Exlibris des Monats September 2021 – Frank Eißner: Lesen, welch Glück!

Exlibris des Monats September 2021 – Frank Eißner: Exlibris für Brigitta Lizinski, 2011, Holzschnitt

Der September ist ein Monat zwischen noch und bald. – Noch ist Sommer, noch sind die Bäume grün, die Sonne steht hoch und es ist heiß. Bald aber wird Herbst sein, die Blätter der Bäume werden langsam bunt werden, die Tage schnell kürzer und die Abende früher dunkel und kälter. Noch verbringt man viele Tage am Meer oder im Park oder im Garten, aber bald wird man wieder häufiger zuhause in seiner Wohnung sein.

Meine Suche nach einem Exlibris, das zu diesem Zwischenmonat, diesem Übergangsmonat passt, war nicht erfolgreich. Wunderbare Sommer-Exlibris habe ich gefunden, auch stimmungsvolle Herbstmotive. Aber keines, das die lustvolle Freude an den letzten Sommertagen und gleichzeitig die melancholische Vorfreude auf den Herbst abzeichnet. Beim Betrachten der Sommerbilder war ich nicht zum ersten Mal begeistert von den farbintensiven Holzschnitten von Frank Eißner. Viele davon zeigen eine nackte Frau am Strand, und viele dieser nackten Frauen lesen selbstvergessen in einem Buch. Diese Sommer-Blätter prägen sich fest ein. 

Ein Blatt ist mir aufgefallen, da ist das Blau in der oberen Bildhälfte, man denkt an den Himmel oder auch das Meer, weniger blau als auf den anderen Exlibris, und das Gelb strahlt weniger, sondern ist matter, ruhiger, gedämpfter. Vielleicht ist um diese nackte lesende Frau in dieser Farbumgebung gerade noch Sommer? Die lesende Frau scheint solchen Fragen keine Aufmerksamkeit zu schenken, vielleicht hat sie nicht einmal bemerkt, dass sich Veränderungen um sie herum vollzogen haben, dass vielleicht der Sommer vorbei ist, denn: Sie liest. Und was das für sie bedeutet, sieht man nicht nur, man kann es auch in einem farbintensiven Schriftfeld lesen: „… LESEN, WELCH GLÜCK!“ Unwillkürlich fällt einem ein bekannter Vers von Johann Wolfgang von Goethe ein: „Welch Glück, geliebt 

zu werden!“ Im Unterschied zu dem Glück, „geliebt zu werden“, das man wirklich nur mit Glück findet, kann man sich das Leseglück selbst schenken, indem man sich dafür entscheidet, sich auf die Gedanken, Gefühle, Geschicke anderer – realer oder fiktiver – Menschen einzulassen, also einfach: zu lesen. Tatsächlich tritt beim Lesen die eigene Lebenssituation in den Hintergrund, und das ist auf Eißners Exlibris deutlich erkennbar. Die dargestellte Frau nämlich ist nicht nackt, weil sie erotisch wirken möchte, sondern weil sie sich mit ihrem Ich völlig offen (mit der Metapher des Unbekleidetseins) ihrem Buch hingibt. Auch wo das geschieht, bleibt letztlich offen und so der eigenen Phantasie überlassen. Die Farben des Holzschnitts – gelb für Sonne und Sandstrand, blau für Meer und Himmel – lassen zwar eine Strandsituation am Meer assoziieren, aber genauso gut könnte die lesende Frau auf ihrem Balkon liegen oder anderswo.

Nun ist Frank Eißner ja bekannt als Meister des Farbholzschnitts, hergestellt in der Technik der verlorenen Form. Er druckt also seine Arbeiten nicht von mehreren Platten, sondern benutzt nur eine Platte, die er nach jedem Druck mit einer Farbe weiter bearbeitet, so dass die vorige Form verloren ist und bleibt. Das geschieht bis zu sieben Mal. Die unterschiedlichen ästhetischen Ergebnisse, die auf diese Weise entstehen, erzeugen bei den BetrachterInnen unterschiedliche subjektive Wahrnehmungs- und Deutungsweisen; bei mir beispielsweise die der verrinnenden Zeit, des verlorenen Sommers, wenn ich das hier beschriebene linke Exlibris mit dem rechten Blatt aus einer anderen Druckversion vergleiche, auf dem das Blau einem Schwarz, durch das noch helle Punkte durchschimmern, gewichen ist. 

Doch zurück von der Technik zum Thema des Exlibris, und das ist das Glück des Lesens. Und für dieses Glück sollten wir uns nicht nur im September Zeit nehmen.

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats August 2021 – Krzysztof Marek Bąk: Dedikationsexlibris für Birkholc, Bronikowski, Jankowski, Ormanowski und Drewek

Exlibris des Monats August 2021

Krzysztof Marek Bąk: Dedikationsexlibris für Birkholc, Bronikowski, Jankowski, Ormanowski und Drewek, 2012, Opus 234

Der Monat August 2021 sollte endlich wieder positive Signale in die Welt senden durch die Olympischen Sommerspiele und die Paralympics in Tokio, die den Zusatz „2020“ tragen, weil sie, wie allgemein bekannt, eigentlich schon 2020 hätten ausgetragen werden sollen. Viele SportlerInnen hatten sich bereits lange zuvor für das weltweit größte und bedeutendste Fest des Sports vorbereitet und sich gefreut, es mit Sportbegeisterten aus der ganzen Welt zu feiern. Aber dann ist wieder alles anders gekommen.

Die seit 776 v. Chr. stattfindenden Spiele waren schon in der Antike nicht nur sportliche, sondern auch politische und kulturelle Großereignisse. In ihrer wechselvollen Geschichte gab es schon viele Abbrüche und Unterbrechungen, einmal sogar über viele Jahrhunderte hinweg, aber noch nie – wie in unseren Tagen – war ihre Absage Folge einer weltweiten Pandemie, die sogar auf die Durchführung im Folgejahr einen erheblichen Einfluss hatte. Denn die Zuschauertribünen in den Stadien werden 2021 leer bleiben müssen, die SportlerInnen und ihre BetreuerInnen werden unter sich bleiben und niemand wird die SiegerInnen oder VerliererInnen freudig, respektive tröstend in den Arm nehmen. 

Das war bei früheren Olympischen Spielen ganz anders, sicher auch 1928 in Amsterdam beim Ruderwettbewerb. Die Reaktionen der Freunde und Verwandten der fünf Sportler Leszek Leon Birkholc, Franciszek Jan Bronikowski, Edmund Bernard Jankowski, Bernard Ormanowski und Bolesław Drewek auf die erste Bronzemedaille, die polnische Ruderer bei Olympischen Spielen geholt haben, werden damals von der enthusiastischen und ansteckenden Freude gekennzeichnet gewesen sein, die man sich bei dem Gedanken an sportliche Großereignisse vorstellt und gerne teilt – wenngleich dies bei der sportlichen Großveranstaltung des letzten Monats, der europäischen Fußballmeisterschaft, schon nicht mehr so ungetrübt empfunden wurde und von vielen sogar ausgesprochen skeptisch und kritisch betrachtet wurde. Aber zurück vom Juli 2021 zum Jahr 1928: Man kann sich gut ausmalen, dass die Medaille damals nicht nur am Austragungsort, sondern auch an vielen Stätten in Polen für ausgelassene Freude – heute würde man von Partys sprechen – gesorgt hat.

Krzysztof Marek Bąk hat in seinem Dedikationsexlibris, das er 2012 für einen Grafik-Wettbewerb hergestellt hat und das zu einer großen Serie gehört, die polnischen Olympiamedaillen-Gewinnern vor dem Zweiten Weltkrieg gewidmet ist, an diese Bronzemedaille erinnert. Die vier Ruderer und ihr Steuermann repräsentieren für ihn ein vorbildliches Sportverständnis, das von kultiviertem Verhalten und fairem Wettbewerb bestimmt ist; man könnte es schlicht als Gentleman-like bezeichnen. Deswegen zieht der Künstler noch heute vor ihnen den Hut. Sehr gekonnt und auf seine typische feinsinnig-intellektuelle Art und Weise bringt Bąk unten auf dem großen Zylinder die Ruder an, die bei dem Erwerb der Medaille geholfen haben, und lässt sie sich leicht auf kleinen Wellen bewegen.

Der auf den ersten Blick unleserliche Text auf dem oberen kleinen roten Textfeld mit weißer Inschrift („EX LIBRIS PRO SUCCESIBUS“) verweist wie der Zylinder auf Bąks Intention, diese Sportler ehrenvoll zu würdigen; angeordnet sind die unvertraut erscheinenden Buchstaben im Übrigen vertikal wie auf einem alten chinesischen Druck und müssen von der linken oberen Ecke aus entziffert werden (wobei Stolpersteine beim Lesen bewusst

eingebaut sind  und das Lesen verzögern, z. B. weil manche Buchstaben als
Groß- und andere als Kleinbuchstaben erscheinen oder weil an einigen Stellen zwei Buchstaben zusammengeschrieben sind wie schon in der ersten vertikalen Reihe nach unten das „l“ und das „i“ zusammen eine Art „U“ zu ergeben scheinen). Das zweite rote Textfeld gibt die Jahreszahl des erinnerten Ereignisses an, und dass auch die Namen der Sieger rot im Bildteil der Grafik aufscheinen, verbindet wie spielerisch-zufällig die drei Textaussagen mit der Bildaussage.

Die fünf Sportler, denen das Exlibris gewidmet worden ist, blieben ihrem Metier noch eine Zeit lang treu, so haben 1929 drei von ihnen (Birkholc, Jankowski und Bronikowski) bei den Europameisterschaften im Vierer ohne Steuermann eine weitere Bronzemedaille erhalten.

Edmund Jankowski hat sich im Übrigen auch außerhalb seines Sports als Vorbild erwiesen: Nach dem deutschen Überfall auf Polen war er aktiv an der Verteidigung Warschaus beteiligt. Er musste dafür mit dem Leben bezahlen, denn er wurde deswegen mit vielen anderen polnischen Zivilisten von der Gestapo hingerichtet.

Abschließend erneut ein schneller Zeitwechsel zurück in die Gegenwart. Die Spiele 2020 finden 2021 zwar statt, und man wird allen AthletInnen wünschen, dass sie sich nach langem und harten Training erfolgreich präsentieren können und sich an ihren Leistungen freuen und ZuschauerInnen an den Bildschirmen erfreuen können, und man wird ihnen auch wünschen, dass sie gesund bleiben – aber ein fröhliches Fest scheinen die Spiele nicht werden zu können. Immerhin besteht für die Paralympics Ende des Monats noch die Hoffnung, dass wieder ZuschauerInnen in den Arenen sein dürfen.

Wie dem auch sei, es wird neue Helden geben in diesem Monat, und wahrscheinlich nicht nur im Bereich des Sports.

Ulrike Ladnar

(geschrieben am Tag vor der offiziellen Eröffnung der Olympischen Spiele)

Exlibris des Monats Juli 2021 – Jürgen Czaschka: Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür

Exlibris des Monats Juli 2021 – Jürgen Czaschka für Emil Kunze, 2001, Kupferstich

Das Exlibris des Monats Juli soll an einen der bekanntesten Schriftsteller der Literatur der Nachkriegszeit, der sog. Trümmerliteratur, erinnern: an Wolfgang Borchert. Geboren wurde Borchert 1921 in Hamburg. Zum 100-jährigen Gedenkjahr hat ihm die Stadt Hamburg in der Universitätsbibliothek als Dauerausstellung ein Zimmer mit seinem Schreibtisch, seiner Bibliothek und vielen anderen Erinnerungsstücken eingerichtet: „Borcherts Zimmer“. Dieses Zimmer können Sie auch digital betreten (Dissonanzen – Wolfgang Borchert (1921–1947) ǀ Stabi Hamburg (uni-hamburg.de).
Borchert arbeitete zunächst als Buchhändler, später war er als Schauspieler in Lüneburg tätig. Briefliche Äußerungen über den Staat führten zur Haft des schwer an Diphtherie und Gelbsucht erkrankten jungen Mannes im Militärgefängnis in Nürnberg. Er wurde zum Tode verurteilt, dann aber „zwecks Bewährung“ an die Ostfront geschickt. Sein Gesundheitszustand war allerdings so schlecht, dass er aus dem Kriegsdienst entlassen wurde. Wieder in Hamburg, trat er als Kabarettist auf, was ihm aber wegen kritischer Äußerungen eine erneute Haftstrafe, diesmal in Berlin-Moabit, eintrug.

Nach dem Krieg kehrte er chronisch krank und gebrochen zurück in seine Heimatstadt. Er versuchte weiterhin im Kabarett zu arbeiten, doch musste er bald dauerhaft aufs Krankenlager, wo in seinen letzten beiden Lebensjahren zwei Bände mit Kurzgeschichten entstanden, die für gut drei Nachkriegs-Jahrzehnte zur Pflichtlektüre für deutsche Schüler*innen wurden. Bestimmt erinnern sich von viele Exlibris-Sammler*innen noch an Titel wie „Die Küchenuhr“, „Das Brot“, „Nachts schlafen die Ratten doch“ oder „An diesem Dienstag“. – Alle diese Geschichten erzählen von den Erfahrungen von Menschen, die durch den Krieg dauerhaft aus der Bahn geworfen wurden, sei es als Folge traumatischer seelischer Erlebnisse oder körperlicher Versehrungen durch den Krieg, und die in den Trümmern der Nachkriegszeit an Invalidität, Einsamkeit, Depressivität, Heimatlosigkeit, Obdachlosigkeit, Hunger u. a. leiden.
Auch Borcherts einziges Theaterstück handelt davon; sein Titel lautet: „Draußen vor der Tür“. Im Februar 1947 bereits als Hörspiel gesendet, fand die Uraufführung im November des gleichen Jahres in Hamburg statt; einen Tag zuvor ist Borchert mit nur 26 Jahren gestorben. –  
Die Hauptperson des Theaterstücks ist Beckmann, „einer von denen“, wie es lapidar im Personenverzeichnis heißt. Beckmann hat den Krieg und die dreijährige Kriegsgefangenschaft zwar überlebt; allerdings hat er eine Kniescheibe verloren, humpelt also, und als Notersatz für seine verlorene Brille nutzt er eine Gasmaskenbrille. Sein einziges warmes Kleidungsstück ist sein inzwischen verschlissener Soldatenmantel. Nachdem ein Suizidversuch misslungen ist, will Beckmann Antworten auf seine Fragen nach dem Sinn seiner Leiden, dem Sinn seines Lebens erhalten, doch bei wem auch immer er anklopft – seien es ein Oberst, der Direktor eines Kabaretts, seien es Nachbarn, sei es seine ehemalige Frau, seien es ein Bestattungsunternehmer oder gar Gott –, die Türen bleiben vor ihm verschlossen. Die anderen haben sich inzwischen wieder eingerichtet in der Welt, nur für ihn scheint es keinen Platz zu geben.

 

Jürgen Czaschka (1943–2018) hat auf seinem Exlibris für den Hamburger Arzt Emil Kunze den Inhalt des Theaterstücks eindrucksvoll dargestellt. Er zeigt Beckmann am Boden liegend, kaum mehr in der Lage aufzustehen. Wie ein Doppelgänger steht selbstsicher „der andere, den jeder kennt“ (so das Personenverzeichnis) über ihm, mit einer neuen Brille, gut gekleidet und selbstsicher auf eine der verschlossenen Türen zeigend, die in einem schmalen, endlos lang erscheinenden Gang aneinandergereiht zu sehen sind und hinter denen die Menschen stehen, die Beckmann „draußen vor der Tür“ stehen lassen und ihm die ersehnte Antwort verweigern. Jürgen Czaschka stellt auf seinem Kupferstich die Situation Beckmanns schonungslos hart dar, bleibt dabei aber nüchtern und kalt. Czaschka will durch seine Sachlichkeit zur rationalen Auseinandersetzung anleiten und verhindern, dass Emotionen wie etwa soziales Mitleid mit dem verzweifelten Kriegsheimkehrer von der erforderlichen Analyse ablenken.

Jürgen Czaschka war zur Zeit der Entstehung des Blattes für Dr. Emil Kunze in der Exlibrisszene ein sehr gesuchter Künstler und seine durchdachten, strengen Kupferstiche waren sehr begehrt. Er lebte damals schon in Fanano in Italien in einem Haus im Wald. Als er älter wurde, wurde für seine Hände die Arbeit mit dem Stichel immer anstrengender und er entdeckte Neues für sich. So schuf er z. B. Skulpturen aus Holz, entdeckte den Computer als Hilfsmittel für das Zeichnen und unterrichtete junge Künstler. In Italien erfuhr er damit in seinen letzten Lebensjahren große Anerkennung.

Eigentlich wollte er seine Arbeit mit Exlibrisgrafiken gerne fortsetzen, allerdings nicht mehr mit dem Stichel, sondern mit Hilfe des Computers. Er war damals einer der ersten Künstler, die sich auf diesen Weg begaben. Doch die Zeit war noch nicht „reif“ genug, und so blieben Jürgen Czaschka die Exlibristüren in seinen letzten Lebensjahren verschlossen.

(Ulrike Ladnar)

Exlibris des Monats Juni 2021 – Carl Otto Czeschka: CARPE DIEM

Exlibris des Monats Juni 2021 – Carl Otto Czeschka für Adolf Glüenstein, 1905, Lithografie

CARPE DIEM: Auf seinem Exlibris für Adolf Glüenstein hat Carl Otto Czeschka (1878–1960) dieses Motiv nicht nur gezeichnet, sondern es auch noch wie einen Titel über den Bildteil geschrieben, dorthin, wo auf fast allen anderen bekannten Blättern des Wiener Jugendstilkünstlers das Wort EXLIBRIS zu lesen ist. Betrachter*innen müssen das Thema also nicht aus dem Bildanteil erschließen, sondern der Künstler gibt ihnen eine eindeutige Botschaft mit, die er vermutlich so auch mit dem Eigner, dem bedeutenden Hamburger Kunstsammler Adolf Glüenstein abgesprochen hat.

Man sieht eine schöne junge Frau, die einen Blumenstrauß in den Armen hält, der so groß und opulent ist, dass sie ihn kaum zu umfassen vermag. In ihrem fast durchsichtigen Kleid aus zartem, mit Blumen besticktem Stoff scheint sie eine Einheit mit dem Strauß zu bilden; so kann man nicht von jeder Blume sagen, ob sie zum Stoff gehört oder im Strauß steckt oder bereits von dort herabfällt wie vereinzelte stilisierte Tulpen im rechten unteren Bildviertel. Verwelkende Blumen gehören ja zum festen Bildinventar des antithetischen Motivs, der MEMENTO-MORI-Warnungen, so dass man durch sie auch an die Ursache vieler CARPE-DIEM-Appelle erinnert wird, wie sie von Horaz vor ca. 2000 Jahren, genauer: 23 v. Chr., formuliert wurden:

„Ganz gleich, ob Jupiter dir noch weitere Winter zugeteilt hat oder ob dieser jetzt,
der gerade das Tyrrhenische Meer an widrige Klippen branden lässt, dein letzter ist,
sei nicht dumm, filtere den Wein und verzichte auf jede weiter reichende Hoffnung!
Noch während wir hier reden, ist uns bereits die missgünstige Zeit entflohen:
Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!“*

Die korrekte Übersetzung von carpere ist ja eigentlich pflücken, nicht nutzen. Die vor allem hedonistische, also am egoistischen und rastlosen Lebensgenuss orientierte Auslegung wird der Sentenz somit nicht gerecht, beinhaltet doch der Ausdruck Pflücken des Tages eher eine achtsame Haltung, wie man heute sagen würde, eine Zuwendung auf das, was die Natur oder eben auch das Leben einem gibt, die dankbare Wahrnehmung von beglückenden Erfahrungen und Augenblicken, selbst wenn sie auf den ersten Augenblick unscheinbar erscheinen.

Auf dem Exlibris von Carl Otto Czeschka verliert der Rat, den Horaz der traurigen und besorgten Leukonoë in der gleichnamigen Ode gibt, sowohl seinen konkreten dramatischen Ursprung (Ausgesetzt-Sein an Naturgewalten, Wahrnehmung der verrinnenden Zeit) als auch seine konkreten Inhalte (die knapp bemessene Lebenszeit zu genießen, statt die Zeit durch Klagen zu verschwenden oder künftige Freuden zu erwarten). Czeschka zeigt uns eine schöne Frau – man denkt gleich an die Göttin Flora –, die ihre Blumen eher gleichmütig als besorgt präsentiert; für jede herabfallende Blüte öffnet sich an anderer Stelle eine Knospe. Die beglückenden Erlebnisse, zu denen die schöne Frau mit ihrem Blüten-Überfluss motivieren will, sind allerdings eher solche des Genusses der Kunst und der Schönheit als solche des Lebens in und mit der Natur.

Auf dem Carpe-diem-Exlibris Czeschkas kann man fast exemplarisch erkennen, was die Kunst und den Stil seiner Zeit ausmacht. Heute werden manche den Bildinhalt und die die stilisierte Darstellung als eher altmodisch und etwas zu süßlich empfinden, de facto aber beinhaltete der Jugendstil, wie er sich um 1900 allenthalben in Europa ausbreitete, einen geradezu revolutionären Neuanfang und einen völligen Bruch mit überkommener Kunst, wie sie sich in den Augen junger Künstler im Historismus darbot. Dessen Prinzip der Nachahmung traditioneller Muster wurde jetzt eine einfache Linienführung entgegengesetzt, die zwar auch der Natur (Pflanzenumrisse, Wellen usw.) entnommen wurde, durch Reduktion einerseits und eine Neigung zum Ornamentalen andererseits aber eine 

gewisse Abstraktheit erlangen konnte. Das alles sieht man auf Czeschkas Buchzeichen. Schwungvolle Linien bewegen sich fast ornamental durch die linke, sonst leere Bildhälfte, sie lässt sich an den Blumenstilen des Straußes und denen des Kleides nachweisen, die Haare der Frau weisen ebenfalls Wellen auf. Und auch die Buchstaben in den beiden Textfeldern weisen Elemente des Ornamentalen auf.

Carl Otto Czeschka, der sich im Wien der Jahrhundertwende zu einem typischen Jugendstilkünstler und bedeutenden Lehrer der dortigen Kunstgewerbeschule entwickelt hat, hat übrigens ab 1907 sein Glück anderswo gesucht; er ist 1907 nach Hamburg übersiedelt, um dort als Künstler und auch als Lehrer seine Ideen vom Schönen in der Grafik, der Buchillustration, im Entwerfen von Schmuck, Gobelins, Glasfenstern, Bühnenbildern, Kostümen usw. weiter zu entwickeln.

Uns allen wünsche ich nach einem regnerischen und oft kalten Mai einen schönen Juni, der reich an Sonne und an blühenden Wiesen ist. Derzeit sieht es sogar so aus, als würde der Juni uns noch mit anderen Glücksmöglichkeiten erfreuen, mit vielen Lockerungen der Einschränkungen unseres Lebens nämlich, die wir dann auch im wörtlichen Sinne von Horaz‘ CARPE DIEM genießen sollten: Pflücke den Tag!

*Gewählt habe ich hier eine sehr textnahe Übersetzung, gefunden bei Wikipedia: Carpe diem – Wikipedia, (19.5.2021)

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats Mai 2021 – Josef Werner: Himmel und Erde

Exlibris des Monats Mai 2021 – Josef Werner für J. Burch, 2007, Radierung (C3+C4+C5/2/col)

Kennen Sie einen Nachtwindhund? Oder ein Neumondweib? Nein? Eine Mitternachtsmaus vielleicht? Ein ästhetisches Wiesel? Oder ein Galgenkind? Inzwischen ist Ihnen bestimmt der Name des Poeten eingefallen, der all diese Geschöpfe erfunden hat: Es ist Christian Morgenstern, dessen Geburtsjahr sich am 6. Mai 2021 zum 150. Mal jährt.

Christian Morgenstern wurde 1871 in München geboren; sein Vater war Maler, ebenso seine beiden Großväter, der Großvater väterlicherseits sogar ein recht berühmter. Als Morgenstern zehn Jahre alt war, starb seine Mutter an Tuberkulose. Vermutlich hatte er sich damals bereits bei ihr angesteckt, denn bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1914 nämlich litt er an einem schweren Lungenleiden. Schon in seiner Jugend zwang ihm sein Leiden häufig längere Erholungs- und Kuraufenthalte auf, so dass er immer wieder seine Schul- und später seine Universitätsausbildung unterbrechen musste, 1893 musste er sein Studium aufgeben.
Bereits in seiner Schulzeit begann Morgenstern zu schreiben; es entstanden Trauerspiele, eine humoristische Studie und philosophische und journalistische Beiträge. Ab 1894 lebte Morgenstern in Berlin, wo er für zahlreiche renommierte Zeitschriften schrieb. Bald waren auch Verlage an ihm interessiert; seit 1895 veröffentlichte er seine Werke bei anerkannten Verlagen, u. a. bei Bruno Cassirer, wo er auch als Lektor tätig war und Robert Walser als Buchkünstler förderte. Dieser entwarf auch den Umschlag für Morgensterns Galgenlieder im Jahr 1905. 
Doch diese erfolgreiche Karriere konnte er aufgrund immer längerer Pausen in klimatisch für ihn günstigeren Orten in der Schweiz und anderswo nicht weiter fortsetzen. In dieser Zeit richtete sich sein Interesse an Philosophie immer mehr auf anthroposophische und theosophische Themen. 

Morgenstern, seit 1910 mit der gleichgesinnten Margarete verheiratet, befreundete sich eng mit Rudolf Steiner. Seine letzten Lebensjahre waren geprägt von seiner Krankheit, doch er nutzte konsequent nach wie vor jede gute Stunde zum Schreiben und Planen von neuen Projekten. Gestorben ist er in Untermais bei Meran; seine Urne bewahrte Rudolf Steiner, bis sie in dem neuen Goetheanum der Anthroposophischen Gesellschaft ihren Platz finden konnte.
Seine Frau verwaltete seinen umfangreichen Nachlass; bis zu seinem Tod war allenfalls die Hälfte seines Werks veröffentlicht. Doch seine ernsten philosophischen und anthroposophischen Werke stießen nie auf eine breitere Resonanz. Christian Morgenstern war zu Lebzeiten der Dichter komischer Verse, und das ist er bis heute im kulturellen Gedächtnis geblieben: der fantasiereiche Dichter, der groteske Dichter, der Dichter, der zeigt, dass die Fantasie über alle Logik siegen kann, aber auch über alle Unzulänglichkeiten der Realität, denen sie selbstbewusst ihre eigene Welt mit ihrer eigenen Logik entgegenstellt. Von Morgenstern wird das im Vorwort zu den Galgenliedern so beschrieben: „Die Galgenpoesie ist ein Stück Weltanschauung. Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht. [ …] Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre.“

Dass Josef Werner sich häufig auf eine Sicht vom Galgenberg aus einlässt, macht einen großen Teil der Freude aus, mit der man seine Grafiken betrachtet. Auf der Website des 1945 geborenen und sehr anerkannten und beliebten Künstlers kann man lesen, dass seine „skurrilen Gebilde“ einer fast grenzenlosen Fantasie entspringen: „Es ist wie ein Eintreten in eine andere, nicht wirklich existente Welt, in der eine unbändige Lebensfreude herrscht

und ein tiefgreifender Humor Kraft gibt, um das Dasein voller Widersprüche und Absurditäten besser und gelassener zu ertragen.” (Hans Peter Adolph). Kein Wunder, dass man auf seinen Exlibris nicht nur Fabelwesen trifft, die er selbst erdacht hat, sondern häufig auch auf solche stößt, die er in Gedichten von Christian Morgenstern entdeckt hat, so beispielsweise alle einleitend angesprochenen seltsamen Wesen Morgensterns. Auf dem für den Monat Mai ausgewählten Exlibris für J. Burch findet man den Nachtwindhund, das Neumondweib und einen Forstadjunkten. Letzterer läuft brav und wohl seinem Beamteneid folgend in der Mitte eines Wegs, der in der Mitte eines Tals zwischen Bergen ins Nirgendwo zu führen scheint, die Dramatik der Geschehnisse in der Galgenwelt, das, was sich über ihm an Leidenschaft zwischen dem liebessehnsüchtigen Nachtwindhund und dem verführerischen Neumondweib abspielt, bleibt ihm verschlossen. – Uns hat es Josef Werner mit seiner spielerisch ins Bild gesetzten Szene erschlossen.

(Ulrike Ladnar)

Himmel und Erde

Der Nachtwindhund weint wie ein Kind,
dieweil sein Fell von Regen rinnt.

Jetzt jagt er wild das Neumondweib,
das hinflieht mit gebognem Leib.

Tief unten geht, ein dunkler Punkt,
querüberfeld ein Forstadjunkt.

(Christian Morgenstern)

Exlibris des Monats April 2021 – Hans Eggimann: Frühling

Exlibris des Monats April 2021 – Hans Eggimann für Anna Eggimann, 1910, Radierung

April, Ostern, die Zeit, da der Mikrokosmos zu neuem Leben erwacht. Trotz Klimakrise und Covid-Pandemie kommen die Veilchen und die Narzissen aus der Erde, sieht man die ersten Bienen und Schmetterlinge sich am Nektar der Blüten laben. Die Poeten haben schon immer ihre Frühlingsgefühle in Bildern aus der Natur zum Ausdruck gebracht. „Hier lieg ich auf dem Frühlings-hügel…“, singt Mörike oder „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte“. Wordsworth, der durch eine Frühlingslandschaft wandert, lässt sich von einer „Host of golden daffodils“, einer Schar goldener Narzissen, bezaubern.
In der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts, als das Exlibrissammeln zu einem Hype wurde, wollte mancher Sammler die Frühlingsidylle auf einem Exlibris verewigt haben, um sich sein Bild von der heilen Welt zu verewigen. Der dominierende Stil der Zeit, der Jugendstil, bot sich für Frühlingsbilder besonders an.
Der vielseitige Berner Maler Hans Eggimann (1872 – 1929), der auch Illustrator, Architekt und Bühnenbildner war, schuf 1910 ein Exlibris für seine Ehefrau Anna, auf dem das Glück des Lesens inmitten einer Blumen-landschaft dargestellt ist. In einer für den Jugendstil charakteristischen floralen Rahmung, die die Perspektive zu einer Art Fensterblick werden lässt, sitzt eine lesende junge Frau inmitten von Blumen.
Von den zwei Schmetterlingen, die über den Blumen ihr munteres Spiel treiben, lässt sie sich in ihrer Lektüre nicht ablenken. Die nur mit ihrem Oberkörper sichtbare, spärlich bekleidete Frau, könnte eine Verkörperung von Flora, der Göttin der Blüte sein, denn nicht nur sitzt sie inmitten von Blumen, sondern auch den Träger ihres Gewands schmückt eine Blüte und um die Haube, die das in Jugendstillinien fallende Haar ziert, ist ein Kranz von Margeriten gelegt. Auch auf dem Gemälde von Bartolomeo Veneto trägt die Göttin Flora eine blumengeschmückte Haube.
„Und während sie sprach, haucht sie Frühlingsrosen aus ihrem Mund“, lesen wir bei Ovid. Eggimanns anmutige „Flora“ ist ganz in ihr Buch vertieft, gibt sich dem Genuss des Lesens in einer schönen Umwelt hin. Für uns heute, für die die Bienen sterben, die Schmetterlingsarten weniger werden, die Blumen wegen der Monokultur und der Gifte, die gestreut werden, von den Feld-rändern verschwunden sind, für uns ist ein solches Bild eine wehmütige Erinnerung an eine Zeit, die ihre eigene Schönheit hatte, die es so heute nicht mehr gibt, wie auch die Schönheit des Jugendstils heute passé ist.

Heinz Decker

Exlibris des Monats März 2021 – Vladimír Suchánek: Ein Stuhl

Exlibris des Monats März 2021 – Vladimír Suchánek für Ing. František Kyncl, 1976, Lithografie

Jedes Jahr wird in Biografien und in Ausstellungen – wohl auch auf dem einen oder andern Exlibris – der vielen Künstler, Musiker und Schriftsteller gedacht, die einen runden Jahrestag haben. Auch das Exlibris des Monats März 2021 soll an eine bedeutende Persönlichkeit aus diesem Bereich erinnern, und zwar einen Künstler, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 150. Mal jährt.

Er selbst hätte sich vielleicht eher Handwerker genannt, denn der hier gewürdigte 1796 in Boppard am Rhein geborene Sohn eines Gerbers entschied sich für den Tischlerberuf. Bereits mit 23 Jahren machte er sich selbständig und hatte mit seinem sog.  Bopparder Schichtholzstuhl rasch Erfolge. Es war der ebenfalls am Rhein geborene Fürst Metternich, der ihn 1841 auf einer Gewerbeausstellung in Koblenz kennen lernte und nach Wien einlud. Da sich wenig später finanzielle Probleme einstellten, wanderte der Möbeltischler tatsächlich mit seiner Familie dorthin aus und gewann schnell einen guten Ruf, so dass er sich schon 1849 wieder selbständig machte. Bald übertrug er die Werkstatt seinen fünf Söhnen, behielt die Leitung jedoch zu seinen Lebzeiten in seiner eigenen Hand. Die Rede ist von Michael Thonet, und seine Wiener Firma hieß Gebrüder Thonet. Wer war er? Ein Handwerker? Ein Tischlermeister? Ein Geschäftsinhaber? Ein Fabrikant? Ein genialer Kaufmann, der weltweite Handelsbeziehungen aufbaute und seine Produkte an vielen Orten der Welt herstellen ließ? Oder doch ein Künstler?

 

1850 entstand der Stuhl Nr. 1, so der schlichte Name, und 1859 der Stuhl Nr. 14: bis heute der Stuhl, an den jeder denkt, wenn er vom Thonet-Stuhl hört oder spricht. Das Patent der Thonet-Stühle beinhaltet alles, was den Thonet-Stuhl ausmacht, nämlich die „Anfertigung von Sesseln und Tischfüssen aus gebogenem Holze, dessen Biegung durch Einwirkung von Wasserdämpfen oder siedenden Flüssigkeiten geschieht.“ Ihre eleganten und originellen Biegungen verdanken die Thonet-Stühle also nicht dem Heraussägen aus Holzblöcken oder deren Behobeln, sondern dem Biegen von Buchenholz unter Wasserdampf in gusseisernen Biegeschablonen. Das war billig, weil wenig Abfall entstand, weil es keiner Fachleute bedurfte und weil es überall auf der Welt geschehen konnte. Lange vor der Gründung schwedischer Möbelhäuser passte der Stuhl Nr. 14 in ein schmales Paket, in dem 6 Holzteile, 10 Schrauben und 2 Muttern lagen. Das in die ganze Welt gelieferte Thonet-Standardpaket war einen Kubikmeter groß und konnte 36 Stühle fassen, die erst vor Ort leimfrei verschraubt wurden. –Bis zum Jahr 1930 sind 50 Millionen dieser Stühle hergestellt worden.

Und bis heute wird der lang haltbare Designklassiker in der damals erfundenen Form hergestellt und erfreut sich ungeschmälerter Wertschätzung. Die Frage, wer Michael Thonet ist, ist inzwischen längst beantwortet: Ein Handwerker, der ein Künstler war, ein Pionier des Möbeldesigns, dessen Stühle in Zusammenhang mit dem Modell 209 Le Corbusier mit folgenden Worten lobte: „Noch nie ist Eleganteres und Besseres in der Konzeption, Exakteres in der Ausführung und Gebrauchstüchtigeres geschaffen worden.“*

Auch wenn der Stuhl es in viele Caféhäuser der Welt geschafft hat, so ist er nur selten zu einem Exlibris-Motiv geworden. – Auf einem Exlibris von Vladímir Suchánek für Ing. František Kyncl allerdings meine ich einen Thonet-Bugholzstuhl gut erkennen zu können, nur lässt sich nicht ausmachen, ob die Sitzfläche aus dem Rohrgeflecht besteht, das man bis heute an Möbeln als Wiener Geflecht bezeichnet, denn hier wird der Sitz durch ein Kissen bedeckt. Der Stuhl auf Sucháneks Exlibris verbirgt also eines seiner typischen Merkmale, aber ein Übriges ist noch offensichtlicher: Er ignoriert auch seine typische Funktion, denn alleine kann man ihn höchstens im Museum oder in Möbelkatalogen sehen; gedacht und gebraucht wird er meistens im

 Ensemble mit anderen Stühlen seiner Art, um Menschen um einen Tisch herum im privaten Raum zu vereinen oder ihnen im Caféhaus einen Platz im öffentlichen Raum zum Genießen, Lesen oder auch Plaudern mit anderen anzubieten. Auf Sucháneks Exlibris scheint er keinerlei kommunikative Funktion anzustreben, sondern einer künstlerischen Inszenierung zu dienen, indem er zwei roten Kugeln – warum auch immer – eine Präsentationsfläche bietet. Die Wirkung wird durch einen grün über die Szenerie wehenden Gazevorhang aus einem Fenster verstärkt. Ob die Inszenierung einem rein ästhetischen Zweck dient (denn es gibt auch einen tschechischen konstruktivistischen Künstler dieses Namens, auf den angespielt sein könnte) oder ob der Eigner, ein Ingenieur, damit ein physikalisches Experiment vorbereitet, weiß man nicht. Sicher aber ist, dass die Lithografie mit der raffinierten Farbgebung ein ungewöhnliches Motiv in beeindruckender Perfektion gestaltet.

Als ich dieses Exlibris zum Gedenken an Michael Thonet, der am 3. März 1871 verstorben ist, ausgesucht hatte, dachte ich daran, ob man wohl Vladímir Suchánek anmailen könnte, um von ihm etwas über die Hintergründe des Exlibris‘ bzw. die spezielle Auftragsstellung des Eigners zu erfahren. Doch bevor es dazu gekommen ist, traf in der DEG die Mitteilung ein, dass der allseits geschätzte Künstler verstorben ist.

So nehme ich die Gelegenheit wahr, mich mit dem ausgewählten Exlibris auch bei Vladímir Suchánek für seinen großen Beitrag zur Entwicklung des Exlibris in der Gegenwart zu bedanken. – Meistens bevölkern schöne anmutige Damen Sucháneks lithografierte Exlibriswelt; wenn sie denn angezogen sind, dann zeigen sie sich gerne schön und geheimnisvoll im Stil und der Manier vergangener Zeiten, mit Bubikopf oder großen Hüten und mit Zigarettenspitzen und Sektflöten, auf alten bequemen Kanapees, elegant an Jugendstiltischchen gelehnt – und auch hinter dem Stuhl auf dem Exlibris für Ing. František Kyncl sähe man gerne eine von ihnen herbeischweben.

Ulrike Ladnar

*so gefunden bei: www.sojournal.de/de/thonet/ am 20.02,2021; da auch weitere Informationen und Abbildungen

Exlibris des Monats Februar 2021 – Hristo Naidenov: Masken

Exlibris des Monats Februar 2021 – Hristo Naidenov für Frans van der Veen, 2013, Radierung

Bei der Auswahl eines Exlibris als Exlibris des Monats spielen oft jahreszeitliche oder kalenderbedingte Motive wie Feste und Bräuche eine Rolle. Was liegt also im Monat Februar näher als auf eines der vielen Exlibris einzugehen, auf denen Masken zu sehen sind?  Denn allenthalben wird in diesem Monat der Karneval gefeiert, der je nach Region viele andre Bezeichnungen hat, Fassnacht oder Fasching sind wohl die gebräuchlichsten unter ihnen. Und am Ende dieser auch 5. Jahreszeit genannten Phase beginnt zumindest im Kirchenjahr die Fastenzeit.

Masken entstanden ursprünglich in Zusammenhang mit religiösen Bräuchen und Kulten, wo sie vor allem im Umgang mit guten, aber auch mit bösen Gottheiten oder Geistern eingesetzt wurden, oft bei der Ausübung ritueller Tänze. Doch das Verwendungsspektrum von Masken erweiterte sich rasch. So wurden in vielen Kulturen bereits seit der Antike Totenmasken angefertigt, die die Gemeinschaft schützen sollten; später dienten sie dann eher der Erinnerung an Verstorbene. In anderen Kulturen dienten Masken zur Erziehung oder Kontrolle des Volkes, beispielsweise zur Manifestation richterlicher oder staatlicher Macht.

Schon früh wurden auch im Theater Masken eingesetzt, weswegen ja eine lachende und eine weinende Maske (bis heute übrigens ein häufiges Exlibris-Motiv) Sinnbilder für das dramatische Theater geworden sind. In vielen Theaterformen wurden feste Masken für die einzelnen Rollen verwendet, z. B. in Italien in der Commedia dell‘arte oder im traditionellen japanischen -Theater. Heute werden Schauspieler im Theater oder Film zwar meist nur noch geschminkt, doch immer noch steht der Begriff Maske für den Raum, in dem das stattfindet und erinnert daran, dass früher dort Maskenbildner gearbeitet haben.

Es gab und gibt kaum eine Ausdrucksform der Kunst, in der keine Masken aufscheinen. Von der Bildhauerkunst mit ihren antiken und mittelalterlichen Masken über die Architektur mit ihren barocken Wasserspeiern und über die Musik, z. B. die Operette mit ihren maskierten Helden und Heldinnen bis hin zur modernen Malerei wie z. B. Masken eines James Ensor ist der Weg der Maske zu verfolgen; und auch Comicfiguren wie Batman haben das Repertoire an Masken in der Kunst erweitert, bis hin zu neuesten Filmfiguren wie denen aus der Star-Wars-Reihe, um nur einige wenige Hinweise zu geben.

Das Exlibris von Hristo Naidenov für Frans van der Veen aus dem Jahr 2013 greift einige Beispiele der rituellen, kultischen und künstlerischen Masken auf, die die Kulturen unterschiedlicher Zeiten und unterschiedlicher Länder geprägt haben und bis heute prägen. Rechts sieht man Totenmasken, die für asiatische oder ägyptische Traditionen stehen, und auch oben beherrscht eine zentral positionierte goldene Maske das gesamte Blatt. Sie scheint wie eine Blume auf einem vertikalen leuchtenden Glasstängel zu schweben, der vor der Sonne, dem meist der Buddha-Maske beigeordneten Symbol der Erleuchtung, in die Höhe wächst. Verschiedene grazile mythische Wesen und geheimnisvolle Ornamente umgeben bzw. umschwingen diese Senkrechte, am auffallendsten dabei ein großer Schmetterling, wie er oft auch bei dekorativen venezianischen Karnevalsmasken

eingesetzt wird. Er leitet zur linken Hälfte des Exlibris über, auf der Naidenov einen leichteren und lockeren, spielerischen Umgang mit der Maske radierend in  Szene gesetzt hat, wie er im Karneval oder Theater oder anderen Verwirrungskomödien menschlicher Beziehungs- und Rollenspiele erscheint: das Spiel mit dem Verbergen und Enthüllen des Gesichts hinter der Maske als Anreiz, als Verlockung, als Rätsel: Bin ich die, für die du mich hältst? Bin ich die, die ich bin, oder die, die ich zeigen will? Mein alter Geschichtslehrer, ein – wie in den 60er Jahren nicht selten – strenger und wenig empathischer Lehrer, wie maskiert übrigens durch ein ausdrucksloses Gesicht, haubenartig fest an den Kopf gedrückte Haare und immer im weißen Collarhemd unter einer schwarzen Weste, der gerüchteweise traumatische Kriegserlebnisse hinter sich hatte, pflegte im Februar immer warnend zu uns zu sagen: „Im Fasching meinen die Menschen, sich hinter einer Maske zu verstecken, aber in Wirklichkeit zeigen sie jetzt ihr wahres Gesicht.“ Die Frau mit der Faschingsmaske auf der linken Hälfte von Naidenovs Exlibris straft ihn Lügen, denn sie will sich nicht hinter der Maske verstecken, vielmehr will sie in der Wirklichkeit und mit verschiedenen Rollen spielen. Das beweist die Narrenkappe, die sie über den Kopf gezogen hat. Außer ihr ist nur noch ein anderes nicht maskiertes Gesicht auf dem Blatt zu sehen, und zwar auf dem rechten Bildrand, wo jemand unauffällig aus dem Schatten seiner Masken herauszutreten scheint.

Wenn man heute hinaus in die Februarwelt tritt, fällt einem bei dem Begriff Maske weder eine alemannische noch eine venezianische Variation der Gesichtsbedeckung oder auch Gesichtsverbergung ein, sondern man greift automatisch nach dem Objekt selbst und überlegt dabei, ob es eine einfache Mund-Nasen-Maske sein kann oder ob man eher eine FFP2-Maske wählt, ein Wort, das die meisten von uns vor einem Jahr noch nicht einmal gekannt haben.

Ulrike Ladnar

Grafik des Monats Januar 2021 – PF 2021 der DEG

Grafik des Monats Januar 2021 – Katarzyna Handzlik: PF 2021 der DEG, CGD 

Alles Gute für 2021!

Liebe Freundinnen und Freunde des Exlibris!

Ein Jahr ist vorüber, das uns herausgefordert hat wie keines zuvor. Die Corona-Pandemie hat viele Opfer gekostet und hat viele Pläne, Ideen und Unternehmungen zunichte gemacht. Für die Exlibrisfreunde in aller Welt, die sich seit jeher persönlich treffen und Kontakte pflegen, dabei Originalexlibris in Augenschein nehmen, darüber diskutieren und diese tauschen, insbesondere auf Veranstaltungen verschiedenster Art, für sie ist fast all dies 2020 weggebrochen, musste abgesagt werden, fiel aus. Es gibt vieles, was Corona-bedingt von ungleich größerer Bedeutung ist als die Absage von Treffen mit Exlibrisfreunden: seine Arbeit zu verlieren, seine Existenzgrundlage, Hunger zu leiden oder sein Heim verlassen zu müssen, selbst zu erkranken, ohne zu wissen, welche Nebenwirkungen bleibenden Schaden bewirken können, oder gar jemandes Tod betrauern zu müssen. Dagegen ist ein Jahr nicht zustande gekommener persönlicher Exlibris-Kontakte nicht wichtig. Und trotzdem ist ihr Wegfall bedeutsam; Kunst und Kultur gehören zum Leben und machen das Leben lebenswert, sie machen Freude, stiften Sinn, fördern das Denken.

Gemeinsam mit unseren Freundinnen und Freunden hoffen wir darauf, dass alle persönlichen Anstrengungen und Bemühungen, der Verbreitung des Virus entgegenzuwirken, und alle übergeordneten Entwicklungen dazu beitragen mögen, dass wir uns 2021 wiedersehen.

Diese Hoffnung und diesen Wunsch möchten wir mit dem DEG-PF-Blatt 2021 zum Ausdruck bringen. Ein kleiner, bunter, lebendiger Vogel steht wie eine Sieges-Statuette auf der Spitze eines schwungvoll gedrehten goldenen Sockels (der selbst einer Statue gleicht) und richtet seinen Blick erwartungsvoll auf den Glücksstern.

Den Entwurf für das PF-Blatt fertigte Katarzyna Handzlik, die an der Akademie der Bildenden Künste in Wrocław studiert hat und dort auch promoviert wurde. Sie unterhält ein eigenes Kunststudio an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Schlesien, wo sie 2016 von den Studenten mit dem „Oscar” in der Kategorie Künstler ausgezeichnet wurde. Ihre computergenerierten Designs erinnern an Assemblagen und Collagen; tatsächlich ist Handzlik auch Objektkünstlerin.

Möge der Vogel auf dem DEG-PF-Blatt als Symbol der Freude, der Freiheit, des Glücks Impulsgeber sein für einen positiven Blick in die Zukunft!

 

In diesem Sinne wünscht der Vorstand der DEG allen seinen Mitgliedern und darüber hinaus den Freundinnen und Freunden des Exlibris in der ganzen Welt alles Gute für das kommende Jahr, Glück und Gesundheit! Bleiben Sie zuversichtlich!

Herzlichst
Dr. Henry Tauber
für den Vorstand der DEG

(Das PF-Blatt [CGD] von Katarzyna Handzlik wird mit den nächsten Mitteilungen an alle DEG-Mitglieder versandt.)

Exlibris des Monats Dezember 2020 – Luigi Kasimir: Winterstimmung

Exlibris des Monats Dezember 2020 – Luigi Kasimir: Exlibris für Prof. Dr. Siegfried Gross, um 1905, Radierung

Weiße Weihnachten – ist das nicht der Traum der meisten Kinder und auch noch vieler Erwachsener? Verfolgt man nicht fast angespannt seit Dezemberanfang die langfristigen Wetterprognosen für den 24. Dezember und die Zeit danach? Weckt die Vorstellung eines weißen Weihnachtsfests nicht nostalgische Träume an Vergangenes, an Glück und Freude?

Dieses Jahr führt die Frage danach, ob Weihnachten weiß sein wird, unsere Prioritätenliste nicht an. Statt auf den Himmel und seine Schneeverheißungen zu blicken, schauen wir auf den Bildschirm und betrachten die Zahlen, die uns den Verlauf der Covid-Pandemie verdeutlichen. Grundsätzlicheres als das Wetter steht seit Mitte November im Vordergrund: wie und in welchem Kreis man Weihnachten in diesem Jahr überhaupt feiern kann. Und das scheint jetzt, Ende November, abgeklärt zu sein. Ja, man wird ein Familien- oder Freundesfest feiern können zu Weihnachten – aber es wird anders sein als bisher.

Doch geben wir angesichts des schönen und stimmungsvollen Winterbilds einer schneebedeckten historischen Stadtkulisse, das Luigi Kasimir auf seinem Exlibris für Professor Dr. Siegfried Gross radiert hat, eine Weile einfach unseren nostalgischen Sehnsüchten Raum.

Alles wirkt weiß dort, sauber, aber leicht verschwommen und unwirklich. Die Tageszeit lässt sich kaum bestimmen. Ist es früher Morgen? Oder schon Abend? Eine Stadtlaterne scheint vor dem linken Haus zu leuchten, und auch rechts vermeint man das eine oder andere Licht schimmern zu sehen. Der Himmel wirkt hell, vielleicht aber täuscht da auch nur eine tiefhängende weißgraue Schneewolke. 

Wer Wien, wo das Bild zu verorten ist, kennt, wird links, ein wenig im Hintergrund, unschwer die Hauptfront der Winter Universität erkennen und rechts den schmalen Steig, der hinauf zur Mölker- Bastei führt. Auch der, dem Wien nicht aus eigener Anschauung vertraut ist, wird sofort das alte Wien vor Augen haben, weil dieser Steig und diese ab 1531 entstandene Bastei mehrfach als Filmkulisse für historische Filme wie Der Dritte Mann 

und Das Dreimäderlhaus gedient hat. Denn dieser Ort konnte trotz seiner langen Geschichte mit vielen Umbaumaßnahmen immerhin seit der Zeit, als Franz Josef I, um seinen architektonischen Wientraum zu erfüllen, das damalige alte Wien radikal verändert hat, weitgehend unverändert bleiben – so, wie auch Luigi Kasimir ihn um 1905 festgehalten hat. Damals war der 1881 geborene Künstler noch im letzten Jahr seiner Ausbildung und stand erst am Beginn einer Künstlerkarriere, deren Reputation aufgrund seiner 28 Jahre später erfolgten frühen Zustimmung zu nationalsozialistischer Ideologie und Handlungsweise seit langem gebrochen ist.  

Die schneebedeckten Plätze und Straßen der Stadt sind leer und wenn man sich hineinversetzt, meint man fast die Stille der Stadt zu hören. Nur im Hintergrund sieht man eine einsame Gestalt, die auf die Universität zugeht. Aber auch diese Gestalt ist unbestimmt, es scheint ein Mann zu sein, aber sicher kann man das nicht ausmachen. Ob die Gestalt wirklich ganz allein ist, lässt sich ebenfalls nicht eindeutig bestimmen. Hält rechts von ihm nicht vielleicht gerade ein Fiaker mit seinem Fahrer davor? Und spazieren links vor dem Haus vielleicht nicht doch zwei Passanten, vielleicht sogar mit Hund, vorbei? Ich kann es auch mit Lupe nicht genauer festlegen. Vielleicht wachsen dort auch nur Büsche.

 

Je länger man die Szenerie betrachtet, desto mehr verwandelt sich die auf den ersten Blick präzise topografische Stadtarchitektur in eine geheimnisvolle märchenhafte Welt.

Ob es der Eigner, ein Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Universitätsprofessor, ist, der an diesem stillen Tag zu seiner Arbeitsstätte geht, weiß man nicht, wohl aber, dass er ein wiss- und lesebegieriger Mann ist, denn den unteren Bildrand füllen viele im Schnee liegende und aufgeschlagene Bücher.

Auf jeden Fall verbringt diese Person diesen Tag oder eben auch Abend wohl allein. Dass er dabei Ruhe und Frieden findet, ist ihm zu wünschen.

Und uns allen ist zu wünschen, dass unser Weihnachten ruhig und friedlich wird und dass wir es bei guter Gesundheit feiern. Doch ganz so allein wie diese einsame Gestalt sollte keiner sein.

(Ulrike Ladnar)