie es wolle, für jeden von uns ist einer da, wenn man der letzten Gedichtzeile Glauben schenkt.   

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats Juli 2020: Komm! Ins Offene, Freund! – 250 Jahre Hölderlin

Exlibris des Monats Juli 2020: Komm! Ins Offene, Freund! – 250 Jahre Hölderlin
Hedwig Pauwels für L. Bruggeman, 1987, C3+C5

In diesem Jahr gibt es sehr viele Jubiläen – runde Geburtstage oder Todestage – aus der Welt der Musik, der Kunst und der Dichtung. Im Mai wurde deswegen mit dem Exlibris des Monats an den 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens erinnert und in diesem Monat soll der im gleichen Jahr geborene Dichter Friedrich Hölderlin (1770–1843) im Mittelpunkt stehen.

Und der steht auch eindeutig im Mittelpunkt auf dem Exlibris, das der Porträtspezialist Hedwig Pauwels für Leo Bruggemann gestochen hat, denn Hölderlins Porträt beherrscht das Blatt. Man erkennt den Dichter sofort, weil Pauwels das bekannte Pastell von Franz Karl Hiemer als Vorlage genommen hat, das 1792 entstanden ist. Nur blickt der Dichter dort von rechts auf die Betrachter, sein ebenmäßiges, altersloses Gesicht mit makellosem, etwas gebräuntem jugendlichen Teint und wachen offenen Augen wird von weißen

Haaren umrahmt. Dieser Kontrast lässt den Dichter auf seltsame Weise alterslos und aus der Zeit getreten erscheinen und man mag unwillkürlich an das Wort schicksallos und an die Augen der Himmlischen aus Hyperions Schicksalslied denken, die in stiller ewiger Klarheit blicken. Pauwels hat den Kontrast fast noch verstärkt, wenn er den in seiner jugendlichen Kleidung mit offenem Kragen damals sicherlich sehr modern wirkenden Dichter unter eine antike Säule, die auch Assoziationen an Hölderlins Liebe zur griechischen Dichtung und Philosophie erweckt, stellt. Beinahe meint man, auf eine Maske zu blicken. Schicksallos wirkt Pauwels Hölderlin aber auch deshalb, weil ihn nichts Lebendiges umgibt. In der rechten unteren Bildhälfte gibt ein Tintenfass mit einer großen Feder einen Hinweis sowohl auf seinen Brotberuf als Hauslehrer als auch auf Hölderlins eigentlichen Beruf als Dichter. Mit der Positionierung der als Statue lächelnden Diotima, der einzigen weiblichen Figur aus Platons Symposium, die dort dem Philosophen ihr Verständnis der Natur des Eros vorträgt, werden die BetrachterInnen zu Hölderlins Werk Hyperion geführt, in dem dieser durch die Begegnung mit Diotima eine neue Sicht auf sein Leben und seine Berufung entfaltet. Die Textfelder unter Hölderlin und Diotima geben weitere Auskünfte über das Werk Hölderlins. Diotima – auf Hölderlins Herzseite – gibt aber gleichzeitig eine wichtige biografische Aussage ab, denn so nannte Hölderlin die Frau, die er liebte, Susanne Gontard, die Gattin eines Frankfurter Bankiers. Hölderlin lernte sie kennen, weil er als Hauslehrer für die Kinder der in Bad Homburg lebenden Familie eine Anstellung fand, wegen der Beziehung zu Susanne wurde er allerdings bald entlassen. Auch seine weiteren Hauslehrertätigkeiten waren meistens nur von kurzer Dauer, eine sichere Lebensgrundlage konnte Hölderlin sich nie aufbauen.

Gilt er heute neben Goethe und Schiller als der größte Dichter deutscher Sprache, so blieb er zu seinen Lebzeiten eher unbekannt. Erst im 20. Jahrhundert wurde Hölderlin sozusagen neu entdeckt und seiner sprachlichen Schöpferkraft, die seine frei von Konformismus und nur eigenen ästhetischen Regeln gehorchenden Verse entstehen ließ, wurde viel Bewunderung entgegengebracht; die Wissenschaft versuchte sich ihm und seinem experimentellen Schaffen neu anzunähern. Auch sein Spätwerk stößt in unserer Zeit auf großes Interesse.

Sein Spätwerk ist in Tübingen entstanden, wo Hölderlin die zweite Hälfte seines Lebens in einem romantisch am Neckar gelegenen Turm verbrachte, der Diagnose nach unheilbar geistig krank. Betreut wurde er dort über 36 Jahre lang von dem Tübinger Schreiner Zimmer. Die kryptischen Gedichte seiner Turmjahre führten zu vielen Legendenbildungen um Hölderlin als Wahnsinnigen, Wahnsichtigen, Widerstandskämpfer.

Pauwels stellt dieses idyllische Gebäude nicht dar, stattdessen aber im Hintergrund oben links symbolisch ein fensterloses Haus und eine Kirche, die durch das Wort Tübingen für jeden verortbar ist. Auf der 105 x 80 mm großen Bildfläche seines Exlibris hat Pauwels erstaunlich viele Anknüpfungspunkte gesetzt, die zu einer Beschäftigung mit dem Dichter anregen können.

So berühmt Hölderlin auch ist und so hoch die Anerkennung seiner Werke, so wenig wird er von einem breiten Publikum gelesen. Auch im schulischen Literaturunterricht spielt er eine geringe Rolle. In diesem Jahr sollten Ausstellungen, Lesungen, Events eine neue und zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Dichter einleiten, in seinen wichtigen Lebensorten im süddeutschen Raum, vor allem in Tübingen, und im Rhein-Main-Gebiet wurden spannende Jahresprogramme entworfen und viele Projekte mit großem Arbeitseinsatz zeig-, vorlesbar- und spielbereit gemacht. Was diesen Bemühungen (mindestens) vier Monate lang ein Ende gesetzt hat, wissen wir alle: Corona. Doch einen der berühmtesten Verse Hölderlins kann man als Trost dagegen setzen: Teilen Sie mit mir also einen Augenblick des Nachdenkens über den Vers aus Patmos: Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats Juni 2020

 

Exlibris des Monats Juni 2020. Ida Bohatta-Morpurgo: Exlibris für Ruth Birnholz, 1934, Klischee, 97 x 61 mm 

In den letzten drei Monaten spielte bei jeder Überlegung, welches Exlibris man einen Monat lang als Exlibris des Monats präsentieren sollte, die Corona-Pandemie eine Rolle. Vorher orientierte man sich vor allem an jahreszeitlichen Aspekten, an Gedenktagen, an Jubiläen großer Künstler, Dichter, Komponisten, deren Spuren sich ja bis heute häufig auf Exlibris finden. In diesem Monat, dem ersten Sommermonat des Jahres 2020, ist der Wunsch gewachsen, ein Blatt aus „einer heilen Welt“ zu betrachten, ein fröhliches, helles, fantasiereiches, unbeschwertes Sommerblatt.

Und da lag es nahe, bei der bis heute als Bilderbuchillustratorin beliebten Ida Bohatta-Morpurgo zu suchen, die zwei Exlibris für Ruth, die Tochter von Marco Birnholz, dem bekannten jüdischen Exlibrissammler und Apotheker aus Wien, gezeichnet hat. Auf dem ausgewählten sieht man eine Wiese, auf der ein aufgeschlagenes leeres Buch liegt, das von vielen Wiesengeschöpfen betrachtet wird. Die Wesen sind Blumenfrauen und Blumenmädchen: Deutlich erkennt man die Vielfalt der Wiesenblumen, die teils der Fantasie entstammen, teils aber reale Vorbilder erkennen lassen wie die Glockenblumenfrau und das Gänseblümchenmädchen. Nur das Knospenmädchen auf den Schultern seiner Mutter schaut noch lieber in die Ferne als in das Buch. Während die anderen Blumenmädchen sich etwas unschlüssig darüber zu sein scheinen, was sie mit diesem wiesenfremden Objekt anfangen sollen, wissen die Blumenfrauen ganz genau, was ansteht: Die leeren Seiten müssen mit Bildern und Worten angefüllt werden, und die Kleinen sollen wohl in der Blumenschule Lesen und Schreiben und Malen lernen. Die Zeigefinger der drei Blumenfrauen sprechen eine eindeutige Sprache, doch jeder Betrachter und jede Betrachterin kann unbesorgt sein: Das Lernen wird fröhlich, lustig und interessant werden!

Bei dieser abschließenden Bemerkung lande ich doch wieder bei der Corona-Krise: Es ist zu hoffen, dass auch für unsere Kinder bald wieder ein fröhlicher, lustiger und interessanter Unterricht möglich sein wird, ein normaler Unterricht, in dem man sich gemeinsam über ein Buch beugen und sich darüber unterhalten kann, ohne dass man dafür irgendein anderes Medium braucht …

Ida Bohatta-Morpurgo (1900–1992) illustrierte gut 70 eigene Bilderbücher und mehr als 50 Bilder- und Kinderbücher anderer bekannter Autoren und Autorinnen, selbst Schulbücher machte sie mit ihren Illustrationen reizvoll. – Die katholisch-monarchistische Wiener Künstlerin erhielt wegen ihres jüdischen Ehemanns im Dritten Reich Publikationsverbot; ihre Bücher aber behielten bis heute ungebrochen ihre große Beliebtheit. Viele ihrer Werke werden immer wieder neu aufgelegt, was ein kurzes Nachschlagen in den Internetantiquariaten und Internetbuchhandlungen ergibt.

Die Eignerin des Blattes, Ruth Birnholz (1925–1991), erhielt das Blatt als neunjähriges Kind. Fünf Jahre später musste sie Wien verlassen und wurde sie mit einem Kindertransport nach England geschickt, ein Jahr später kam sie in Amerika an.

Wenn Ida Bohatta-Morpurgos Exlibris mit seiner sommerlichen und fröhlichen Atmosphäre uns ein wenig aus der Realität entführt und uns dabei ein wenig Freude bereitet, so könnte man auch einmal die Diskussion, ob dabei Elemente von Kitsch beteiligt sind, außen vor lassen.

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats

Exlibris des Monats Mai 2020. Olaf Gropp: Exlibris für Peter Rath, kol. Radierung, 2007

Wenn man das Neue Jahr in Baden bei Wien begrüßt hat, dann konnte man als letztes kulturelles Ereignis am letzten Tag des Jahres 2019 noch einen musikalisch-philosophischen Jahresrückblick erleben, der auch auf die bevorstehenden Jubiläen des Jahres 2020 vorbereiten sollte: musikalisch mit Beethoven (250. Geburtstag ) und philosophisch mit dem im gleichen Jahr geborenen Hegel. Und als erstes kulturelles Ereignis in der kleinen Stadt, die sich immerhin eines Beethovenhauses mit einem Beethovenmuseums rühmt, stand um 0.30 Uhr als Jahres-Eröffnungskonzert die Mondscheinsonate auf dem Programm. In Baden hat sich Beethoven übrigens u. a. auch mit dem 4. Satz der 9. Symphonie – mit der Ode an die Freude als Leitmotiv – beschäftigt.
Die allerorten vorgesehenen Feierlichkeiten zum Beethovenjahr fingen also hier und anderswo noch wie geplant an. Und viele Menschen freuten sich auf zahlreiche Ausstellungen in kleineren und größeren Städten, viele Orchester und Chöre probten bereits, Konzerte und Opernaufführungen standen an, vielerorts war man auch auf Ungewöhnliches gespannt, auf musikalische Salons und Hauskonzerte u.v.a.m.
Und dann kam alles anders; der Covid 19-Virus hat zu einer Absage aller derzeit geplanten kulturellen Veranstaltungen führen müssen; wir sehen und hören stattdessen streams oder und gehen digital durch Ausstellungen.
Auch die Deutsche Exlibris-Gesellschaft will das Beethovenjahr medial nicht übergehen, und deswegen zeigen wir im Monat Mai ein Exlibris des Exlibrissammlers, Beethovenliebhabers und Wienkenners Peter Rath. Über dem Eingang zu einem Gasthaus, vor dem elegant gekleidete Damen flanieren, hängt ein großes Schild mit dem Porträt Beethovens, das wie die meisten Bilder auf einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1820 beruht. Dahinter entdeckt man den Anfang des Namens eines Hoflieferanten. Rechts von der Tür liest man den Namen des Eigners des Exlibris, links verwundert ein Schild, auf dem ein Trampeltier zu erblicken ist, laut Textfeld ist es ein „Kameel“. Im Eingang schließlich scheint Beethoven selbst zu stehen, ein Glas Wein in der einen Hand und mit dem Zeigefinger der anderen lebhaft dirigierend.
Viel hat Olaf Gropp da auf seinem auf einer Ecke stehenden Achteck untergebracht, dessen Zusammenhang sich nicht auf den ersten Blick erschließen mag. In Kurzfassung erschlossen: Das Schwarze Kameel ist ein beliebtes Lokal in der Inneren Stadt in Wien, und das schon seit 1618, als ein gewisser Johann Baptist Cameel das Haus erwarb und darin eine Gewürzkrämerei errichtete. 200 Jahre später richtete Joseph Stiebitz hier eine Weinstube ein, zu deren Gästen u. a. der Maler Ferdinand Georg Waldmüller und Ludwig van Beethoven gehörten. Ersterem verdankt das Lokal sein bis heute sichtbares Wirtshausschild, das schwarze Kamel, letzterem – allerdings vor allem wohl auch dem gastronomischen Angebot der inzwischen 180 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigenden Wiener Institution – sein bis heute ungebrochenes Ansehen. Auch ein Brief des Komponisten befand sich im Familienbesitz. Das Jugendstilgebäude, das Anfang des 20. Jahrhunderts an gleicher Stelle das frühere Lokal ersetzte, ist das Werk eines anderen berühmten Wieners, des Architekten Julius Mayreder, des Schwagers der Frauenrechtlerin Rosa.*
Das Schwarze Kameel kann in diesem Monat so wenig besucht werden wie die Ausstellungen und musikalische Aufführungen.
Wir alle freuen uns schon auf Restaurant- und Konzertbesuche – und Gropps Darstellung des beschwingten Beethovens weckt den Wunsch, dem Lichtschein zu folgen: hinein ins Lokal, zu den Menschen, zur Musik.
Übrigens war Beethoven kein Verächter des Rebensafts, wie man den Wein gerne euphemistisch nennt; und vielleicht hielt er sich auch deswegen gerne in dem von Weinbergen umgebenen Baden bei Wien auf. Ursprünglich war da die Ode an die Freude ja sogar als Trinklied konzipiert…
Heute ist die Ode, die übrigens schon 1972 zur Europahymne wurde, wieder in aller Mund, aber nicht, um des Jubilars zu gedenken, sondern weil sie von vielen Künstlern von zuhause aus als stream in die ganze Welt hinausgesendet wurde, aber auch allenthalben von Menschen von Balkons und von Fenstern aus als Zeichen der Gemeinsamkeit hinausgespielt und gesungen wird.

*Das alles können Sie genauer auf der Webseite des Unternehmens (https://www.kameel.at/) finden oder auch unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Zum_Schwarzen_Kameel.

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats April 2020

Exlibris des Monats April 2020: Marianne Kühnel für Helmut H. Wolff, vor 2005, Klischee, 41 x 30 mm

Helmut H. Wolff (geb. 1937) war bis 2004, mehr als 23 Jahre lang, Direktor der Klinik für Dermatologie und Venerologie an der Universität Lübeck. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte lagen in den Bereichen dermatologische Elektronenmikroskopie und Histologie. Das kleine Exlibris für ihn schuf die Malerin Marianne Kühnel, deren Ehemann Wolfgang Kühnel Anatomieprofessor und Experte für Elektronenmikroskopie, gleichfalls in Lübeck, gewesen war. Der Aufbau des Blattes erinnert an eine Bühnengestaltung, tatsächlich war die Künstlerin auch als Bühnenbildnerin tätig. Der Wolf als zentrale Figur im Vordergrund weist das Exlibris als redendes Bücherzeichen aus; das historische Lichtmikroskop als Kulisse links, im Hintergrund Wiedergaben von Melanozyten und Keratinozyten unter dem Elektronenmikroskop runden die Szenerie ab.

Ohne in medizinische Details zu gehen, gemahnt die Darstellung in gewisser Weise an die gegenwärtige Pandemie, die die ganze Welt in Atem hält. Wobei es sich bei Coronaviren natürlich nicht um Zelltypen handelt, so wie sie hier dargestellt sind. Immerhin weiß auch der interessierte Laie, dass zur Sichtbarmachung von Viren das Elektronenmikroskop unabdingbar ist – zu dessen Vorläufern das auf dem Exlibris gezeigte Lichtmikroskop gehört.

Neben Beschäftigten in der Energiewirtschaft, der Wasserversorgung und der Entsorgung, in den Bereichen Ernährung und Hygiene, Informationstechnik und Telekommunikation, Finanz- und Wirtschaftswesen, Transport und Verkehr, Medien, Staatliche Verwaltung, Schulen, Kinder- und Jugendhilfe, Altenpflege und Behindertenhilfe gehören nicht zuletzt die Beschäftigten im Bereich des Gesundheitswesens zu den Personen, die in „systemrelevanten“ Berufen tagtäglich dafür arbeiten, die Gesundheitssysteme und das Land bzw. die Länder in der Corona-Viruskrise in Gang zu halten. Und es zählen Wissenschaftler dazu, die sich intensiv um die Erforschung der Coronaviren und die Entwicklung wirksamer Gegenmittel und Impfstoffe mühen. Ihnen allen ist nicht hoch genug zu danken, dass sie, oftmals unter bis an die physischen und psychischen Grenzen gehendem Einsatz, für die gesamte Gesellschaft da sind.

In Krisenzeiten, erst recht in solchen von existenziellen Ausmaßen wie der jetzigen, stehen Kunst und Kultur oftmals zurück, und mit den Objekten auch die Ausübenden und Ausführenden. Dabei bleiben Sinn und Zweck von Kunst doch gleich. Kunst erfindet Neues, bietet Abwechslung und Ablenkung, schafft Verständigung, Verbindungen und Verbundenheit, gibt Inspiration und fördert Wissen, fasziniert und begeistert, macht Freude und Freunde, regt zum Nachdenken an und macht das Leben farbig, trainiert den Geist und bildet, ist schön (oder auch nicht). Exlibris sind eine Gattung der bildenden Kunst, EntwerferInnen von Exlibris sind KünstlerInnen, für sie gilt das zuvor Gesagte. Besinnen wir uns darauf. Nach der Krise wird die Kunst auch wieder die Stellung einnehmen, die ihr gebührt.

Helfen Sie einander, handeln Sie herzlich, solidarisch und vernünftig!

Dr. Henry Tauber
Präsident der DEG

Exlibris des Monats März 2020

Exlibris des Monats März 2020 – Yang zhong yi: Exlibris für Yan ming, 2003, C8

Auf dem Exlibris des bekannten chinesischen Künstlers Yang zhong yi für Yan ming aus dem Jahre 2003 sieht man eine junge Frau, hinter der Blumen blühen und die sich mit einer großen roten Blüte, die sie auf ihren Haarreif montiert hat und deren Farbe mit ihren Lippen und ihren Wangen korrespondiert, geschmückt hat. Die Atmosphäre wirkt romantisch, frühlingshaft, und auch das gesamte Erscheinungsbild der jungen Frau entspricht diesem Eindruck. Trotzdem hat das Exlibris etwas Geheimnisvolles, das durch leere Flächen im Hintergrund erzeugt wird. Außer durch metaphorische Indizien wie Blumen, Jugend und Schönheit gibt das Exlibris keinerlei inhaltlichen Hinweis darauf, welchen Traum von der Zukunft die junge Frau hegt. Aber sie schaut entschlossen, freudig und erwartungsvoll in ihre Zukunft und beim Betrachten ihres zuversichtlichen Gesichts freut man sich mit ihr.

In diesem Frühling dieses Jahres gelten unsere Gedanken unseren chinesischen Exlibrisfreunden und Exlibrisfreundinnen, deren Leben derzeit unter dem Schatten eines gefährlichen Virus steht. Wir wünschen ihnen allen, dass die Bedrohungen, die von diesem Virus ausgehen, bald ein Ende finden werden und dass sie dann wieder zuversichtlich in ihre Zukunft blicken können wie die junge Frau auf dem Exlibris und dass sie sich von neuem unbesorgt ihrem Hobby widmen können so dass wir uns bei Tagungen und Kongressen wie immer unbeschwert begegnen werden.

Ulrike Ladnar

On the bookplate of the famous Chinese artist Yang zhong yi for Yan ming from 2003, you can see a young woman behind whom flowers are blooming and who has decorated herself with a large red flower, which she has mounted on her headband and whose color corresponds to her lips and cheeks. The atmosphere is romantic, spring-like, and the overall appearance of the young woman corresponds to this impression. Nevertheless, the bookplate has something mysterious that is created by empty areas in the background. Except for metaphorical indications such as flowers, youth and beauty, the bookplate does not give any clue as to what dream of the future the young woman has. But she looks resolutely, joyfully and expectantly into her future and when you look at her confident face you are happy with her.

This spring, our thoughts go to our Chinese bookplate friends, whose lives are currently under the shadow of a dangerous virus. We wish them all that the threats posed by this virus will soon come to an end and that they can then look to their future with confidence, like the young woman on the bookplate, and that they can devote themselves to their hobby again with confidence so that we will meet each other carefree as always at meetings and congresses.