Exlibris des Monats November 2022 – Olivenernte – Carla Fusi für Lydia Willemsen

Olivenernte – Carla Fusi: Exlibris für Lydia Willemsen, 2018, Radierung

Der November hat einer weit verbreiteten Stimmung – besser: Verstimmung – ihren Namen gegeben: Novemberblues. Mediziner erklären dieses Phänomen mit hormonellen Umstellungen als Folge des Lichtmangels, die Sonnenstunden sinken pro Monat um ein Viertel im Vergleich zum Sommer – und benutzen als Fachbegriff dafür saisonal abhängige Depression, abgekürzt SAD. Was dagegen helfen soll, ist, sich aktiv um Licht und Glücks-momente zu bemühen. Dazu verhelfen bestimmt auch Erinnerungen an oder Phantasien über fröhliche, eindrucksstarke spätherbstliche Erlebnisse. Denken Sie beispielsweise an ein Erntedankfest bei uns oder an eine Oliven-ernte in Italien, wie sie jetzt im November dort allenthalben durchgeführt wird. Olivenbäume: alte knorrige niedrige Bäume mit einer weitverzweigten Krone und immergrünen Blättern in der Form winziger Spielzeuglanzen. Deren Unterseite ist silbrig, so dass, wenn der Wind weht, das ganze Bäumchen grünsilbrig in der Sonne flimmert und glitzert. Denn natürlich gehört die Sonne zu dieser Vorstellung – und blauer Himmel über den Bäumen und fleißige und fröhliche Erntende darunter. Die Oliven am Baum oder auf dem Netz steuern noch weitere olivgrüne und lila Farbkleckse bei.

Nimmt man jetzt die Exlibris-Radierung von Carla Fusi für Lydia Willemsen zur Hand, auf der sie eine traditionelle Olivenernte darstellt, so werden auf den ersten Blick alle diese sonnigen und farbigen Phantasien konterkariert. Denn auf diesem Blatt dominieren dunkle Naturfarben, sowohl was die Olivenbaumstämme und ihre Baumkronen mit ihren dichten Zweigen und Blättern als auch die Presse und die kleine Schar der Erntenden am linken unteren Bildrand betrifft. Der Hintergrund ist natürlich hell, mit einer leichten grünen Tönung, die aber einfach nur wie ein Hintergrund aussieht und keiner-lei Assoziationen an himmelblaue oder sonnengelbe südliche Atmosphäre auslöst. Eines wird bei diesem ersten Blick schon klar: Um Herbstromantik oder Italiensehnsucht geht es der Künstlerin mit diesem Exlibris nicht.

Die Eignerin war 2017 zum ersten Mal zur Olivenernte in Italien bei der Familie von Carla Fusi, die dort ca. 100 alte Olivenbäume besitzt, die noch von Hand geerntet werden, und sie erzählte mir, wie schwer und doch beglückend die Ernte-Arbeit ist, wie besonnen man vorgehen muss, um alle Oliven vorsichtig mit einem Harken von den Zweigen abzustreifen und sie dann nicht auf dem Netz zu zertreten, und welche Spannung bei dem anschließenden Pressen entsteht, weil man kaum erwarten kann, wie das Olivenöl wohl schmecken wird.

Wie die Phantasien von idyllischen und fröhlichen Ernten werden auf der Radierung auch diese realen Erfahrungen beim Ernten auf zunächst bestürzende Weise ausgeklammert, selbst wenn man beim zweiten Blick dann doch das Flirren und Klirren der hellen Blattunterseiten und die herab-fallenden Oliven erahnen kann, aber das trifft noch nicht den Kern der Radierung. Denn Carla Fusi will mit ihrer Radierung unzweifelhaft  etwas anderes darstellen – genauer: richtigstellen – die Bedeutung nämlich, die der Natur vom Menschen einzuräumen ist. Denn im Zentrum der Radierung steht eindeutig der alte knorrige Baum. Er wächst auf einem kleinen Erdhügel auf einer Presse und ist so hoch und dominant aufgestellt, dass das Blatt nicht ausreicht, um ihn in ganzer Höhe abzubilden. Und alles, was neben und unter ihm geschieht, hängt sozusagen von ihm ab, liegt in seiner Hand. Oder – noch allgemeiner – in der Hand von etwas noch Größerem, Höherem, der Natur, die durch diesen Baum symbolisiert wird. Der Baum wächst über der traditionellen mechanischen Presse mit dem Mahlstein aus Granit, die früher oft von Eseln oder Ochsen angetrieben worden wurde; heute sind diese Pressen elektrifiziert. Wie die Ernte sein wird, können die Menschen nicht bestimmen, darüber befindet die Natur. Der Sommer kann verregnet sein oder, wie in diesem Jahr, zu heiß und zu dürr, andere Plagen oder Katastrophen können sich ereignen.

Auf der Radierung sieht man eine gute Ernte; viel angesichts der dunkel gehaltenen Umgebung sehr hell erscheinendes, fast weißes Öl fließt in einem starken vollen Strahl heraus, bereit für den Genuss durch die Menschen. Insofern könnte man auch sagen, dass die Macht der Natur auch dem Schutz der Menschen gilt, die über die Produkte der Natur verfügen und sie genießen dürfen. Carla Fusis Blatt macht deutlich, dass all das nur dann gelingt, wenn der Natur ihr Platz, ihr Rhythmus und ihre Bedürfnisse nicht genommen werden und wenn sie achtsam behandelt wird. Darauf verweist auch das zweite fast weiße und deswegen sehr auffallende Motiv auf der Radierung: die Taube. Wie wichtig sie für die Konzeption des Bildes ist, zeigt außer ihrer Farbe auch ihre Größe, zum Beispiel im Vergleich zu der Gruppe der Erntenden auf der linken Seite. In ihrem Schnabel hat die Taube einen Olivenzweig. Dieses Motiv steht seit alters für Frieden und für Erneuerung. Noah ließ ja bekanntermaßen nach überstandener Sintflut drei Tauben fliegen, von denen die erste mit leerem Schnabel, die zweite mit einem Öl-zweig im Schnabel und die dritte gar nicht zurückkehrte. Die zweite Taube zeigte Noah, dass die Flut vorbei war, dass Gott sich also wieder versöhnlich zeigt. Endgültig zur Friedens-Ikone aber wurde die Taube mit dem Oliven-zweig im Jahre 1949, als Picasso ein Plakat für den Weltkongress der Kämpfer für den Frieden mit einer weißen Taube gestaltete, übrigens wohl u.a. aufgrund seiner Vorliebe für diese Tiere und nicht als Zitat eines alttestamentarischen Motivs.

Wertschätzung und Schutz der Natur zum einen und Aufrechterhaltung des Friedens zum andern werden auf diese Weise auf der Radierung als die beiden Grundvoraussetzungen menschlichen Zusammenlebens, mensch-lichen Lebens und Überlebens herausgestellt.

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats Oktober 2022: Autumn‘s Dream –

Umberto Giovannini für Marina Stappen, polychromer Holzschnitt

Irgendwann in der ersten Septemberhälfte kündigte sich nach vielen sonnen-reichen und heißen Wochen der Herbst an. Es wurde abends früher dunkel und morgens später hell. Auf einmal nahm man abends beim Weggehen eine Jacke mit und beobachtete besorgt die Bäume, die sich zwar noch nicht färbten, aber aufgrund der langen Trockenheit bereits sehr viel dürres brau-nes Laub abwarfen. Und man begann, seinen Herbsttraum zu träumen … Oft beginnen diese Träume mit Versen aus alten Gedichten: Bunt sind schon die Wälder, / gelb die Stoppelfelder, / und der Herbst beginnt/ … Die Luft ist still, als atmete man kaum, / und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, / die schönsten Früchte ab von jedem Baum/Der Nebel steigt, es fällt das Laub; / Schenk ein den Wein, den holden! / Wir wollen uns den grauen Tag / Vergol-den, ja vergolden/Gewaltig endet so das Jahr / Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten, / Rund schweigen Wälder wunderbar / Und sind des Einsamen Gefährten/ …*

So unterschiedlich unsere persönlichen Träume vom Herbst auch sein mögen, so werden sie doch einige erwartbare feste Elemente aufweisen, auf die schon die wenigen Verse oben hindeuten: den Farbenreichtum der Natur, die Aussicht auf reiche Ernten und den Genuss daran, die Vorahnung ruhigerer und einsamerer Zeiten …

Auch in Umberto Giovanninis Autumn’s Dream auf dem Exlibris für Marina Stappen tauchen solche Elemente auf: für die Ernte, für herbstliche Farben, für das aufkeimende Bewusstsein dunklerer Zeiten. Nur wird das, was in den zufällig ausgewählten Versen so ernst und feierlich und gewaltig daher-kommt, von Umberto Giovannini verspielt und etwas surreal ins Bild gesetzt. Giovannini benutzt nur Weiß, Braun (in unterschiedlichen Stärken) und Schwarz, um uns die seltsame und heitere Szene mit der müden Kuh und dem munteren Igel zu erzählen. Die Konstellation erinnert vage an die bekannte Fabel von Lafontaine, in der die ungleichen Kontrahenten, die musizierende Grille und die emsige Ameise, eine unterschiedliche Meinung

zur gerechten Verteilung der Güter des Sommers vertreten. Allerdings spielt die Moral bzw. Lehre der Fabel, die unterschiedliche Lebensentwürfe nicht unkommentiert lässt, hier keine Rolle. Denn hier tun beide einfach das, was ihnen gerade Freude macht. Die Kuh ruht sich nach ihrem Almabtrieb erst einmal aus, während der Igel mit den Früchten eher spielt, als sie zu ernten und dann sinnvoll für Notzeiten zu lagern. So hat er eine kleine Mandel wie Tabak in einen pfeifenähnlichen Zweig gesteckt und stolziert zufrieden herum. Über ihm schwebt ein Granatapfel und unter ihm hängt eine Rebe. Die hellen Kügelchen überall scheinen Oliven zu sein. Das mediterrane Frucht-angebot verweist auf das Herkunftsland des Künstlers, der 1969 in Morciano di Romagna geboren wurde. Von dem rein spielerischen Umgang mit typischen Herbstattributen zeugt natürlich auch die Tatsache, dass der Igel ja die Früchte der Bäume und Wiesen nicht braucht, sie verschmäht, da er sich bevorzugt von Schnecken, Regenwürmern, Spinnen und anderem kleinen Getier ernährt. Zudem überwintert er schlafend und benötigt somit eigentlich keine Reserve. Aber die letzten warmen Herbsttage will er noch heiter und kreativ genießen. Und die Kuh, die sich auf der sommerlichen Alm von Gras und duftenden Kräutern ernährt hat, findet jetzt ihren Platz in ihrem Stall, ihrem Winterdomizil, einem Stall, in dem sie hoffentlich artgerecht gehalten wird. Es wird dunkler sein, langweiliger. Wahrscheinlich träumt sie trotzdem (könnte sie denn träumen) von ihrem Sommerort.

Die Farben des Blattes werden von unten nach oben immer dunkler. Bei der Kuh am unteren Bildrand dominiert noch das reine Weiß, und eine witzige Idee ist es auch, den Kuhrücken wie einen Schneeberg im Winter sich erheben zu sehen. Der Igel hingegen hat nur noch wenige weiße Stacheln in seinem schwarzen Stachelfell.

Das fröhliche Treiben des Igels und das apathische Dösen der Kuh wirken je nach Befindlichkeit der BetrachterInnen gleichermaßen ansteckend und signalisieren, dass jeder in den beginnenden grauen Herbsttagen einfach das tun sollte, was ihm gefällt. Seinen eigenen Herbsttraum träumen.

Umberto Giovannini ist ein umfassend interessierter und aktiver Künstler, der sich ursprünglich bevorzugt mit Druckgrafik beschäftigte, und zwar sowohl mit freier Grafik, mit Bildvorlagen für Bücher und mit Exlibris. Doch das Spektrum seiner Interessen hat sich schnell erweitert, er betreibt ein Grafikatelier, das umweltfreundliche Materialien einsetzt, arbeitet als Designer, als Bühnenbildner, er baut effektreiche Maschinen für Installationen, ist im Film- und Medienbereich aktiv und konzipiert und realisiert allein oder in Gruppen große experimentelle Projekte, um nur einiges anzuführen. Zudem ist er an zwei Universitäten als Dozent tätig. Er ist außerdem seit 2016 Präsident der Renate-Herold-Czaschka-Stiftung, die Künstler fördert, die sich der Druckgrafik widmen. – Die Liste seiner Projekte, zu denen auch das Kuratieren großer Ausstellungen gehört, ist beeindruckend umfangreich. Das Exlibris ist dabei leider in den Hintergrund getreten. Doch im Oktober dieses Jahres hat einer seiner Exlibris-Holzschnitte uns noch einmal Freude gemacht, hoffe ich.

*Wenn Sie die Gedichte gerne einmal wieder in Gänze lesen wollen: in der Reihenfolge der Zitate sind die Verse aus: Salis-Seewis: Herbstlied, Hebbel: Herbstbild, Storm: Oktoberlied; Trakl: Verklärter Herbst

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats September 2022: Herbststimmung – Verlust und Dankbarkeit –

Marina Kupkina für Helga Becker-Bickerich, 2019, Radierung

Marina Kupkina hat auf ihrem Exlibris für Helga Becker-Bickerich auf realistische Art und Weise eine kleine Alltagsszene ins Bild gesetzt, wie man sie auch in einer Kinderbuchillustration finden könnte. Ein Junge, er mag so um die 10 Jahre alt sein, sitzt auf einer schmalen Bank am Ufer eines idyllischen, unberührt wirkenden kleinen Sees oder eines Flusses und hat seine Angel ausgeworfen. Anscheinend steht dem kleinen Angler ein großer Erfolg bevor, denn die Angel reicht nicht mehr weit hinaus ins Wasser, sondern ist stark nach unten gezogen, und auf der Oberfläche des Wassers sind bereits die heftigen kreisförmigen Bewegungen eines gefangenen Fisches wahrzunehmen. 

Auf dem Exlibris scheint der Sommer sich seinem Ende zu nähern. Noch ist es warm, der Junge trägt kurze Hosen und scheint barfuß zu seiner Angel-stätte gegangen zu sein. Aber die Farben der Natur sind nicht mehr sommer-bunt, die Sonne leuchtet nicht mehr gelb, am Himmel stehen Wolken, die Bäume sind vom Wind gebeugt, auch das Schilf wird bereits braun und die nicht mehr von einer hochstehenden Sonne beschienene Wasseroberfläche ist dunkel, blaugrün, blauschwarz sogar bis auf die aufschäumenden Wasserkronen, die den dichten Wolken am Himmel entsprechen. Die Natur-stimmung zeugt vom Abschied vom Sommer. Im Hintergrund sieht man ein kleines, einfaches Häuschen, irgendwo dort hinten wird der Junge leben und in dem Häuschen werden die Früchte des Sommers und des Herbstes lagern oder eingemacht worden sein und im Winter Freude bereiten.

Die beschriebene Situation enthält trotz ihres positiven narrativen Inhalts – einen unmittelbar bevorstehenden Anglerfolg – etwas Melancholisches. Denn der Junge zeigt keine Freude, jubelt nicht, sondern sitzt eher traurig, nachdenklich auf seiner Bank. Und neben ihm sieht man im Schilf aufschei-nend auf der Bank den Schatten eines erwachsenen Mannes sitzen, der die frühherbstlichen Farben der Natur, also das Grüne, Blaue, Braune, in etwas helleren Nuancen widerspiegelt. Seine Konturen sind deutlich umrissen, aber er bleibt schemenhaft, man kann ihm kein Alter zuschreiben, erkennt keine Gesichtszüge. Aber man spürt, dass er dem Jungen sehr zugewandt, zugeneigt ist; seine Haltung zeigt, dass er das Kind beschützt. 

Die Eignerin hat sich, wie sie mir erzählte, von der 1980 in Kiev geborenen Künstlerin ein Exlibris zu dem Thema Tod und Verlust erbeten. Dieses Thema wollte sie aber nicht in dem häufigen Memento-mori-Zusammenhang verortet sehen, sondern verbunden mit positiven Gefühlen, wie dem der Freude und der Dankbarkeit dafür, die verstorbene Person gekannt und an der Seite gehabt zu haben. Marina Kupkina habe ihren Wunsch sofort aufgreifen können, indem sie von einer für sie sehr persönlichen Erfahrung ausgegangen sei und der Trauer um den Tod ihres Großvaters gestalterisch Raum gegeben habe.

Die vielschichtigen Gefühle angesichts eines Verlustes auszudrücken, ist Marina Kupkina auf sehr anrührende Weise gelungen, indem sie sie auf dem Exlibris genau auf zwei Ebenen zeigt, zum einen auf der Ebene der Natur-stimmung mit ihren kälteren Farben, zum andern auf der Ebene der Erzäh-lung: wie der kleine Junge alleine auf der Bank sitzt und konzentriert und bedachtsam das tut, was wohl der verstorbene Mann ihm beigebracht hat. Und hinter sich spürt er die schützende Anwesenheit des Gestorbenen (dass es sich um den Großvater handelt, kann man wohl unterstellen), der liebevoll den Arm um ihn legt. Der Großvater ist real nicht mehr am Leben, aber noch ist er da – im Kopf, im Tun und im Herzen des Kindes. Das Wasser auf dem unteren Bildrand umgibt das Kind und den Schatten des Toten, bildet einen Kreis um sie, in dem sie sich nahe sein können. Diese Nähe zwischen ihnen wird noch dadurch unterstrichen, dass der Junge und sein Spiegelbild im Wasser farblich braun sind und dass dieses Braun etwas heller auch für den Schattenkörper des Mannes, der kein Spiegelbild mehr im Wasser hat,  

gewählt worden ist.  Erwähnt werden sollte in diesem Zusammenhang noch, dass das Blatt zu einer Serie von Exlibris gehört, die den Titel The Memories from the Heart tragen.

Die Radierung ist bereits 2019 entstanden, also drei Jahre, bevor die Ukraine angegriffen und mit Krieg überzogen wurde. Wer sich heute das Blatt anschaut, wird für das Dargestellte wohl andere Deutungen finden, er wird hier ein Beispiel für traumatische Kinderschicksale sehen, von Kriegskindern, die erleben müssen, was ein Kind nicht erleben sollte, von Waisenkindern, Halbwaisen, geflüchteten Kindern, die nicht mehr in ihrer gewohnten Welt groß werden können. Das ist ja letztlich eines der Merkmale gelungener künstlicher Darstellung: dass ihre Aussage nicht auf eine einzige These, ein einziges Thema, eine einzige Zeit begrenzt bleibt, sondern transferierbar ist auf andere, vergleichbare Erfahrungen in der Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart und Zukunft. 

So ist es nicht verwunderlich, dass dieses Exlibris als Bildmotiv für das Plakat der Sonderausstellung When the guns speak, the muses are silent – Exlibris aus der Ukraine in der Sammlung Museum Schloß Burgk gewählt worden ist. Dort können Sie die Ausstellung zwar nur noch in den ersten Septembertagen besichtigen, aber im Netz (Museum Schloß Burgk (https://www.schloss-burgk.de) oder auf der Website der DEG) können Sie sich weiterhin darüber informieren.

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats August 2022: – Julibert: Sommermond und Sehnsucht

Exlibris des Monats August 2022 – Julibert (= Joaquim Julibert Gual Baucis) für M. Gras Vila, Sommermond und Sehnsucht, 1919, Radierung 

Auf der Suche nach einem romantischen Exlibris, das uns in doch insgesamt belastenden und sorgenvollen Zeiten auch einmal die Stimmungen eines lauen Sommerabends wahrnehmen lässt und ein Bild für unsere Sehnsucht danach präsentiert und es uns erlaubt, uns einfach daran zu erfreuen, stieß ich auf das schöne Jugendstilblatt von Joaquim Julibert Gual Baucis, i.A. bekannt als Julibert, das dieser 1919 für den Eigner M. (=  Miguel) Gras Vila gestaltet hat, der sich um 1920 sehr viele Exlibris von Jugendstilkünstlern aus vielen Ländern Europas hat anfertigen lassen.

Man sieht eine junge Frau im Profil. Sie hat ihre Haare kunstvoll, aber trotzdem sommerlich locker im Nacken, zusammengebunden; die eine oder andere Haarsträhne löst sich. Sie trägt ein helles Gewand aus leichtem Stoff. Ihr einziger Schmuck ist eine Blume, die sie unter das Dekolleté gesteckt hat, vielleicht ist diese Blüte aus Stoff. Die junge Frau richtet ihren Blick geradeaus; wir sehen also nicht, was sie dort erblickt oder wen sie dort erwartet.

Über ihr steht ein voller Mond am nächtlichen Himmel. Er erleuchtet die schöne Frau und einen Brunnen hinter ihr, der eine Fontäne in die Luft aufsteigen lässt. Der hohe Wasserstrahl schimmert weiß im Mondlicht, ebenso ein Spruchband unter ihr, das – fast ein wenig zu kräftig in Relation zu der Zartheit der Szenerie – den Eignernamen zeigt. Das Spruchband löst sich an beiden Enden in kreis- und spiralförmige Windungen, die auf den ersten Blick beinahe den Eindruck von auf dem Band aufgehäuften kleinen Steinskulpturen erwecken. Fast meint man ein Grabmal zu sehen.

Aber wieso stellen sich so triste Assoziationen angesichts der anmutigen Frauengestalt in einer lauschigen Sommernacht ein? Ist es, weil sie einsam ist? Weil man nicht weiß, ob sie sich mit Trauer oder Sehnsucht von dem schönen Brunnen abgewandt hat, einem Brunnen, der aussieht wie ein städtischer Treffpunkt für junge Menschen in einem Park oder auf einem Platz in einer großen Stadt. Doch niemand ist da. Juliberts Brunnen, schaut man genauer hin, scheint irgendwo am Himmel zu schweben, ohne festen Boden, ohne Menschen um ihn herum. Und er ist so isoliert von weiteren architektonischen Elementen, wie die Frau isoliert von anderen Menschen ist.

Unterstützt werden Überlegungen über die latente Brüchigkeit und Doppel-bödigkeit der auf den ersten Blick so romantischen Situation durch das einzige von Julibert beigegebene Element aus der Natur: einen großen, reich verzweigten Trauerweidenast, der sich wie ein Schirm über die Frauenfigur rundet und sie so in ihrem Alleinsein schützt. Allerdings hat dieser Ast seine Blätter verloren, er symbolisiert also Vergänglichkeit, Verlust.

Mir fallen beim Betrachten Verse von Bertolt Brecht ein:

Denn wir sagen uns: In diesem traurigen Leben
Ist die Liebe immer das Sicherste doch
Und wir wissen ja: Es wird sie nicht immer geben
Aber jetzt scheint der Mond über Soho noch.

Brechts nur wenig später (1928) entstandenen, schon im Stil der Neuen Sachlichkeit gehaltenen Verse thematisieren den Mond von Soho, dem Stadtteil von London, in dem er auch seine Dreigroschenoper spielen lässt und den er als einen Ort des Vergnügens, der Kriminalität, der Käuflichkeit aller Waren und Gefühle und somit auch der der Liebe, den Ort geheimer Süchte und Sehnsüchte darstellt. Und der Mond von Soho ist in den traurigen, unsicheren Zeiten, von denen Brecht spricht, „das Sicherste noch“.

Schon gelten frühere romantische oder romantisierende Liebesvorstellungen nicht mehr, vor allem die Aspekte der ewigen Dauer und Ausschließlichkeit einer Liebesbeziehung werden relativiert –  aber noch vermag der Mond den letzten Abglanz utopischer Funken dieser Liebeskonzeption zu bewahren und diese insgeheim wachzurufen. (Die Verse bilden übrigens den Abschluss von Brechts Ehesong, in dem er recht pragmatisch die Vorteile des Ehe-stands für Sicherheit und Behaglichkeit so sehr ironisiert, wie er sie als behaglich anpreist.)

Der Mond auf dem noch im Jugendstil verankerten Exlibris Juliberts hingegen scheint auf ein edleres, vornehmeres Ambiente, das vielleicht im brunnenreichen Barcelona zu verorten wäre, der Stadt, in der der Künstler 1898 geboren und 1977 gestorben ist, zu verweisen. Doch übereinstimmend mit dem Gedicht ist, dass auch hier der Mond bei allem Zweifel, aller Schwermut und Trauer Sicherheit zu geben, Wege und Hoffnung aufzuzeigen scheint. Denn recht entschlossen reckt die junge Frau ihren Kopf in die Höhe und blickt offenen Auges auf das, was da kommen mag oder wohin sie gehen wird.

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats Juli 2022 – Utz Benkel: Krieg und Frieden

Exlibris des Monats Juli 2022 – Utz Benkel für Josef Burch, Krieg und Frieden, 2022, Linolschnitt von zwei Platten, koloriert

So wünscht man sich die sommerliche Urlaubswelt: grüne Wiesen, rote Dächer auf den Häusern und dem Kirchturm eines idyllischen Dorfes, ein kleiner blauer See vor schneebedeckten hohen Bergen und darüber ein blauer Himmel mit weißen Wolken, von dem herunter eine gelbe Sonne strahlt. Vielleicht sieht der Eigner des Exlibris, Josef Burch, etwas Ähnliches, wenn er am Mittag aus seinem Fenster in Giswil in der Schweiz hinaus in die Natur blickt.

Leider aber sieht man das idyllische Bild auf dem Exlibris für Josef Burch nicht durch einen Fensterrahmen, sondern in einem Bilderrahmen. Utz Benkel hat es auf seinem Linolschnitt da hineingesteckt und es so zu einem irrealen Motiv romantischer oder gar nostalgischer Sehnsucht gemacht. Denn der Himmel über dem Bilderrahmenhimmel ist grau, schwarz. Nur links leuchten einige wenige Lichter in Häusern und Fabriken einer großen Stadt.

Über den Himmeln unserer Sehnsuchtsbilder tobt nämlich, wie Utz Benkel es in seiner ausdrucksstarken, gekonnt drastischen Bild- und Symbolsprache darstellt, ein grausamer Krieg. Bomben, Granaten und andere Sprengkörper werden von Kampfflugzeugen herunter auf die Stadt und ihre Menschen geworfen. Statt friedlicher Himmelskörper umkreisen Raketen in grausamem Tempo die Welt, um Zerstörung zu bringen. Die so bedrohten Menschen versuchen verzweifelt, über die Treppe der linken Seite hinunter zu fliehen. Doch uniformierte und bewaffnete Soldaten verhindern das, üben Gewalt aus, stoßen sie hinunter oder treiben sie vor sich her. In ihren Uniformen und mit ihren Helmen und Waffen wirken sie größer, stärker, mächtiger, und durch diesen Kunstgriff sieht man, dass die klein wie Kinder wirkenden Bewohner und Bewohnerinnen der Stadt ohnmächtig gegen diese Übermacht sind. Die Vernichtung nimmt ihren Lauf. 

Utz Benkel geht seit 30 Jahren unbeirrt seinen Weg in der Exlibris-Szene. Ästhetisch und inhaltlich setzt er immer auf eindeutige Signale; das gilt für seine Akt-Exlibris ebenso wie für seine politischen Blätter. Auf Benkels politischen und gesellschaftskritischen Exlibris und PF‘s ist immer eine eindeutige Botschaft erkennbar, seine Solidarität mit Leidenden und Bedrohten, mit Zu-Kurz-Gekommenen, mit Opfern, die schuldlos ihr Leben verlieren, sei es in Flüchtlingsbooten oder im Krieg.

Zwar ist der Tod ein gängiges Exlibris-Motiv, aber der Tod ist auf den traditionellen Memento-Mori-Blättern stets schicksalhaft, er erreicht als Schnitter mit der Sense irgendwann jeden Menschen, da jeder Mensch sterblich ist, wie uns die Tradition des Motivs seit vielen Jahrhunderten immer wieder verdeutlicht. Utz Benkel zeigt nicht diesen unausweichlichen friedlichen Tod, sondern den, den die Menschen anderen Menschen zufügen, sei es durch menschenfeindliche Strukturen und Herrschaftsformen, sei es durch die Bedrohung der Erde und ihrer Menschen durch Umweltzerstörung, Klimakatastrophe, Atomwaffen, Kriege, sei es durch Ausbeutung sowie ungerechte Verteilung der endlichen Ressourcen, die die Erde ihren Bewohnern schenkt.

In Moers hat Utz Benkel erstmals in diesen 30 Jahren in einem DEG-Wettbewerb gewonnen, und zwar den 1. Platz für das beste PF des Jahres, als dessen Thema er Die Wahrheit gewählt hatte. Darüber hat er sich gefreut,

und es war eigentlich an der Zeit. Denn seine Blätter haben seit langem ein Alleinstellungsmerkmal, einen hohen Wiedererkennungswert. Seine klare Symbolsprache, sein meist antithetischer Bildaufbau, seine Orientierung an den ästhetischen Zielsetzungen der Pop Art, der Comics und der Plakatkunst und seine inhaltlich eindeutigen Botschaften zeichnen ihn aus. Auf dem Exlibris für Josef Burch ist diese Botschaft eine Verurteilung des Kriegs. Außer durch den Kontrast von Farben und Schwarz, von heiler Welt und Zerstörung, von Sommerwolken und Raketen spiegelt sich Benkels inhaltliche Aussage auf der rechten unteren Bildseite wider. Da jagt eine schwarze Katze einen bunten Schmetterling, dem es aber im Unterschied zu den Menschen auf der oberen Bildhälfte gelingt, frei davonzufliegen.

Dass Utz Benkel sich zurzeit nicht nur als Künstler, sondern auch als politischer Mensch für die Menschen in der Ukraine einsetzt, ist für ihn ein folgerichtiger Schritt. Für sein Exlibris zum Thema Krieg und Frieden hat er sich eine Besonderheit ausgedacht, die er in seinem Beschrieb, ja, so heißt auf Schwyzerdütsch eine Beschreibung, an den Eigner so formuliert: „Der direkte Bezug zum Angriffskrieg Russlands sind Katze und Schmetterling. Die Katze symbolisiert Russland und der (in die Freiheit) wegschwebende Schmetterling die Ukraine. Bei einem Teil der Auflage habe ich den Schmetterling in den ukrainischen Farben koloriert.“ – Diese Variante habe ich als Bildvorlage für das Exlibris des Monats 2022 gewählt.

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats Juni 2022 – Silvana Martignoni: „Horses and Hobby Horses“

Exlibris des Monats Juni 2022 – Silvana Martignoni (I) für Guus Willemsen (NL), „Horses and Hobby Horses“, 2022, Radierung und Mezzotinto

Ein großes steigendes Pferd mit wallender Mähne beherrscht das 2022 ent-standene Bücherzeichen von Silvana Martignoni für Guus Willemsen, das vom Publikum der DEG-Jahrestagung 2022 zum „Besten Exlibris“ gewählt wurde. Es ist ein prachtvolles Blatt, imposant, üppig, verschwenderisch ge-spickt mit einer Fülle von Details, neben dem hoch aufgerichteten Pferd zwei kleinere und zwei Spielzeugpferde, auf seinem Fell oder „in“ ihm mindestens 14 weitere – Spielzeug- und Schaukelpferde. Vor einem reich aus-gestatteten Hintergrund höchst dekorativ gestalteter floraler Formen, Blätter, Blumen, Geäst, Gräsern, auch Schmetterlingen, ein ornamentales Fest fürs Auge!

Es ist ein sehr typisches Beispiel für die Radier- und Schabkunst Silvana Martignonis, die in den 1980ern die Akademie der Schönen Künste in Mailand (Brera) absolvierte und dort mit einer Arbeit über William Blake abschloss, den englischen Dichter, Maler und Naturmystiker. Das preis-gekrönte Blatt wurde in Braun eingereicht, es gibt eine zweite Ausführung in Grün, genauer: die Versionen sind jeweils in mehreren verschiedenen Braun- bzw. Grüntönen gehalten. Hier steht das Braun, die Farbe der Erde und des Holzes, sowohl für Natürliches, Organisches als auch für Kraft und Reife.

Die Künstlerin selbst beschreibt ihre Drucke als „verklärte Ikonen, als Ergebnis beobachteter Naturerlebnisse und Abstraktion“. Dabei eigne sich die (alte) Technik des Mezzotinto in besonderem Maße für ihr Design: „subtil, stark und entschieden, angereichert mit tonalen Werten, die der Malerei nahekommen“. Nur mit dem Mezzotinto sei die „Wirkung von schwarzem Samt zu erreichen, so elegant und raffiniert“.

Der ausgewiesene Pferdeliebhaber Guus Willemsen fing Anfang der 1960er Jahre selbst mit dem Reiten an, u. a. ritt er in der Manege von Rotterdam, wo regelmäßig ein bedeutender CHIO veranstaltet wird. Seit 1967 sammelt Wil-lemsen Exlibris, um 1972 begann er, sich auf Pferde-Exlibris zu spezialisie-ren, und hat seitdem nicht nur – 1993 – ein vielbeachtetes Buch über Pferde-Exlibris veröffentlicht, sondern besitzt inzwischen auch eine bedeutende, rund 8.000 Blätter umfassende Kollektion von Bücherzeichen mit Pferde-motiven, von denen nicht weniger als 124 seinen Namen als Eigner tragen.

Der Titel seines preisgekrönten Exlibris „Horses and Hobby Horses“ lautet ins Deutsche übersetzt „Pferde und Steckenpferde“. Ursprünglich bezeichnete das englische Wort hobby horse (von mittelengl. hobi) ein kleines Pferd oder Pony, dann aber auch ein Kinderspielzeug, das Steckenpferd oder das Schaukelpferd, und schließlich, weiter gefasst, eine Freizeitbeschäftigung. Tatsächlich leitet sich das deutsche Wort Hobby etymologisch vom englischen Wort hobby horse ab und wurde gleichfalls zu einem Synonym von „Freizeitbeschäftigung“.

„Das hölzerne Steckenpferd,“ sagt Wikipedia, „trägt seinen Reiter nirgendwohin, weil es in den Händen gehalten wird, entsprechend erwirtschaftet das Hobby kein Einkommen und ist kein Beruf. Beispiele für verbreitete Hobbys sind Aktivitäten wie Sammeln […]“ – etwa von Exlibris, würden wir hinzufügen.

Henry Tauber

Exlibris des Monats Mai 2022 – “Wie in einem Spiegel” von Ferdinand Götz

Exlibris des Monats für Mai 2022
Ferdinand Götz: Eigenexlibris, um 1900, 2-farbiges Klischee

Schriftliche oder mündliche Kontakte geben einem Exlibriskünstler einen Einblick über Vorstellungen und Wünsche, die ein Eigner in einem für ihn geschaffenen individuellen Buchzeichen verwirklicht sehen will. Auch der Schöpfer dieser Kleingrafiken ist meist selbst ein Freund von Büchern, die sich entsprechend seiner Interessen zu einer kleineren oder größeren Sammlung anhäufen. Gestaltet er dafür ein Exlibris, wird er zwangsläufig zu seinem eigenen Auftraggeber. Er muss dann mit sich selbst ins Reine kommen und entscheiden, welches Motiv und welche Einzelheiten für ihn von Bedeutung sind. So entsteht ein sog. Eigenexlibris, Ferdinand Götz macht es nicht nur im Namen deutlich, er fügt noch ein „Exlibris meis“ dazu. Man fühlt sich sofort in die Epoche des Art Nouveau versetzt, die hierzulande als Jugendstil bekannt wurde. Nur wenige Details, aber viel freie Fläche sind hier bestimmende Merkmale: eine glatte Wasserfläche, deren Horizont weit nach oben geschoben ist. Darin ein nach rechts versetzter großer Felsblock, auf dem einsam eine nackte männliche Figur versonnen in den mit goldener Farbe gedruckten Wasserspiegel blickt. Indem er sich gebückt nach vorne lehnt, kann er sein klares Spiegelbild erkennen, wobei die Arme den Kopf abstützen und er eine entspannte Körperhaltung einnehmen kann. Dabei hält er vorsichtig die Füße nahe an der Wasseroberfläche, denn die kleinste Berührung würde die Spiegelung zerstören.
Im Vordergrund sehen wir also das gespiegelte Konterfei, der blanke Fels mit dem darauf Sitzenden bildet den mittleren Bereich, darüber ein schmaler Himmel, der als Hintergrund die Staffelung in die Tiefe abschließt. Durch die goldene Fläche auf der linken Seite werden alle drei Ebenen des Bildes miteinander verbunden.
Warum hat sich Ferdinand Götz diese Szene für ein Eigenexlibris ausgesucht? Ist es das Erkennen, was das eigene Antlitz über den inneren Zustand verrät? Der Künstler hat anstelle eines Selbstbildnisses eine Figur aus der griechischen Mythologie gewählt: Es geht hier um Narciss (lateinisch Narcissus), einen attraktiven jungen Mann, mit dem sich der Künstler in

seinem Eigenexlibris auseinandersetzt. Der römische Dichter Ovid hat in seinen Metamorphosen diese Geschichte umfassend in Hexametern beschrieben. Frauen und Männer begehrten den Goldgelockten, doch der ließ keine Liebe zu. Sein Stolz war so unermesslich groß wie seine Schönheit. Eines Tages beugte er sich über einen Teich, sah darin sein Spiegelbild und verliebte sich sofort darin. Tag und Nacht am Ufer verbleibend, verzweifelte er immer stärker, weil das wundersame Traumbild ihm keine Antwort gab. Beim Versuch, das Bild im Wasser zu küssen, verliert er das Gleichgewicht und ertrinkt. Der Mythos Narciss hat zahlreiche Künstler inspiriert. Das bekannteste Gemälde schuf der berühmte Maler des italienischen Frühbarocks, Michelangelo Merisi, gen. „Caravaggio“. Auch dieses Ölbild zeigt einen jungen Mann, der sein Spiegelbild im Wasser bewundert. Vielleicht hat Ferdinand Götz durch dieses Bild eine Anregung für sein Exlibris meis erfahren.
Eitle und selbstverliebte Zeitgenossen mit arrogantem Auftreten und fehlender Empathie gelten allgemein als Narzissten. In den Medien spricht man schon von einer “Narzissmus-Epidemie”. In allen Schichten unserer Gesellschaft kann man jüngeren und älteren Egozentrikerinnen und Egozentrikern begegnen, sei es im Fernsehen, im Internet oder auf der Straße. In Reality- und Castingshows setzen sie sich mit Visionen als zukünftige Top-Models oder als Welterklärer in Szene. Man findet sie in sozialen Netzwerken, in denen täglich fast 100 Millionen Bilder geteilt werden, unzählige davon mit dem wichtigsten Motiv unseres digitalen Lebens: dem Selfie. Damit hat das Eigenexlibris von Ferdinand Götz nichts zu tun. Es war primär für die eigene Bibliothek gedacht.

Der 1874 in Fürth geborene Ferdinand Götz war Architekt und Kunstmaler und zog 1895 nach München, wo er für die „Meggendorfer Blätter“ und die „Fliegenden Blätter“ als Zeichner und Karikaturist arbeitete. Als „Volljude“ wurde ihm die Mitgliedschaft in der Reichskammer der Bildenden Künste verweigert, weshalb er ab 1936 im Ausland und zuletzt in Paris lebte, wo er 1941, vermutlich durch Suizid, starb.
Narcissus ist auch der wissenschaftliche Name einer Pflanzengattung, die zur Familie der Amaryllisgewächse (Amaryllidaceae) gehört. Man bezeichnet diese auch als Blumen der Eitelkeit und erinnert somit an den mythischen Helden, denn an der Stelle, wo er zu Tode kam, fand man der Überlieferung nach keinen Leichnam, sondern nur diese Blumen mit gelben und weißen Blütenblättern. Sie blühen von Mai bis Mitte Juni und gelten als zerbrechlich und sehr schön. Im Land um Bad Aussee, einer reizvollen Region im Nachbarland Österreich, blüht die weiße sternblütige Narzisse. Jedes Jahr findet dort im Mai das Narzissenfest, das größte Blumenfest des Landes, statt. Die wild wachsenden Blumen schmücken die Blumenwiesen und verwandeln die idyllische Berg- und Seenlandschaft in ein duftendes Blütenmeer. Gelb, weiß, grün – so weit man sehen kann. Somit passt dieses Buchzeichen als „Exlibris des Monats“ besonders gut für den Mai.

Heinz Neumaier

Exlibris des Monats April 2022 – Fjodor M. Dostojevskij – David Bekker für Dr. Hans-Joachim Kretz

Im November 2021 jährte sich der Geburtstag des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitch Dostojevskij zum 200. Mal und eigentlich war schon lange vorgesehen, dass ein Exlibris des Monats mit seinem Porträt oder mit der Darstellung einer Szene aus einem seiner weltweit bekannten Romane an diesen Jahrestag erinnern sollte.

Doch die Zeitläufte sind durcheinander geraten: Unsere DEG-Tagungen fielen aus bzw. wurden verschoben, und das erste Wiedersehen fand nach zwei-einhalb Jahren im Oktober 2021 in Haltern am See statt. Und dann haben wir natürlich gerne an unsere alte Tradition angeknüpft, das Sieger-Exlibris des DEG-Wettbewerbs als Exlibris des Monats November zu präsentieren. Und Dostojevskij musste warten.

Immer noch bestimmt ja die Pandemie nicht nur unsere private Lebens-gestaltung, sondern auch den Organisationsrahmen unserer Tagungen.
Aber wir nehmen das weniger wahr, weil alles von etwas anderem überlagert worden ist: Seit Februar 2022 erleben wir, dass in Europa ein Krieg wütet und wir sehen voller Solidarität, wie die Menschen dort kämpfen und leiden.

Daran denken wir auch, wenn wir in diesem Monat ein Exlibris des 1940 in Odessa geborenen und dort im März diesen Jahres verstorbenen ukrainischen Künstlers David Bekker präsentieren. David Bekker erhielt seine 

Ausbildung als Radierer und Lithograf in Odessa und Charkov. Seit 1968 
beschäftigte er sich mit dem Exlibris und ist rasch ein äußerst geschätzter Exlibriskünstler geworden. Seine lithografierten, meist aber radierten Exlibris kreisen um vier Themen: Porträts großer Persönlichkeiten der Geschichte und Kultur, Szenen aus Werken der Weltliteratur, mythologische Motive und nicht zuletzt Aktdarstellungen. Sie werden also kaum einen großen Dichter, Musiker oder bildenden Künstler finden, mit dem sich Bekker nicht künstlerisch auseinandergesetzt hätte, auch keine Figur aus der Mythologie, kaum einen literarischen Helden. Die Schwerpunkte von Bekkers Arbeiten zeugen so auch von den breit gefächerten Interessen der Sammler und Sammlerinnen, die sich von ihm ein Exlibris haben radieren lassen. Beeindruckend ist dabei auch, dass man einen „Bekker“ auf Anhieb erkennt, an der Konzeption des Bildaufbaus, an dem Detailreichtum, den man hinter dem Hauptmotiv erst allmählich erkennt, an der feinen Technik und vor allem an den gewählten Farben: Es dominieren warme bräunliche Erdtöne in vielen Schattierungen, nie aufdringlich oder leuchtend, kombiniert mit gemischten rötlichen und gelblich-grünlichen Farben, alles also Farben aus der Natur. Die Blätter wirken pastellfarben, unaufdringlich, warm. 

David Bekker hat den Exlibrissammlern und Exlibrissammlerinnen auch viele Autoren der russischen Literatur nahegebracht, z. B. Puschkin, Gogol, Tschechov, Blok und, fast selbstverständlich, gibt es auch ein Exlibris, auf dem Dostojevskij porträtiert worden ist. Bekker bezieht sich bei seinem Porträt auf eine bekannte Aufnahme des Schriftstellers aus den frühen 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, nur sieht der Dichter bei Bekker auch im Vergleich mit der Vorlage besonders milde und weise aus. Müde scheint er am Betrachter vorbeizuschauen, und was der Porträtierte da vor sich sieht, weiß man nicht. Hinter sich hat er Russland gelassen; man erkennt die Kuppeltürme seiner Heimatstadt Moskau. Links erscheinen zwei Figuren aus einem seiner bekannten Romane, aus Der Idiot. Diesen Roman hat Dostojevskij vollständig im westlichen Ausland geschrieben, und das Verhältnis zwischen Russland und Westeuropa, das in Russland während des gesamten 19. Jahrhunderts heftigst und kontrovers diskutiert wurde, weil sich die Intellektuellen in sog. Westler auf der einen und in Slawophile auf der anderen Seite spalteten, spielt in dem Roman eine wesentliche Rolle. Der Idiot ist Fürst Myschkin, ein konsequent seinen Emotionen und seinem Glauben folgender Mensch, eine Art Don Quijote, ein Narr. Er bildet quasi eine Art Gegenfigur zu Raskolnikov, dem Protagonisten aus Schuld und Sühne, der das westeuropäische rationalistische Lebenskonzept vertritt. Doch wie Raskolnikov scheitert auch Fürst Myschkin, der sich nach seiner Rückkehr aus einem westlichen Sanatorium im Strudel der St. Petersburger Gesellschaft mit seiner frommen Naivität verirrt. Er kann den Menschen, die ihn umgeben, nicht helfen und erkrankt dann erneut physisch.  

– Auf der linken Bildhälfte sieht man Fürst Myschkin; er steht, ganz ein Mitglied der vornehmen St. Petersburger Gesellschaft, neben Nastasja Filipovna, einer sog. gefallenen Frau, die er retten will. Wie Dostojevskij selbst blicken auch der Fürst und Nastasja auf Bekkers Exlibris auf etwas, das den Betrachtern verborgen bleibt.

Dostojevskijs Hauptinteresse als Schriftsteller galt der Erforschung der menschlichen Seele; in seinen neun Romanen entwarf er präzise psycho-logische Skizzen von Menschen in einer Gesellschaft im Umbruch, im Zwiespalt. Als junger Schriftsteller wurde er wegen seiner Ansichten verhaftet und musste lange Jahre in Sibirien verbringen. Danach geriet er immer wieder in finanzielle Not; vor seinen Gäubigern floh er ins Ausland. Dass er zeitweise spielsüchtig war, ist bekannt, ebenso, dass er unter Epilepsie litt.

So schwierig sich – bis auf die letzten, friedlicheren Jahre – Dostojevskijs Leben gestaltete, so schwierig entwickelte sich auch die Rezeptions-geschichte seines in 170 Sprachen übersetzten, überaus komplexen und widerspruchsreichen Werks. Dostojevskijs Festungshaft in Petersburg, seine Verbannung nach Sibirien, sein anschließender Militärdienst machten ihn mit den einfachen Menschen und dem Leid und Elend niedrigerer sozialer Schichten bekannt; sein Denken und seine Überzeugungen veränderten sich hin zu dem oben angedeuteten (slawophilen) Weg, der einfache, fromme russische Mensch stand nun im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Während Dostojevskij weltweit bis heute Anerkennung zuteil wird, war das in Russland nicht immer so. In der Sowjetzeit, in der die Klassiker eigentlich durchgängig hoch verehrt und gelesen wurden, spielte Dostojevskijs Werk eine Neben-rolle. Heute wird aus seinem vielschichtigen Werk wieder anderes in den Mittelpunkt gestellt, seine antiaufklärerische, europakritische Einstellung der späten Jahre; somit wird ihm wieder eine zentrale Bedeutung zugeschrieben.

Dagegen kann er sich leider so wenig wehren wie gegen die Vernach-lässigung durch die sowjetische Kulturpolitik und die Gefangennahme durch das zaristische Russland. Auf Bekkers Exlibris sieht er so aus, als sei ihm das eigentlich gleichgültig und als habe er seinen Frieden gefunden.

Ulrike Ladnar

Exlibris des Monats März 2022 – Frühlingsstimmung von Heinrich Vogeler

Exlibris des Monats März 2022 – Heinrich Vogeler für Bertha Bienert, 1901, Radierung

Endlich März, endlich hält der Frühling Einzug in unser Leben. Für die Meteorologen beginnt diese schöne Jahreszeit schon am 1. März. Im Kalender ist der Frühlingsbeginn in diesem Jahr für den 20. März vermerkt, der Zeitpunkt, an dem die Tage genauso lang sind wie die Nächte. Das Licht der längeren Tage lässt die Natur erwachen und durch die farbigen Blüten einiger Frühblüher gerät die graue Zeit des Winters schnell in Vergessenheit.

Wir öffnen unsere Fenster – die unserer Wohnungen und die unserer Herzen – und nehmen die von der Sonne erwärmte Luft und die von der erwachten Natur durchtränkten Düfte in uns auf. Nachweislich dienen diese sensorischen Reize dazu unsere Stimmung aufzuhellen und vertreiben jeglichen Ansatz einer Winterdepression. Wir spüren im Frühling neue Lebensgeister in uns erwachen und es zieht uns hinaus in die Natur: „Ich reise übers grüne Land, der Winter ist vergangen“, so heißt es dazu in einem Gedicht von Joseph von Eichendorff.

Diese Frühlingsstimmung hat der Worpsweder Maler und Grafiker Heinrich Vogeler (1872–1942) in seinem Exlibris für Bertha Bienert festgehalten. Vogeler, der durch seine Jugendstilgrafiken bekannt wurde, könnte in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag feiern. Immer noch sind seine Drucke und Exli-bris begehrte Sammelobjekte. Seine frühen Blätter sind in der Hochzeit des Jugendstiles entstanden und er gestaltete sie sehr häufig mit floralen Ele-menten. So auch in diesem Exlibris, das von zwei großen, in den Vordergrund gestellten Märzveilchen gerahmt ist. Diese Veilchen waren zu Vogelers Zeiten so beliebt, wie es heute Tulpen sind. Man holte sie sich als Schnitt-blumen in die Wohnung. Als einer der ersten Boten des Frühlings erfreuen sich die wohlriechenden Veilchen besonderer Wertschätzung und symboli-sieren Demut und Bescheidenheit. Die beiden Frühlingsboten am Bildrand bilden eine Lücke und man schaut durch das nach außen geöffnete Spros-senfenster in die Natur. Auf der Fensterbank steht ein Topf mit Primeln, de-ren farbige Blüten sich erahnen lassen. Auf einem Tischchen vor dem Fens-ter liegt ein aufgeschlagenes Buch, in dem die Eignerin des Exlibris vielleicht gerade Frühlingsgedichte gelesen hat. Draußen ist der Übergang vom Winter zum Frühling zu spüren. Die Bäume tragen noch keine Blätter, aber die Wiese ist schon frisch ergrünt, wie der hellere Ton der Strichführung andeutet.

Dominiert wird das Blatt von einer klassizistischen Fassade, in die die ganze Szenerie hineingestellt ist. Hier greift Vogeler die Architektur in der Medici-Kapelle von Florenz auf, die er 1898 besucht hatte. Er zeigt in dem Exlibris das Grabmal von Lorenzo di Piero de’ Medici. Links und rechts streben Säulen nach oben und stützen einen Sims über dem Fenster, auf dem eine römisch anmutende Skulptur in Säulen gerahmt angedeutet ist. Diese von Michelangelo gestaltete Figur zeigt einen römischen Feldherrn und idealisiert damit den Verstorbenen. Auf den Verlängerungen der beiden Randsäulen stehen im oberen Bilddrittel zwei Empire-Vasen, mit denen Vogeler auch seinen Künstlerwohnsitz – den Barkenhoff – schmückte. Die Verbindung zwischen den Pflanzen in den Empire-Vasen und den Säulen neben der Skulptur stellen florale Girlanden her, wie man sie von antiken römischen Wandbildern kennt. Insgesamt stellt das Blatt in seiner Komposition eine Huldigung an die Natur, an die Kunst der Renaissance und an unvergängliche Werte dar.

Die Eignerin des Blattes, Bertha Bienert, geborene Suckert (1868–1945), war die Ehefrau des Dresdner Industriellen Theodor Bienert (1857–1935). Vogeler lernte das Ehepaar Bienert während seiner ersten Einzelausstellung in Dresden im Jahre 1897 kennen, auf der er seine frühen Gemälde und Radierungen erfolgreich präsentierte. Theodor Bienert wurde Sammler von Vogelers Gemälden und Grafiken und gab für sich und seine Frau Exlibris-Blätter in Auftrag. Auch durch diesen Kontakt wurde die Kunst des Worpsweders weit über Norddeutschland hinaus bekannt.

Lassen wir uns von der Stimmung dieses Blattes anstecken und begegnen in diesen Tagen der Natur mit offenen Sinnen. Erinnern wir uns dabei an eine ästhetische Welt, in der innere Werte die Richtschnur unseres Handelns sind.

Siegfried Bresler

Exlibris des Monats Februar 2022 – Hundert Jahre Ulysses von James Joyce – Eric Neunteufel für Nora Joyce, 2001, C3, C5, S, Stempel

2022 jährt sich der Geburtstag des am 2. Februar 1882 in Rathgar/Dublin zur Welt gekommenen James Joyce zum 140. Mal. Etwas anderes aber, das sich an diesem Tag zum 100. Male jährt, wird dieses Jahr zu einem Joyce-Jahr machen: das Erscheinen des Romans Ulysses nämlich. Joyces Ulysses wird gemeinhin als Jahrhundertwerk bezeichnet, um zu betonen, dass ein auch nur annähernd vergleichbar bedeutendes literarisches Werk wie dieser Roman mit seiner vielschichtigen inhaltlichen und strukturellen Transponie-rung der klassischen griechischen Odyssee in die Moderne wohl nur sehr selten entstehen und gelingen kann. Da nun das Jahrhundertwerk auch wirklich 100 Jahre alt wird, könnte man eigentlich erwarten, dass Prospekte ins Haus flattern oder Anzeigen auf den Bildschirm flimmern, um für eine neue deutsche Übersetzung zu werben. Weit gefehlt. Dabei hatte ein Wissen-schaftler-Team über zehn Jahre lang an einer Revision der Übersetzung von Hans Wollenschläger aus dem Jahr 1975 gearbeitet, um neue Quellen und Forschungsergebnisse in dessen hoch geschätzte deutsche Übersetzung einzubeziehen. Doch die vorgesehene Publikation im Suhrkamp-Verlag, die an ca. 5000 Textstellen Veränderungen vornehmen sollte, scheiterte 2018 am Widerspruch einer Erbin Wollenschlägers. So wird auch im Jubiläumsjahr wieder der vertraute „deutsche“ Ulysses Wollenschlägers angeboten; aller-dings in vier Cover-Varianten: Sie können als Titelaufdruck auf schwarzem Grund zwischen Rot, Gold, Blau oder Türkis wählen.

In Dublin wird seit dem 16. Juni 1954 jedes Jahr der Bloomsday gefeiert. An diesem einen Tag im Jahr 1904 nämlich findet in Joyces ca. 1000-seitigem Roman die Stadt-Odyssee statt, die der Protagonist, der Anzeigen-Akquisiteur Leopold Bloom, absolviert, dessen Wege durch Dublin, seien sie geschäftlich oder privat, mit all ihren Mühen und Nöten und Hoffnungen und Wünschen die LeserInnen detailliert verfolgen können. Jedes erwähnte topografische, meteorologische, architektonische und jedes überhaupt nur denkbare Detail stimmt mit der damaligen Wirklichkeit überein. Der 16. Juni 1904 war übrigens der Tag, an dem James Joyce Nora Barnacle, seiner langjährigen Lebensgefährtin und späteren Frau, begegnete. Mit ihr verließ er noch im selben Jahr Dublin, um sich sein Auskommen anderswo zu suchen: in Zürich, Rom, Paris, Triest, Pula. Als, wie oft kommentiert, Wandere, als einer, der unterwegs ist, wie Odysseus, Ulysses.

Die DEG gedenkt dieses Jubiläums nicht erst am Bloomsday, sondern bereits im Monat der Erstausgabe der ersten Gesamtausgabe des Romans. Das tun auch andere Institutionen oder Städte, in denen bereits jetzt Joyce-Gedächtnisveranstaltungen stattfinden. Zwei möchte ich als Beispiele herausgreifen, ein eher sportliches und ein eher literarisches. So wird in Hamburg zu einem Gedächtnis-Marathon geladen1, während man in Zürich eine Stadt-Odyssee mit einem Lese-Marathon an vielen Orten, auch am Grab des langjährigen irischen Mitbürgers, organisiert2. Da in beiden Orten Mitglieder der DEG leben, hört man vielleicht einmal davon erzählen.

Das als Exlibris des Monats Februar vorgestellte Blatt stammt aus einer Serie von acht Exlibris, die Eric Neunteufel (*1961) in einer Auflage von 9 Exemplaren für Nora Joyce geschaffen hat. Ein Exlibris im eigentlichen Sinn ist das natürlich nicht, sondern ein fiktives Exlibris, ein Dedikationsexlibris, ein Pseudoexlibris oder wie immer man es auch bezeichnen mag. Der Wiener Künstler, der heute eine Werkstatt in Primmersdorf3 betreibt, nimmt in seiner Serie seine Deutung des letzten Teils des Romans vor. Auf ca. 50 Seiten kann man in diesem 18. Kapitel Mollys stream of conciousness folgen, ihrem atemlos erzählten Gedankenfluss, der sich buchstäblich ohne Punkt und Komma vor uns ausbreitet. Molly ist Leopold Blooms Penelope, doch dem klassischen Muster einer treuen Ehefrau folgt sie so wenig wie Leopold Bloom dem eines klassischen Helden. In seiner Serie bezieht Neunteufel die Romangeschichte zurück auf die Beziehungsgeschichte zwischen James und Nora Joyce, die gemeinhin als ein wichtiges Vorbild für Molly Bloom gilt. Genauer gesagt: Er vermischt die beiden Ebenen. Denn auf dem Nora Joyce gewidmeten Blatt stellen (wie auf allen Blättern der Serie) die männlichen Figuren James Joyce dar, während die weibliche Figur direkt aus dem Roman entnommen zu sein scheint. Der Text nämlich verweist auf ein zeitgenössisches Lied von William Shakespeare Hay, in dem sentimentale Liebes- und Treueträume besungen werden und das Molly mehrfach durch den Kopf geht. Dabei fällt ihr ein Leutnant ein, mit dem sie als junges

Mädchen unter der Maurischen Mauer in Gibraltar ihren ersten Kuss tauschte und der sie Mollie darling nannte: „Molly darling he called me what was his name Jack Joe Harry Mulvey was it yes i think a lieutenant he was rather fair …“ Neunteufel zeigt Molly oder Nora, wie sie sich hinter einer geöffneten Tür sorglos und schamlos um-, an- oder auszieht. Schwarze Strapse deuten auf ihre bereitwillige Sinnlichkeit hin, sie ist mit einer Kette geschmückt und ihr Schlüpfer flattert lose um sie herum. Noch oder schon trägt sie einen Hut.
Vor dieser Tür erblickt man auf Neunteufels Grafik dreimal James Joyce. Rechts ist er in jungen und mittleren Jahren zu sehen. Er trägt einen dunklen Anzug, die damals für Iren typische Schirmmütze und hält in der Hand ein Guinness-Glas. Die beiden rechten Joyce-Gestalten wirken angespannt, obwohl sie laut das Mollie-Darling-Lied singen, das sowohl Hoffnung als auch Zweifel ausdrückt. Links steht Joyce als älterer Mann, der bereits unter einer starken Sehschwäche leidet; interessant dabei ist, dass Neunteufel als Vorlage dafür ein Foto des jungen Joyce aus dem Jahr 1904, also dem Jahr, als er mit Nora Irland den Rücken kehrt, nutzt. Aber der ältere Joyce wirkt entspannter und hat die Hände in den Hosentaschen. Er steht mit dem Rücken zur geöffneten Tür, so als sei er mit der Situation schon vertraut, habe sich vielleicht mit ihr abgefunden. Man vermutet angesichts Neunteufels Darstellung nicht, dass diese Frau nur einem einzigen Mann treu ist und nur einen einzigen Mann liebt, wie es die männlichen Figuren in ihren drei Altersstadien wohl erhoffen. Aber direkt nachzuschauen, die Tür zu öffnen und Mollys (oder Noras?) Raum zu betreten, traut sich keiner. Der jüngste scheint sein Lied am lautesten und noch am hoffnungsvollsten zu schmettern, und der älteste singt nicht mehr mit.

Die vielschichtigen Deutungsmöglichkeiten, die die Grafik eröffnet, ergeben sich u. a. auch aus der unkonventionellen Gestaltung von Neunteufels Collage und seiner Nutzung verschiedener Techniken (C3, C5 für den Bildteil, S für den Text, Stempel für den Eignernamen).

Mein Dank gilt meinem verstorbenen Mann Heinz Decker, der dieses Exlibris wie die anderen Joyce-Exlibris unserer Sammlung – er hat sich zeitlebens viel mit Joyce beschäftigt, sei es als Anglist oder Exlibrissammler – mit einigen Hinweisen auf Textstellen u. a. versehen hatte, die ich hier genutzt habe. Sonst hätte ich sicherlich sehr lange Zeit dafür gebraucht, das Zitat im Penelope-Kapitel zu finden.

  1. James Joyce Marathon am 02.02.2022 (Serie ‘Literatur’, Teichwiesen), 02.02.2022: my.race|result (raceresult.com)
  2. Ulysses 2022 – Eine Stadtodysee in 16 Kapiteln: «Hades» – Stadt Zürich (stadt-zuerich.ch)
  3. graphikwerkstatt – Über uns

Ulrike Ladnar