Exlibris des Monats Juni 2021 – Carl Otto Czeschka: CARPE DIEM

Exlibris des Monats Juni 2021 – Carl Otto Czeschka für Adolf Glüenstein, 1905, Lithografie

CARPE DIEM: Auf seinem Exlibris für Adolf Glüenstein hat Carl Otto Czeschka (1878–1960) dieses Motiv nicht nur gezeichnet, sondern es auch noch wie einen Titel über den Bildteil geschrieben, dorthin, wo auf fast allen anderen bekannten Blättern des Wiener Jugendstilkünstlers das Wort EXLIBRIS zu lesen ist. Betrachter*innen müssen das Thema also nicht aus dem Bildanteil erschließen, sondern der Künstler gibt ihnen eine eindeutige Botschaft mit, die er vermutlich so auch mit dem Eigner, dem bedeutenden Hamburger Kunstsammler Adolf Glüenstein abgesprochen hat.

Man sieht eine schöne junge Frau, die einen Blumenstrauß in den Armen hält, der so groß und opulent ist, dass sie ihn kaum zu umfassen vermag. In ihrem fast durchsichtigen Kleid aus zartem, mit Blumen besticktem Stoff scheint sie eine Einheit mit dem Strauß zu bilden; so kann man nicht von jeder Blume sagen, ob sie zum Stoff gehört oder im Strauß steckt oder bereits von dort herabfällt wie vereinzelte stilisierte Tulpen im rechten unteren Bildviertel. Verwelkende Blumen gehören ja zum festen Bildinventar des antithetischen Motivs, der MEMENTO-MORI-Warnungen, so dass man durch sie auch an die Ursache vieler CARPE-DIEM-Appelle erinnert wird, wie sie von Horaz vor ca. 2000 Jahren, genauer: 23 v. Chr., formuliert wurden:

„Ganz gleich, ob Jupiter dir noch weitere Winter zugeteilt hat oder ob dieser jetzt,
der gerade das Tyrrhenische Meer an widrige Klippen branden lässt, dein letzter ist,
sei nicht dumm, filtere den Wein und verzichte auf jede weiter reichende Hoffnung!
Noch während wir hier reden, ist uns bereits die missgünstige Zeit entflohen:
Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!“*

Die korrekte Übersetzung von carpere ist ja eigentlich pflücken, nicht nutzen. Die vor allem hedonistische, also am egoistischen und rastlosen Lebensgenuss orientierte Auslegung wird der Sentenz somit nicht gerecht, beinhaltet doch der Ausdruck Pflücken des Tages eher eine achtsame Haltung, wie man heute sagen würde, eine Zuwendung auf das, was die Natur oder eben auch das Leben einem gibt, die dankbare Wahrnehmung von beglückenden Erfahrungen und Augenblicken, selbst wenn sie auf den ersten Augenblick unscheinbar erscheinen.

Auf dem Exlibris von Carl Otto Czeschka verliert der Rat, den Horaz der traurigen und besorgten Leukonoë in der gleichnamigen Ode gibt, sowohl seinen konkreten dramatischen Ursprung (Ausgesetzt-Sein an Naturgewalten, Wahrnehmung der verrinnenden Zeit) als auch seine konkreten Inhalte (die knapp bemessene Lebenszeit zu genießen, statt die Zeit durch Klagen zu verschwenden oder künftige Freuden zu erwarten). Czeschka zeigt uns eine schöne Frau – man denkt gleich an die Göttin Flora –, die ihre Blumen eher gleichmütig als besorgt präsentiert; für jede herabfallende Blüte öffnet sich an anderer Stelle eine Knospe. Die beglückenden Erlebnisse, zu denen die schöne Frau mit ihrem Blüten-Überfluss motivieren will, sind allerdings eher solche des Genusses der Kunst und der Schönheit als solche des Lebens in und mit der Natur.

Auf dem Carpe-diem-Exlibris Czeschkas kann man fast exemplarisch erkennen, was die Kunst und den Stil seiner Zeit ausmacht. Heute werden manche den Bildinhalt und die die stilisierte Darstellung als eher altmodisch und etwas zu süßlich empfinden, de facto aber beinhaltete der Jugendstil, wie er sich um 1900 allenthalben in Europa ausbreitete, einen geradezu revolutionären Neuanfang und einen völligen Bruch mit überkommener Kunst, wie sie sich in den Augen junger Künstler im Historismus darbot. Dessen Prinzip der Nachahmung traditioneller Muster wurde jetzt eine einfache Linienführung entgegengesetzt, die zwar auch der Natur (Pflanzenumrisse, Wellen usw.) entnommen wurde, durch Reduktion einerseits und eine Neigung zum Ornamentalen andererseits aber eine 

gewisse Abstraktheit erlangen konnte. Das alles sieht man auf Czeschkas Buchzeichen. Schwungvolle Linien bewegen sich fast ornamental durch die linke, sonst leere Bildhälfte, sie lässt sich an den Blumenstilen des Straußes und denen des Kleides nachweisen, die Haare der Frau weisen ebenfalls Wellen auf. Und auch die Buchstaben in den beiden Textfeldern weisen Elemente des Ornamentalen auf.

Carl Otto Czeschka, der sich im Wien der Jahrhundertwende zu einem typischen Jugendstilkünstler und bedeutenden Lehrer der dortigen Kunstgewerbeschule entwickelt hat, hat übrigens ab 1907 sein Glück anderswo gesucht; er ist 1907 nach Hamburg übersiedelt, um dort als Künstler und auch als Lehrer seine Ideen vom Schönen in der Grafik, der Buchillustration, im Entwerfen von Schmuck, Gobelins, Glasfenstern, Bühnenbildern, Kostümen usw. weiter zu entwickeln.

Uns allen wünsche ich nach einem regnerischen und oft kalten Mai einen schönen Juni, der reich an Sonne und an blühenden Wiesen ist. Derzeit sieht es sogar so aus, als würde der Juni uns noch mit anderen Glücksmöglichkeiten erfreuen, mit vielen Lockerungen der Einschränkungen unseres Lebens nämlich, die wir dann auch im wörtlichen Sinne von Horaz‘ CARPE DIEM genießen sollten: Pflücke den Tag!

*Gewählt habe ich hier eine sehr textnahe Übersetzung, gefunden bei Wikipedia: Carpe diem – Wikipedia, (19.5.2021)

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats Mai 2021 – Josef Werner: Himmel und Erde

Exlibris des Monats Mai 2021 – Josef Werner für J. Burch, 2007, Radierung (C3+C4+C5/2/col)

Kennen Sie einen Nachtwindhund? Oder ein Neumondweib? Nein? Eine Mitternachtsmaus vielleicht? Ein ästhetisches Wiesel? Oder ein Galgenkind? Inzwischen ist Ihnen bestimmt der Name des Poeten eingefallen, der all diese Geschöpfe erfunden hat: Es ist Christian Morgenstern, dessen Geburtsjahr sich am 6. Mai 2021 zum 150. Mal jährt.

Christian Morgenstern wurde 1871 in München geboren; sein Vater war Maler, ebenso seine beiden Großväter, der Großvater väterlicherseits sogar ein recht berühmter. Als Morgenstern zehn Jahre alt war, starb seine Mutter an Tuberkulose. Vermutlich hatte er sich damals bereits bei ihr angesteckt, denn bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1914 nämlich litt er an einem schweren Lungenleiden. Schon in seiner Jugend zwang ihm sein Leiden häufig längere Erholungs- und Kuraufenthalte auf, so dass er immer wieder seine Schul- und später seine Universitätsausbildung unterbrechen musste, 1893 musste er sein Studium aufgeben.
Bereits in seiner Schulzeit begann Morgenstern zu schreiben; es entstanden Trauerspiele, eine humoristische Studie und philosophische und journalistische Beiträge. Ab 1894 lebte Morgenstern in Berlin, wo er für zahlreiche renommierte Zeitschriften schrieb. Bald waren auch Verlage an ihm interessiert; seit 1895 veröffentlichte er seine Werke bei anerkannten Verlagen, u. a. bei Bruno Cassirer, wo er auch als Lektor tätig war und Robert Walser als Buchkünstler förderte. Dieser entwarf auch den Umschlag für Morgensterns Galgenlieder im Jahr 1905. 
Doch diese erfolgreiche Karriere konnte er aufgrund immer längerer Pausen in klimatisch für ihn günstigeren Orten in der Schweiz und anderswo nicht weiter fortsetzen. In dieser Zeit richtete sich sein Interesse an Philosophie immer mehr auf anthroposophische und theosophische Themen. 

Morgenstern, seit 1910 mit der gleichgesinnten Margarete verheiratet, befreundete sich eng mit Rudolf Steiner. Seine letzten Lebensjahre waren geprägt von seiner Krankheit, doch er nutzte konsequent nach wie vor jede gute Stunde zum Schreiben und Planen von neuen Projekten. Gestorben ist er in Untermais bei Meran; seine Urne bewahrte Rudolf Steiner, bis sie in dem neuen Goetheanum der Anthroposophischen Gesellschaft ihren Platz finden konnte.
Seine Frau verwaltete seinen umfangreichen Nachlass; bis zu seinem Tod war allenfalls die Hälfte seines Werks veröffentlicht. Doch seine ernsten philosophischen und anthroposophischen Werke stießen nie auf eine breitere Resonanz. Christian Morgenstern war zu Lebzeiten der Dichter komischer Verse, und das ist er bis heute im kulturellen Gedächtnis geblieben: der fantasiereiche Dichter, der groteske Dichter, der Dichter, der zeigt, dass die Fantasie über alle Logik siegen kann, aber auch über alle Unzulänglichkeiten der Realität, denen sie selbstbewusst ihre eigene Welt mit ihrer eigenen Logik entgegenstellt. Von Morgenstern wird das im Vorwort zu den Galgenliedern so beschrieben: „Die Galgenpoesie ist ein Stück Weltanschauung. Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht. [ …] Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre.“

Dass Josef Werner sich häufig auf eine Sicht vom Galgenberg aus einlässt, macht einen großen Teil der Freude aus, mit der man seine Grafiken betrachtet. Auf der Website des 1945 geborenen und sehr anerkannten und beliebten Künstlers kann man lesen, dass seine „skurrilen Gebilde“ einer fast grenzenlosen Fantasie entspringen: „Es ist wie ein Eintreten in eine andere, nicht wirklich existente Welt, in der eine unbändige Lebensfreude herrscht

und ein tiefgreifender Humor Kraft gibt, um das Dasein voller Widersprüche und Absurditäten besser und gelassener zu ertragen.” (Hans Peter Adolph). Kein Wunder, dass man auf seinen Exlibris nicht nur Fabelwesen trifft, die er selbst erdacht hat, sondern häufig auch auf solche stößt, die er in Gedichten von Christian Morgenstern entdeckt hat, so beispielsweise alle einleitend angesprochenen seltsamen Wesen Morgensterns. Auf dem für den Monat Mai ausgewählten Exlibris für J. Burch findet man den Nachtwindhund, das Neumondweib und einen Forstadjunkten. Letzterer läuft brav und wohl seinem Beamteneid folgend in der Mitte eines Wegs, der in der Mitte eines Tals zwischen Bergen ins Nirgendwo zu führen scheint, die Dramatik der Geschehnisse in der Galgenwelt, das, was sich über ihm an Leidenschaft zwischen dem liebessehnsüchtigen Nachtwindhund und dem verführerischen Neumondweib abspielt, bleibt ihm verschlossen. – Uns hat es Josef Werner mit seiner spielerisch ins Bild gesetzten Szene erschlossen.

(Ulrike Ladnar)

Himmel und Erde

Der Nachtwindhund weint wie ein Kind,
dieweil sein Fell von Regen rinnt.

Jetzt jagt er wild das Neumondweib,
das hinflieht mit gebognem Leib.

Tief unten geht, ein dunkler Punkt,
querüberfeld ein Forstadjunkt.

(Christian Morgenstern)

Exlibris des Monats April 2021 – Hans Eggimann: Frühling

Exlibris des Monats April 2021 – Hans Eggimann für Anna Eggimann, 1910, Radierung

April, Ostern, die Zeit, da der Mikrokosmos zu neuem Leben erwacht. Trotz Klimakrise und Covid-Pandemie kommen die Veilchen und die Narzissen aus der Erde, sieht man die ersten Bienen und Schmetterlinge sich am Nektar der Blüten laben. Die Poeten haben schon immer ihre Frühlingsgefühle in Bildern aus der Natur zum Ausdruck gebracht. „Hier lieg ich auf dem Frühlings-hügel…“, singt Mörike oder „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte“. Wordsworth, der durch eine Frühlingslandschaft wandert, lässt sich von einer „Host of golden daffodils“, einer Schar goldener Narzissen, bezaubern.
In der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts, als das Exlibrissammeln zu einem Hype wurde, wollte mancher Sammler die Frühlingsidylle auf einem Exlibris verewigt haben, um sich sein Bild von der heilen Welt zu verewigen. Der dominierende Stil der Zeit, der Jugendstil, bot sich für Frühlingsbilder besonders an.
Der vielseitige Berner Maler Hans Eggimann (1872 – 1929), der auch Illustrator, Architekt und Bühnenbildner war, schuf 1910 ein Exlibris für seine Ehefrau Anna, auf dem das Glück des Lesens inmitten einer Blumen-landschaft dargestellt ist. In einer für den Jugendstil charakteristischen floralen Rahmung, die die Perspektive zu einer Art Fensterblick werden lässt, sitzt eine lesende junge Frau inmitten von Blumen.
Von den zwei Schmetterlingen, die über den Blumen ihr munteres Spiel treiben, lässt sie sich in ihrer Lektüre nicht ablenken. Die nur mit ihrem Oberkörper sichtbare, spärlich bekleidete Frau, könnte eine Verkörperung von Flora, der Göttin der Blüte sein, denn nicht nur sitzt sie inmitten von Blumen, sondern auch den Träger ihres Gewands schmückt eine Blüte und um die Haube, die das in Jugendstillinien fallende Haar ziert, ist ein Kranz von Margeriten gelegt. Auch auf dem Gemälde von Bartolomeo Veneto trägt die Göttin Flora eine blumengeschmückte Haube.
„Und während sie sprach, haucht sie Frühlingsrosen aus ihrem Mund“, lesen wir bei Ovid. Eggimanns anmutige „Flora“ ist ganz in ihr Buch vertieft, gibt sich dem Genuss des Lesens in einer schönen Umwelt hin. Für uns heute, für die die Bienen sterben, die Schmetterlingsarten weniger werden, die Blumen wegen der Monokultur und der Gifte, die gestreut werden, von den Feld-rändern verschwunden sind, für uns ist ein solches Bild eine wehmütige Erinnerung an eine Zeit, die ihre eigene Schönheit hatte, die es so heute nicht mehr gibt, wie auch die Schönheit des Jugendstils heute passé ist.

Heinz Decker

Exlibris des Monats März 2021 – Vladimír Suchánek: Ein Stuhl

Exlibris des Monats März 2021 – Vladimír Suchánek für Ing. František Kyncl, 1976, Lithografie

Jedes Jahr wird in Biografien und in Ausstellungen – wohl auch auf dem einen oder andern Exlibris – der vielen Künstler, Musiker und Schriftsteller gedacht, die einen runden Jahrestag haben. Auch das Exlibris des Monats März 2021 soll an eine bedeutende Persönlichkeit aus diesem Bereich erinnern, und zwar einen Künstler, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 150. Mal jährt.

Er selbst hätte sich vielleicht eher Handwerker genannt, denn der hier gewürdigte 1796 in Boppard am Rhein geborene Sohn eines Gerbers entschied sich für den Tischlerberuf. Bereits mit 23 Jahren machte er sich selbständig und hatte mit seinem sog.  Bopparder Schichtholzstuhl rasch Erfolge. Es war der ebenfalls am Rhein geborene Fürst Metternich, der ihn 1841 auf einer Gewerbeausstellung in Koblenz kennen lernte und nach Wien einlud. Da sich wenig später finanzielle Probleme einstellten, wanderte der Möbeltischler tatsächlich mit seiner Familie dorthin aus und gewann schnell einen guten Ruf, so dass er sich schon 1849 wieder selbständig machte. Bald übertrug er die Werkstatt seinen fünf Söhnen, behielt die Leitung jedoch zu seinen Lebzeiten in seiner eigenen Hand. Die Rede ist von Michael Thonet, und seine Wiener Firma hieß Gebrüder Thonet. Wer war er? Ein Handwerker? Ein Tischlermeister? Ein Geschäftsinhaber? Ein Fabrikant? Ein genialer Kaufmann, der weltweite Handelsbeziehungen aufbaute und seine Produkte an vielen Orten der Welt herstellen ließ? Oder doch ein Künstler?

 

1850 entstand der Stuhl Nr. 1, so der schlichte Name, und 1859 der Stuhl Nr. 14: bis heute der Stuhl, an den jeder denkt, wenn er vom Thonet-Stuhl hört oder spricht. Das Patent der Thonet-Stühle beinhaltet alles, was den Thonet-Stuhl ausmacht, nämlich die „Anfertigung von Sesseln und Tischfüssen aus gebogenem Holze, dessen Biegung durch Einwirkung von Wasserdämpfen oder siedenden Flüssigkeiten geschieht.“ Ihre eleganten und originellen Biegungen verdanken die Thonet-Stühle also nicht dem Heraussägen aus Holzblöcken oder deren Behobeln, sondern dem Biegen von Buchenholz unter Wasserdampf in gusseisernen Biegeschablonen. Das war billig, weil wenig Abfall entstand, weil es keiner Fachleute bedurfte und weil es überall auf der Welt geschehen konnte. Lange vor der Gründung schwedischer Möbelhäuser passte der Stuhl Nr. 14 in ein schmales Paket, in dem 6 Holzteile, 10 Schrauben und 2 Muttern lagen. Das in die ganze Welt gelieferte Thonet-Standardpaket war einen Kubikmeter groß und konnte 36 Stühle fassen, die erst vor Ort leimfrei verschraubt wurden. –Bis zum Jahr 1930 sind 50 Millionen dieser Stühle hergestellt worden.

Und bis heute wird der lang haltbare Designklassiker in der damals erfundenen Form hergestellt und erfreut sich ungeschmälerter Wertschätzung. Die Frage, wer Michael Thonet ist, ist inzwischen längst beantwortet: Ein Handwerker, der ein Künstler war, ein Pionier des Möbeldesigns, dessen Stühle in Zusammenhang mit dem Modell 209 Le Corbusier mit folgenden Worten lobte: „Noch nie ist Eleganteres und Besseres in der Konzeption, Exakteres in der Ausführung und Gebrauchstüchtigeres geschaffen worden.“*

Auch wenn der Stuhl es in viele Caféhäuser der Welt geschafft hat, so ist er nur selten zu einem Exlibris-Motiv geworden. – Auf einem Exlibris von Vladímir Suchánek für Ing. František Kyncl allerdings meine ich einen Thonet-Bugholzstuhl gut erkennen zu können, nur lässt sich nicht ausmachen, ob die Sitzfläche aus dem Rohrgeflecht besteht, das man bis heute an Möbeln als Wiener Geflecht bezeichnet, denn hier wird der Sitz durch ein Kissen bedeckt. Der Stuhl auf Sucháneks Exlibris verbirgt also eines seiner typischen Merkmale, aber ein Übriges ist noch offensichtlicher: Er ignoriert auch seine typische Funktion, denn alleine kann man ihn höchstens im Museum oder in Möbelkatalogen sehen; gedacht und gebraucht wird er meistens im

 Ensemble mit anderen Stühlen seiner Art, um Menschen um einen Tisch herum im privaten Raum zu vereinen oder ihnen im Caféhaus einen Platz im öffentlichen Raum zum Genießen, Lesen oder auch Plaudern mit anderen anzubieten. Auf Sucháneks Exlibris scheint er keinerlei kommunikative Funktion anzustreben, sondern einer künstlerischen Inszenierung zu dienen, indem er zwei roten Kugeln – warum auch immer – eine Präsentationsfläche bietet. Die Wirkung wird durch einen grün über die Szenerie wehenden Gazevorhang aus einem Fenster verstärkt. Ob die Inszenierung einem rein ästhetischen Zweck dient (denn es gibt auch einen tschechischen konstruktivistischen Künstler dieses Namens, auf den angespielt sein könnte) oder ob der Eigner, ein Ingenieur, damit ein physikalisches Experiment vorbereitet, weiß man nicht. Sicher aber ist, dass die Lithografie mit der raffinierten Farbgebung ein ungewöhnliches Motiv in beeindruckender Perfektion gestaltet.

Als ich dieses Exlibris zum Gedenken an Michael Thonet, der am 3. März 1871 verstorben ist, ausgesucht hatte, dachte ich daran, ob man wohl Vladímir Suchánek anmailen könnte, um von ihm etwas über die Hintergründe des Exlibris‘ bzw. die spezielle Auftragsstellung des Eigners zu erfahren. Doch bevor es dazu gekommen ist, traf in der DEG die Mitteilung ein, dass der allseits geschätzte Künstler verstorben ist.

So nehme ich die Gelegenheit wahr, mich mit dem ausgewählten Exlibris auch bei Vladímir Suchánek für seinen großen Beitrag zur Entwicklung des Exlibris in der Gegenwart zu bedanken. – Meistens bevölkern schöne anmutige Damen Sucháneks lithografierte Exlibriswelt; wenn sie denn angezogen sind, dann zeigen sie sich gerne schön und geheimnisvoll im Stil und der Manier vergangener Zeiten, mit Bubikopf oder großen Hüten und mit Zigarettenspitzen und Sektflöten, auf alten bequemen Kanapees, elegant an Jugendstiltischchen gelehnt – und auch hinter dem Stuhl auf dem Exlibris für Ing. František Kyncl sähe man gerne eine von ihnen herbeischweben.

Ulrike Ladnar

*so gefunden bei: www.sojournal.de/de/thonet/ am 20.02,2021; da auch weitere Informationen und Abbildungen

Exlibris des Monats Februar 2021 – Hristo Naidenov: Masken

Exlibris des Monats Februar 2021 – Hristo Naidenov für Frans van der Veen, 2013, Radierung

Bei der Auswahl eines Exlibris als Exlibris des Monats spielen oft jahreszeitliche oder kalenderbedingte Motive wie Feste und Bräuche eine Rolle. Was liegt also im Monat Februar näher als auf eines der vielen Exlibris einzugehen, auf denen Masken zu sehen sind?  Denn allenthalben wird in diesem Monat der Karneval gefeiert, der je nach Region viele andre Bezeichnungen hat, Fassnacht oder Fasching sind wohl die gebräuchlichsten unter ihnen. Und am Ende dieser auch 5. Jahreszeit genannten Phase beginnt zumindest im Kirchenjahr die Fastenzeit.

Masken entstanden ursprünglich in Zusammenhang mit religiösen Bräuchen und Kulten, wo sie vor allem im Umgang mit guten, aber auch mit bösen Gottheiten oder Geistern eingesetzt wurden, oft bei der Ausübung ritueller Tänze. Doch das Verwendungsspektrum von Masken erweiterte sich rasch. So wurden in vielen Kulturen bereits seit der Antike Totenmasken angefertigt, die die Gemeinschaft schützen sollten; später dienten sie dann eher der Erinnerung an Verstorbene. In anderen Kulturen dienten Masken zur Erziehung oder Kontrolle des Volkes, beispielsweise zur Manifestation richterlicher oder staatlicher Macht.

Schon früh wurden auch im Theater Masken eingesetzt, weswegen ja eine lachende und eine weinende Maske (bis heute übrigens ein häufiges Exlibris-Motiv) Sinnbilder für das dramatische Theater geworden sind. In vielen Theaterformen wurden feste Masken für die einzelnen Rollen verwendet, z. B. in Italien in der Commedia dell‘arte oder im traditionellen japanischen -Theater. Heute werden Schauspieler im Theater oder Film zwar meist nur noch geschminkt, doch immer noch steht der Begriff Maske für den Raum, in dem das stattfindet und erinnert daran, dass früher dort Maskenbildner gearbeitet haben.

Es gab und gibt kaum eine Ausdrucksform der Kunst, in der keine Masken aufscheinen. Von der Bildhauerkunst mit ihren antiken und mittelalterlichen Masken über die Architektur mit ihren barocken Wasserspeiern und über die Musik, z. B. die Operette mit ihren maskierten Helden und Heldinnen bis hin zur modernen Malerei wie z. B. Masken eines James Ensor ist der Weg der Maske zu verfolgen; und auch Comicfiguren wie Batman haben das Repertoire an Masken in der Kunst erweitert, bis hin zu neuesten Filmfiguren wie denen aus der Star-Wars-Reihe, um nur einige wenige Hinweise zu geben.

Das Exlibris von Hristo Naidenov für Frans van der Veen aus dem Jahr 2013 greift einige Beispiele der rituellen, kultischen und künstlerischen Masken auf, die die Kulturen unterschiedlicher Zeiten und unterschiedlicher Länder geprägt haben und bis heute prägen. Rechts sieht man Totenmasken, die für asiatische oder ägyptische Traditionen stehen, und auch oben beherrscht eine zentral positionierte goldene Maske das gesamte Blatt. Sie scheint wie eine Blume auf einem vertikalen leuchtenden Glasstängel zu schweben, der vor der Sonne, dem meist der Buddha-Maske beigeordneten Symbol der Erleuchtung, in die Höhe wächst. Verschiedene grazile mythische Wesen und geheimnisvolle Ornamente umgeben bzw. umschwingen diese Senkrechte, am auffallendsten dabei ein großer Schmetterling, wie er oft auch bei dekorativen venezianischen Karnevalsmasken

eingesetzt wird. Er leitet zur linken Hälfte des Exlibris über, auf der Naidenov einen leichteren und lockeren, spielerischen Umgang mit der Maske radierend in  Szene gesetzt hat, wie er im Karneval oder Theater oder anderen Verwirrungskomödien menschlicher Beziehungs- und Rollenspiele erscheint: das Spiel mit dem Verbergen und Enthüllen des Gesichts hinter der Maske als Anreiz, als Verlockung, als Rätsel: Bin ich die, für die du mich hältst? Bin ich die, die ich bin, oder die, die ich zeigen will? Mein alter Geschichtslehrer, ein – wie in den 60er Jahren nicht selten – strenger und wenig empathischer Lehrer, wie maskiert übrigens durch ein ausdrucksloses Gesicht, haubenartig fest an den Kopf gedrückte Haare und immer im weißen Collarhemd unter einer schwarzen Weste, der gerüchteweise traumatische Kriegserlebnisse hinter sich hatte, pflegte im Februar immer warnend zu uns zu sagen: „Im Fasching meinen die Menschen, sich hinter einer Maske zu verstecken, aber in Wirklichkeit zeigen sie jetzt ihr wahres Gesicht.“ Die Frau mit der Faschingsmaske auf der linken Hälfte von Naidenovs Exlibris straft ihn Lügen, denn sie will sich nicht hinter der Maske verstecken, vielmehr will sie in der Wirklichkeit und mit verschiedenen Rollen spielen. Das beweist die Narrenkappe, die sie über den Kopf gezogen hat. Außer ihr ist nur noch ein anderes nicht maskiertes Gesicht auf dem Blatt zu sehen, und zwar auf dem rechten Bildrand, wo jemand unauffällig aus dem Schatten seiner Masken herauszutreten scheint.

Wenn man heute hinaus in die Februarwelt tritt, fällt einem bei dem Begriff Maske weder eine alemannische noch eine venezianische Variation der Gesichtsbedeckung oder auch Gesichtsverbergung ein, sondern man greift automatisch nach dem Objekt selbst und überlegt dabei, ob es eine einfache Mund-Nasen-Maske sein kann oder ob man eher eine FFP2-Maske wählt, ein Wort, das die meisten von uns vor einem Jahr noch nicht einmal gekannt haben.

Ulrike Ladnar

Grafik des Monats Januar 2021 – PF 2021 der DEG

Grafik des Monats Januar 2021 – Katarzyna Handzlik: PF 2021 der DEG, CGD 

Alles Gute für 2021!

Liebe Freundinnen und Freunde des Exlibris!

Ein Jahr ist vorüber, das uns herausgefordert hat wie keines zuvor. Die Corona-Pandemie hat viele Opfer gekostet und hat viele Pläne, Ideen und Unternehmungen zunichte gemacht. Für die Exlibrisfreunde in aller Welt, die sich seit jeher persönlich treffen und Kontakte pflegen, dabei Originalexlibris in Augenschein nehmen, darüber diskutieren und diese tauschen, insbesondere auf Veranstaltungen verschiedenster Art, für sie ist fast all dies 2020 weggebrochen, musste abgesagt werden, fiel aus. Es gibt vieles, was Corona-bedingt von ungleich größerer Bedeutung ist als die Absage von Treffen mit Exlibrisfreunden: seine Arbeit zu verlieren, seine Existenzgrundlage, Hunger zu leiden oder sein Heim verlassen zu müssen, selbst zu erkranken, ohne zu wissen, welche Nebenwirkungen bleibenden Schaden bewirken können, oder gar jemandes Tod betrauern zu müssen. Dagegen ist ein Jahr nicht zustande gekommener persönlicher Exlibris-Kontakte nicht wichtig. Und trotzdem ist ihr Wegfall bedeutsam; Kunst und Kultur gehören zum Leben und machen das Leben lebenswert, sie machen Freude, stiften Sinn, fördern das Denken.

Gemeinsam mit unseren Freundinnen und Freunden hoffen wir darauf, dass alle persönlichen Anstrengungen und Bemühungen, der Verbreitung des Virus entgegenzuwirken, und alle übergeordneten Entwicklungen dazu beitragen mögen, dass wir uns 2021 wiedersehen.

Diese Hoffnung und diesen Wunsch möchten wir mit dem DEG-PF-Blatt 2021 zum Ausdruck bringen. Ein kleiner, bunter, lebendiger Vogel steht wie eine Sieges-Statuette auf der Spitze eines schwungvoll gedrehten goldenen Sockels (der selbst einer Statue gleicht) und richtet seinen Blick erwartungsvoll auf den Glücksstern.

Den Entwurf für das PF-Blatt fertigte Katarzyna Handzlik, die an der Akademie der Bildenden Künste in Wrocław studiert hat und dort auch promoviert wurde. Sie unterhält ein eigenes Kunststudio an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Schlesien, wo sie 2016 von den Studenten mit dem „Oscar” in der Kategorie Künstler ausgezeichnet wurde. Ihre computergenerierten Designs erinnern an Assemblagen und Collagen; tatsächlich ist Handzlik auch Objektkünstlerin.

Möge der Vogel auf dem DEG-PF-Blatt als Symbol der Freude, der Freiheit, des Glücks Impulsgeber sein für einen positiven Blick in die Zukunft!

 

In diesem Sinne wünscht der Vorstand der DEG allen seinen Mitgliedern und darüber hinaus den Freundinnen und Freunden des Exlibris in der ganzen Welt alles Gute für das kommende Jahr, Glück und Gesundheit! Bleiben Sie zuversichtlich!

Herzlichst
Dr. Henry Tauber
für den Vorstand der DEG

(Das PF-Blatt [CGD] von Katarzyna Handzlik wird mit den nächsten Mitteilungen an alle DEG-Mitglieder versandt.)

Exlibris des Monats Dezember 2020 – Luigi Kasimir: Winterstimmung

Exlibris des Monats Dezember 2020 – Luigi Kasimir: Exlibris für Prof. Dr. Siegfried Gross, um 1905, Radierung

Weiße Weihnachten – ist das nicht der Traum der meisten Kinder und auch noch vieler Erwachsener? Verfolgt man nicht fast angespannt seit Dezemberanfang die langfristigen Wetterprognosen für den 24. Dezember und die Zeit danach? Weckt die Vorstellung eines weißen Weihnachtsfests nicht nostalgische Träume an Vergangenes, an Glück und Freude?

Dieses Jahr führt die Frage danach, ob Weihnachten weiß sein wird, unsere Prioritätenliste nicht an. Statt auf den Himmel und seine Schneeverheißungen zu blicken, schauen wir auf den Bildschirm und betrachten die Zahlen, die uns den Verlauf der Covid-Pandemie verdeutlichen. Grundsätzlicheres als das Wetter steht seit Mitte November im Vordergrund: wie und in welchem Kreis man Weihnachten in diesem Jahr überhaupt feiern kann. Und das scheint jetzt, Ende November, abgeklärt zu sein. Ja, man wird ein Familien- oder Freundesfest feiern können zu Weihnachten – aber es wird anders sein als bisher.

Doch geben wir angesichts des schönen und stimmungsvollen Winterbilds einer schneebedeckten historischen Stadtkulisse, das Luigi Kasimir auf seinem Exlibris für Professor Dr. Siegfried Gross radiert hat, eine Weile einfach unseren nostalgischen Sehnsüchten Raum.

Alles wirkt weiß dort, sauber, aber leicht verschwommen und unwirklich. Die Tageszeit lässt sich kaum bestimmen. Ist es früher Morgen? Oder schon Abend? Eine Stadtlaterne scheint vor dem linken Haus zu leuchten, und auch rechts vermeint man das eine oder andere Licht schimmern zu sehen. Der Himmel wirkt hell, vielleicht aber täuscht da auch nur eine tiefhängende weißgraue Schneewolke. 

Wer Wien, wo das Bild zu verorten ist, kennt, wird links, ein wenig im Hintergrund, unschwer die Hauptfront der Winter Universität erkennen und rechts den schmalen Steig, der hinauf zur Mölker- Bastei führt. Auch der, dem Wien nicht aus eigener Anschauung vertraut ist, wird sofort das alte Wien vor Augen haben, weil dieser Steig und diese ab 1531 entstandene Bastei mehrfach als Filmkulisse für historische Filme wie Der Dritte Mann 

und Das Dreimäderlhaus gedient hat. Denn dieser Ort konnte trotz seiner langen Geschichte mit vielen Umbaumaßnahmen immerhin seit der Zeit, als Franz Josef I, um seinen architektonischen Wientraum zu erfüllen, das damalige alte Wien radikal verändert hat, weitgehend unverändert bleiben – so, wie auch Luigi Kasimir ihn um 1905 festgehalten hat. Damals war der 1881 geborene Künstler noch im letzten Jahr seiner Ausbildung und stand erst am Beginn einer Künstlerkarriere, deren Reputation aufgrund seiner 28 Jahre später erfolgten frühen Zustimmung zu nationalsozialistischer Ideologie und Handlungsweise seit langem gebrochen ist.  

Die schneebedeckten Plätze und Straßen der Stadt sind leer und wenn man sich hineinversetzt, meint man fast die Stille der Stadt zu hören. Nur im Hintergrund sieht man eine einsame Gestalt, die auf die Universität zugeht. Aber auch diese Gestalt ist unbestimmt, es scheint ein Mann zu sein, aber sicher kann man das nicht ausmachen. Ob die Gestalt wirklich ganz allein ist, lässt sich ebenfalls nicht eindeutig bestimmen. Hält rechts von ihm nicht vielleicht gerade ein Fiaker mit seinem Fahrer davor? Und spazieren links vor dem Haus vielleicht nicht doch zwei Passanten, vielleicht sogar mit Hund, vorbei? Ich kann es auch mit Lupe nicht genauer festlegen. Vielleicht wachsen dort auch nur Büsche.

 

Je länger man die Szenerie betrachtet, desto mehr verwandelt sich die auf den ersten Blick präzise topografische Stadtarchitektur in eine geheimnisvolle märchenhafte Welt.

Ob es der Eigner, ein Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Universitätsprofessor, ist, der an diesem stillen Tag zu seiner Arbeitsstätte geht, weiß man nicht, wohl aber, dass er ein wiss- und lesebegieriger Mann ist, denn den unteren Bildrand füllen viele im Schnee liegende und aufgeschlagene Bücher.

Auf jeden Fall verbringt diese Person diesen Tag oder eben auch Abend wohl allein. Dass er dabei Ruhe und Frieden findet, ist ihm zu wünschen.

Und uns allen ist zu wünschen, dass unser Weihnachten ruhig und friedlich wird und dass wir es bei guter Gesundheit feiern. Doch ganz so allein wie diese einsame Gestalt sollte keiner sein.

(Ulrike Ladnar)

Exlibris des Monats November 2020 – Mariya Plyatsko: Memento Vivere

Exlibris des Monats November 2020 – Mariya Plyatsko für Ulrike Ladnar, 2019, Radierung

Dass man bei der Suche für ein Exlibris des Monats November bei Blättern mit MEMENTO MORI-Motiven anfängt, ist keineswegs überraschend. Friedhofsbesuche fallen einem ein und das Rascheln der abgefallenen Blätter unter den Schuhen.

Schon der Kalender dieses Monats weist viele Gedenk- und Trauertage auf. Das fängt mit Allerheiligen und Allerseelen – einem Gedenktag der röm.-katholischen Kirche für die Verstorbenen – an und setzt sich mit dem evangelischen Buß- und Bettag und dem Totensonntag, an dem die evangelischen Gläubigen an ihre Verstorbenen denken, fort. Dazwischen ist der staatliche Volkstrauertag verankert, der seit dem Ersten Weltkrieg als ein Heldensonntag gefeiert wurde und der Erinnerung an die gefallenen Soldaten galt; heute aber wird differenzierter mit diesem Gedenktag umgegangen, in Hessen z. B. ist er als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten beider Weltkriege definiert.

Klimatologisch kann man dem November auch wenig Heiteres abgewinnen. Rühmt sich der Oktober noch (in diesem Jahr weitgehend unberechtigt) des Epithetons golden, so assoziiert man mit dem November als Folge der stetig sich verkürzenden Tage Dunkelheit, Nebel, Kälte, Regen und Sturm. Im Mittelalter wurde deswegen versucht, den Monatsnamen einzudeutschen: Windmond sollte er heißen oder auch Nebelung. Doch er blieb bis heute etymologisch der neunte Monat, der November eben.

Aus medizinischer Sicht gilt der November aufgrund seiner zunehmend trübe und dunkler werdenden Tage, was den Serotonin-Spiegel sinken lässt, auch als Monat der trüben Stimmungen. Wir alle verwenden seit etlichen Jahren den Begriff Novemberblues, wenn wir eine Neigung zu leichten Verstimmungen und Melancholien beschreiben wollen. Ob der Novemberblues sich sonst wegtanzen lässt, weiß ich nicht, aber in diesem Jahr wird das bestimmt nicht gelingen. Denn in diesem Jahr könnten aufgrund der wieder stärker sich ausbreitenden und aktivitätslähmenden Pandemie noch mehr Menschen als sonst in die Gefahr geraten, in eine traurige Stimmung zu verfallen: Sorgen um die eigene Gesundheit und die der Familie, Sorgen um den Arbeitsplatz, das Einkommen, die wirtschaftliche Situation, Bedenken, ob man überhaupt noch wie gewohnt Weihnachten feiern kann u. v. a. m.

Auf jeden Fall wollte ich kein MEMENTO MORI-Blatt wählen, sondern eher etwas Gegenteiliges. Und fündig bin ich bei einem Blatt geworden, das die junge ukrainische Künstlerin Mariya Plyatsko 2019 radiert hat. Das Thema, das zu gestalten sie gebeten worden ist, lautet MEMENTO VIVERE (Gedenke zu leben).

Die junge Künstlerin hat auf ihrem Exlibris zu diesem Thema eine Geschichte erzählt, die eine Frau in zwei unterschiedlichen Lebenssituationen, Lebensphasen zeigt. Links erscheint sie uns nur umrisshaft, gesichtslos, sie ist nur mehr, wie man so sagt, ein Schatten ihrer selbst. Ihr Körper, ihr Gesicht, ihr Ich ist nicht mehr erkennbar. Sie hat sich aus dem Leben der anderen zurückgezogen, ist aus dem Leben zurückgetreten. Warum das so 

ist, weiß man nicht. Sie kann krank sein, sehr krank, sie kann Sorgen haben, die sie auffressen, sie kann einen Verlust erlitten haben, den sie nicht verarbeiten kann. Sie kann vor einem zerbrochenen Lebenskonzept stehen, vor einem gescheiterten Lebensplan. Sie könnte an einem Ort sein, an dem sie nicht sein will, sie kann einsam sein. Auf jeden Fall ist sie in eine tiefe Krise geraten.

Doch dann hat sie sich aus dieser Krise herausgearbeitet und geht zurück ins Leben.

Und so steht sie nun ein zweites Mal vor uns, und zwar selbstbewusst in der Mitte des Blattes. Mit offenen Augen blickt sie nach vorne. Ihre Gesichtszüge sind wieder deutlich erkennbar, ein kleiner Schatten umdunkelt ihre Augen noch, aber ihr Mund scheint zum Lächeln bereit zu sein. Ihr Busen ist wieder voll und sinnlich. Nur noch schemenhaft zu erahnen und fast verschwunden ist der Arm, mit dem sie in der Krise ihre Abwehrhaltung von der Welt manifestiert hat. Nun sind ihre Arme wieder weit ausgebreitet und wollen sich der Welt öffnen, die Welt umarmen. Vor ihr erblüht rechts unten in den leeren Raum hinein bereits eine Blume. Aber sie hält in ihrer rechten Hand noch eine schwarze, tote Blume, die sie auf ihren Kampf zurück ins Leben aus ihrem lebensfeindlichen Dämmerzustand mitgebracht hat, doch bald wird sie nach der darunter sich öffnenden Blüte greifen, die die Künstlerin verlockend signalrot rot koloriert hat. Und alles wird wieder gut werden. Memento vivere! Was für ein schönes Motto für diesen Monat und die nächste Zeit.

Ulrike Ladnar

EL des Monats Oktober 2020 – Lembit Löhmus: Wiedehopf

Exlibris des Monats Oktober 2020
Lembit Löhmus für Tomas Ostermann, Wiedehopf, 2019, C2, 60 x 60 mm

Die Jury des DEG-Wettbewerbs für Exlibris und Gelegenheitsgrafik 2020 hat Lembit Löhmus zum Sieger gewählt und würdigt mit dem 1947 geborenen Esten einen der herausragenden zeitgenössischen Exlibriskünstler. Im Wettbewerb, in dem nur Arbeiten aus den Jahren 2019 und 2020 zugelassen waren, war Löhmus mit zwei brillanten Kupferstichen vertreten: Leda mit dem Schwan für Klaus Rödel und dem hier gezeigten Wiedehopf für Tomas Ostermann.
Der knapp 30 cm große, dank seines aufrichtbaren Federkamms, dem langen, gebogenen Schnabel und dem hell-dunkel gestreiften Gefieder besonders auffällige Vogel ist in der Alten Welt recht verbreitet, sein Bestand insgesamt wohl gesichert, wenngleich er in einigen Ländern Mitteleuropas auf den Roten Listen steht oder sogar ausgerottet ist – weit bekannt und dennoch von vielen niemals in der Natur selbst beobachtet.
Der Eigner des Löhmus-Blattes, Tomas Ostermann, sah bei seinem ersten Aufenthalt 1993 in Portugal „diesen lustigen Vogel“, der „keine besondere Scheu zeigte“, in unmittelbarer Nähe seiner Unterkunft. Auch „an der örtlichen Mülldeponie“ traf er ihn an. Der Sammler denkt, dass „jeder, der einen Wiedehopf sieht, von diesem Vogel begeistert ist.“
Obwohl er zu biblischen Zeiten als “unreines” Tier galt, dessen Verzehr verboten war, benutzte König Salomo ihn als Boten zwischen sich und der Königin von Saba und bat ihn um Unterstützung beim Bau des Ersten Tempels in Jerusalem. Ovid ließ in seinen Metamorphosen den Thrakerkönig Tereus sich in einen Wiedehopf verwandeln. 1976 war der Wiedehopf in Deutschland Vogel des Jahres. 2008 wurde er zum Nationalvogel Israels erkoren.
In der Heraldik taucht(e) er als Gemeine Figur auf, in Seitenansicht mit der Hauptblickrichtung nach heraldisch rechts – ganz so wie auf dem Exlibris von Löhmus.

Auf die Kupferstichmanier des Meisters dieser extrem aufwendigen Tiefdrucktechnik treffen alle möglichen Synonyme von Präzision zu: Klarheit und Schärfe, Prägnanz und Akribie, Strenge und Genauigkeit, Akkuratesse und Feinheit, geradezu exemplarisch verwirklicht in seinem Wiedehopf-Exlibris. Löhmus hat mehr als 500 Grafiken geschaffen, darunter eine Vielzahl von Exlibris für Sammler aus rund 30 Staaten, als Kupferstiche, aber auch als ebenso beeindruckende Holzstiche und Stahlstiche, in vielen internationalen Ausstellungen gezeigt und mit zahlreichen Auszeichnungen versehen.

Kein Wunder, dass er auch als Gestalter von Briefmarken hervorgetreten ist. Für sechs Staaten: die Sowjetunion, Kasachstan, Schweden, Lettland, Litauen und nicht zuletzt Estland hat er mehr als 200 Briefmarken kreiert, und erhielt auch für diese eine ganze Reihe von Preisen.
Seine „populärste“ und am meisten verbreitete Arbeit ist jedoch zweifellos der Entwurf der nationalen Seite der estnischen Euro-Münzen, der, für alle Stückelungen identisch, die geografische Abbildung Estlands zeigt!

Henry Tauber 

EL des Monats September 2020 – Konstantin Kalynovych: Vineyard in Heaven

Exlibris des Monats September 2020: Vineyard in Heaven Konstantin Kalynovych: Exlibris für Jana K. & Peter B., 2013, C 3, 98 x 108 mm

So früh wie selten beginne dieses Jahr die Weinlese in Deutschland, konnte man vor kurzem in verschiedenen Zeitungen lesen, die Ernte früh reifender Sorten für den Federweißen setzte beispielsweise in Rheinland-Pfalz schon vor Mitte August ein, und die Hauptlese soll Anfang September beginnen.

Da liegt es nahe, als Exlibris des Monats September ein Blatt zu präsentieren, in dem die Weinlese im Mittelpunkt steht. Konstantin Kalynovych hat es für Jana K. & Peter B. radiert. In der Mitte der Radierung sieht man einen halbnackten Mann in einem riesigen Bottich stehen, der wohl mit seinen Füßen kraftvoll die Reben zerstampft, um aus ihnen so viel von ihrer süßen Flüssigkeit zu gewinnen, wie es nur möglich ist. Man muss schon auf einer angelehnten Leiter hochsteigen, um ihm bei seiner Arbeit zu helfen. Manche der ihn umstehenden Buttenträger, die die von ihnen mit der Hand gelesenen Früchte auf dem Rücken zu ihm schleppen, stecken sich auch noch die eine oder andere der Weintrauben in den Mund. Unten rechts stehen Maultiere und Ochsen bereit, um die Früchte zur Kelter zu bringen.

Die Szene mit dem Karren und den Herbstern, wie die Helfer bei der Weinlese früher hießen, vor dem prächtigen Schloss im Hintergrund deutet man schnell als Ins-Bild-Setzen einer idyllischen Erntesituation aus längst vergangenen Zeiten. Romantisch, denkt man, so ganz ohne diese modernen Vollerntemaschinen.

Bei genauerer Betrachtung sieht man, dass sich das zentral positionierte Fass dieser Deutung entzieht: Denn es erscheint eigentlich wie eine eigene Welt, ein eigener Globus, die angelehnte Leiter wird zur Jakobsleiter, der Leiter, die Erde und Himmel miteinander verbindet und die man auf vielen Gemälden und an Außen- und Innenwänden vieler Klöster und Kirchen des Mittelalters und der frühen Neuzeit findet. Die Weinberge unten verwandeln sich in luftige Wolken oben. Der Winzer im Fass in der beschienen Erdkugel wird zur Christusfigur und die Butten auf den Rücken der Helfer werden zu Engelsflügeln. Dass der Künstler seinem Blatt handschriftlich einen Titel gibt, nämlich Vineyard in Heaven, bestätigt, dass es ihm nicht in erster Linie um stimmungsvolle nostalgische Herbst-Reminiszenzen geht, sondern um eine bildstarke, differenzierte Darstellung der religiös-moralischen Frage, wie die Beziehungen des heutigen Menschen und seines Weinbergs, also der Lebensrealität seiner Gesellschaft, zu dem göttlichen Weinberg aussehen.

Die Exlibris von Konstantin Kalynovych, einem 1959 in Novokusnezk, einer Stadt im südwestlichen Sibirien, geborenen ukrainischen Künstlers, erkennt man meistens auf den ersten Blick. Künstlerisch stechen sie durch ihre technische Perfektion hervor; inhaltlich begegnet man auf ihnen vielen Motiven und Figuren, die einem vertraut sind und die man bei genauerer Betrachtung großen Gemälden der letzten Jahrhunderte zuordnen kann. Man wird an Rembrandt erinnert, an Vermeer, stößt auf Botticellis Venus und Klimts Adele Bloch und viele andere berühmte Ikonen der Kunstgeschichte; dabei kommt es auch zu überraschenden Begegnungen zwischen Figuren unterschiedlicher Zeiten und Kulturen.

Das hier vorgestellte Exlibris des Monats erinnert nicht nur an etwas, sondern scheint geradezu etwas zu kopieren: ein Monatsblatt nämlich aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry (Les Très Riches Heures), das der Herzog 1410 in Auftrag gegeben hatte und an dem die drei beauftragten Künstler – die drei Brüder Limburg, denen Kalynovych sein Exlibris auch gewidmet hat – bis zum Tod des Herzogs im Jahr 1416 gearbeitet haben. Die unvollendete und ungebundene Handschrift gelangte an das Haus von Savoyen, wo es von einem anderen Künstler, Jean Colombe, vollendet wurde, um dann jahrhundertelang für spurlos verschwunden zu gelten. Aber das ist nicht das heutige Thema, deswegen nur so viel: Man kann es seit über einem Jahrhundert im Schloss Chantilly betrachten.

 

Wenn man das Exlibris mit seiner wunderbaren Vorlage genauer vergleicht, so fällt auf, dass Kalynovych nur auf den ersten Blick vieles beibehalten hat: das Schloss, die Weinberge, die Traubenlese, der Karren mit den Maultieren, die Personen, die die Trauben versuchen, und viele Details, so die Frau links, die über das beim Bücken entblößte Hinterteil eines erntenden Mannes rechts lachen muss und vieles andere mehr. Aber der zentrale Unterschied ist frappierend: Steht dort das prächtige und glanzvolle Loire-Schloss Saumur im Mittelpunkt, so tritt es ebenso wie der Turnierplatz darunter bei Kalynovych zurück hinter seinem zentralen Motiv über der Himmelsleiter.

Wenn Sie das September-Monatsbild aus dem Stundenbild des Herzogs von Berry mit dem September-Exlibris von Konstantin Kalynovych genauer vergleichen wollen, als es auf diesem engen Raum möglich ist, so finden Sie es wie die anderen 11 Monatsbilder auch bei Wikipedia unter dem Stichwort Les Très Riches Heures abgebildet. Auf der Website des Künstlers können Sie dann auch andere seiner Umdeutungen der mittelalterlichen Monatsbilder betrachten – und ich verspreche Ihnen, dass Sie, wenn Sie sich damit eine verregnete Septemberstunde vertreiben, eine anregende Zeit haben werden, in der Sie ausfallende Kongresse, Regen, Corona und alles andere einmal vergessen.

Ulrike Ladnar