Exlibris des Monats November 2022 – Olivenernte – Carla Fusi für Lydia Willemsen

Olivenernte – Carla Fusi: Exlibris für Lydia Willemsen, 2018, Radierung

Der November hat einer weit verbreiteten Stimmung – besser: Verstimmung – ihren Namen gegeben: Novemberblues. Mediziner erklären dieses Phänomen mit hormonellen Umstellungen als Folge des Lichtmangels, die Sonnenstunden sinken pro Monat um ein Viertel im Vergleich zum Sommer – und benutzen als Fachbegriff dafür saisonal abhängige Depression, abgekürzt SAD. Was dagegen helfen soll, ist, sich aktiv um Licht und Glücks-momente zu bemühen. Dazu verhelfen bestimmt auch Erinnerungen an oder Phantasien über fröhliche, eindrucksstarke spätherbstliche Erlebnisse. Denken Sie beispielsweise an ein Erntedankfest bei uns oder an eine Oliven-ernte in Italien, wie sie jetzt im November dort allenthalben durchgeführt wird. Olivenbäume: alte knorrige niedrige Bäume mit einer weitverzweigten Krone und immergrünen Blättern in der Form winziger Spielzeuglanzen. Deren Unterseite ist silbrig, so dass, wenn der Wind weht, das ganze Bäumchen grünsilbrig in der Sonne flimmert und glitzert. Denn natürlich gehört die Sonne zu dieser Vorstellung – und blauer Himmel über den Bäumen und fleißige und fröhliche Erntende darunter. Die Oliven am Baum oder auf dem Netz steuern noch weitere olivgrüne und lila Farbkleckse bei.

Nimmt man jetzt die Exlibris-Radierung von Carla Fusi für Lydia Willemsen zur Hand, auf der sie eine traditionelle Olivenernte darstellt, so werden auf den ersten Blick alle diese sonnigen und farbigen Phantasien konterkariert. Denn auf diesem Blatt dominieren dunkle Naturfarben, sowohl was die Olivenbaumstämme und ihre Baumkronen mit ihren dichten Zweigen und Blättern als auch die Presse und die kleine Schar der Erntenden am linken unteren Bildrand betrifft. Der Hintergrund ist natürlich hell, mit einer leichten grünen Tönung, die aber einfach nur wie ein Hintergrund aussieht und keiner-lei Assoziationen an himmelblaue oder sonnengelbe südliche Atmosphäre auslöst. Eines wird bei diesem ersten Blick schon klar: Um Herbstromantik oder Italiensehnsucht geht es der Künstlerin mit diesem Exlibris nicht.

Die Eignerin war 2017 zum ersten Mal zur Olivenernte in Italien bei der Familie von Carla Fusi, die dort ca. 100 alte Olivenbäume besitzt, die noch von Hand geerntet werden, und sie erzählte mir, wie schwer und doch beglückend die Ernte-Arbeit ist, wie besonnen man vorgehen muss, um alle Oliven vorsichtig mit einem Harken von den Zweigen abzustreifen und sie dann nicht auf dem Netz zu zertreten, und welche Spannung bei dem anschließenden Pressen entsteht, weil man kaum erwarten kann, wie das Olivenöl wohl schmecken wird.

Wie die Phantasien von idyllischen und fröhlichen Ernten werden auf der Radierung auch diese realen Erfahrungen beim Ernten auf zunächst bestürzende Weise ausgeklammert, selbst wenn man beim zweiten Blick dann doch das Flirren und Klirren der hellen Blattunterseiten und die herab-fallenden Oliven erahnen kann, aber das trifft noch nicht den Kern der Radierung. Denn Carla Fusi will mit ihrer Radierung unzweifelhaft  etwas anderes darstellen – genauer: richtigstellen – die Bedeutung nämlich, die der Natur vom Menschen einzuräumen ist. Denn im Zentrum der Radierung steht eindeutig der alte knorrige Baum. Er wächst auf einem kleinen Erdhügel auf einer Presse und ist so hoch und dominant aufgestellt, dass das Blatt nicht ausreicht, um ihn in ganzer Höhe abzubilden. Und alles, was neben und unter ihm geschieht, hängt sozusagen von ihm ab, liegt in seiner Hand. Oder – noch allgemeiner – in der Hand von etwas noch Größerem, Höherem, der Natur, die durch diesen Baum symbolisiert wird. Der Baum wächst über der traditionellen mechanischen Presse mit dem Mahlstein aus Granit, die früher oft von Eseln oder Ochsen angetrieben worden wurde; heute sind diese Pressen elektrifiziert. Wie die Ernte sein wird, können die Menschen nicht bestimmen, darüber befindet die Natur. Der Sommer kann verregnet sein oder, wie in diesem Jahr, zu heiß und zu dürr, andere Plagen oder Katastrophen können sich ereignen.

Auf der Radierung sieht man eine gute Ernte; viel angesichts der dunkel gehaltenen Umgebung sehr hell erscheinendes, fast weißes Öl fließt in einem starken vollen Strahl heraus, bereit für den Genuss durch die Menschen. Insofern könnte man auch sagen, dass die Macht der Natur auch dem Schutz der Menschen gilt, die über die Produkte der Natur verfügen und sie genießen dürfen. Carla Fusis Blatt macht deutlich, dass all das nur dann gelingt, wenn der Natur ihr Platz, ihr Rhythmus und ihre Bedürfnisse nicht genommen werden und wenn sie achtsam behandelt wird. Darauf verweist auch das zweite fast weiße und deswegen sehr auffallende Motiv auf der Radierung: die Taube. Wie wichtig sie für die Konzeption des Bildes ist, zeigt außer ihrer Farbe auch ihre Größe, zum Beispiel im Vergleich zu der Gruppe der Erntenden auf der linken Seite. In ihrem Schnabel hat die Taube einen Olivenzweig. Dieses Motiv steht seit alters für Frieden und für Erneuerung. Noah ließ ja bekanntermaßen nach überstandener Sintflut drei Tauben fliegen, von denen die erste mit leerem Schnabel, die zweite mit einem Öl-zweig im Schnabel und die dritte gar nicht zurückkehrte. Die zweite Taube zeigte Noah, dass die Flut vorbei war, dass Gott sich also wieder versöhnlich zeigt. Endgültig zur Friedens-Ikone aber wurde die Taube mit dem Oliven-zweig im Jahre 1949, als Picasso ein Plakat für den Weltkongress der Kämpfer für den Frieden mit einer weißen Taube gestaltete, übrigens wohl u.a. aufgrund seiner Vorliebe für diese Tiere und nicht als Zitat eines alttestamentarischen Motivs.

Wertschätzung und Schutz der Natur zum einen und Aufrechterhaltung des Friedens zum andern werden auf diese Weise auf der Radierung als die beiden Grundvoraussetzungen menschlichen Zusammenlebens, mensch-lichen Lebens und Überlebens herausgestellt.

Ulrike Ladnar