Exlibris des Monats April 2022 – Fjodor M. Dostojevskij – David Bekker für Dr. Hans-Joachim Kretz

Im November 2021 jährte sich der Geburtstag des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitch Dostojevskij zum 200. Mal und eigentlich war schon lange vorgesehen, dass ein Exlibris des Monats mit seinem Porträt oder mit der Darstellung einer Szene aus einem seiner weltweit bekannten Romane an diesen Jahrestag erinnern sollte.

Doch die Zeitläufte sind durcheinander geraten: Unsere DEG-Tagungen fielen aus bzw. wurden verschoben, und das erste Wiedersehen fand nach zwei-einhalb Jahren im Oktober 2021 in Haltern am See statt. Und dann haben wir natürlich gerne an unsere alte Tradition angeknüpft, das Sieger-Exlibris des DEG-Wettbewerbs als Exlibris des Monats November zu präsentieren. Und Dostojevskij musste warten.

Immer noch bestimmt ja die Pandemie nicht nur unsere private Lebens-gestaltung, sondern auch den Organisationsrahmen unserer Tagungen.
Aber wir nehmen das weniger wahr, weil alles von etwas anderem überlagert worden ist: Seit Februar 2022 erleben wir, dass in Europa ein Krieg wütet und wir sehen voller Solidarität, wie die Menschen dort kämpfen und leiden.

Daran denken wir auch, wenn wir in diesem Monat ein Exlibris des 1940 in Odessa geborenen und dort im März diesen Jahres verstorbenen ukrainischen Künstlers David Bekker präsentieren. David Bekker erhielt seine 

Ausbildung als Radierer und Lithograf in Odessa und Charkov. Seit 1968 
beschäftigte er sich mit dem Exlibris und ist rasch ein äußerst geschätzter Exlibriskünstler geworden. Seine lithografierten, meist aber radierten Exlibris kreisen um vier Themen: Porträts großer Persönlichkeiten der Geschichte und Kultur, Szenen aus Werken der Weltliteratur, mythologische Motive und nicht zuletzt Aktdarstellungen. Sie werden also kaum einen großen Dichter, Musiker oder bildenden Künstler finden, mit dem sich Bekker nicht künstlerisch auseinandergesetzt hätte, auch keine Figur aus der Mythologie, kaum einen literarischen Helden. Die Schwerpunkte von Bekkers Arbeiten zeugen so auch von den breit gefächerten Interessen der Sammler und Sammlerinnen, die sich von ihm ein Exlibris haben radieren lassen. Beeindruckend ist dabei auch, dass man einen „Bekker“ auf Anhieb erkennt, an der Konzeption des Bildaufbaus, an dem Detailreichtum, den man hinter dem Hauptmotiv erst allmählich erkennt, an der feinen Technik und vor allem an den gewählten Farben: Es dominieren warme bräunliche Erdtöne in vielen Schattierungen, nie aufdringlich oder leuchtend, kombiniert mit gemischten rötlichen und gelblich-grünlichen Farben, alles also Farben aus der Natur. Die Blätter wirken pastellfarben, unaufdringlich, warm. 

David Bekker hat den Exlibrissammlern und Exlibrissammlerinnen auch viele Autoren der russischen Literatur nahegebracht, z. B. Puschkin, Gogol, Tschechov, Blok und, fast selbstverständlich, gibt es auch ein Exlibris, auf dem Dostojevskij porträtiert worden ist. Bekker bezieht sich bei seinem Porträt auf eine bekannte Aufnahme des Schriftstellers aus den frühen 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, nur sieht der Dichter bei Bekker auch im Vergleich mit der Vorlage besonders milde und weise aus. Müde scheint er am Betrachter vorbeizuschauen, und was der Porträtierte da vor sich sieht, weiß man nicht. Hinter sich hat er Russland gelassen; man erkennt die Kuppeltürme seiner Heimatstadt Moskau. Links erscheinen zwei Figuren aus einem seiner bekannten Romane, aus Der Idiot. Diesen Roman hat Dostojevskij vollständig im westlichen Ausland geschrieben, und das Verhältnis zwischen Russland und Westeuropa, das in Russland während des gesamten 19. Jahrhunderts heftigst und kontrovers diskutiert wurde, weil sich die Intellektuellen in sog. Westler auf der einen und in Slawophile auf der anderen Seite spalteten, spielt in dem Roman eine wesentliche Rolle. Der Idiot ist Fürst Myschkin, ein konsequent seinen Emotionen und seinem Glauben folgender Mensch, eine Art Don Quijote, ein Narr. Er bildet quasi eine Art Gegenfigur zu Raskolnikov, dem Protagonisten aus Schuld und Sühne, der das westeuropäische rationalistische Lebenskonzept vertritt. Doch wie Raskolnikov scheitert auch Fürst Myschkin, der sich nach seiner Rückkehr aus einem westlichen Sanatorium im Strudel der St. Petersburger Gesellschaft mit seiner frommen Naivität verirrt. Er kann den Menschen, die ihn umgeben, nicht helfen und erkrankt dann erneut physisch.  

– Auf der linken Bildhälfte sieht man Fürst Myschkin; er steht, ganz ein Mitglied der vornehmen St. Petersburger Gesellschaft, neben Nastasja Filipovna, einer sog. gefallenen Frau, die er retten will. Wie Dostojevskij selbst blicken auch der Fürst und Nastasja auf Bekkers Exlibris auf etwas, das den Betrachtern verborgen bleibt.

Dostojevskijs Hauptinteresse als Schriftsteller galt der Erforschung der menschlichen Seele; in seinen neun Romanen entwarf er präzise psycho-logische Skizzen von Menschen in einer Gesellschaft im Umbruch, im Zwiespalt. Als junger Schriftsteller wurde er wegen seiner Ansichten verhaftet und musste lange Jahre in Sibirien verbringen. Danach geriet er immer wieder in finanzielle Not; vor seinen Gäubigern floh er ins Ausland. Dass er zeitweise spielsüchtig war, ist bekannt, ebenso, dass er unter Epilepsie litt.

So schwierig sich – bis auf die letzten, friedlicheren Jahre – Dostojevskijs Leben gestaltete, so schwierig entwickelte sich auch die Rezeptions-geschichte seines in 170 Sprachen übersetzten, überaus komplexen und widerspruchsreichen Werks. Dostojevskijs Festungshaft in Petersburg, seine Verbannung nach Sibirien, sein anschließender Militärdienst machten ihn mit den einfachen Menschen und dem Leid und Elend niedrigerer sozialer Schichten bekannt; sein Denken und seine Überzeugungen veränderten sich hin zu dem oben angedeuteten (slawophilen) Weg, der einfache, fromme russische Mensch stand nun im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Während Dostojevskij weltweit bis heute Anerkennung zuteil wird, war das in Russland nicht immer so. In der Sowjetzeit, in der die Klassiker eigentlich durchgängig hoch verehrt und gelesen wurden, spielte Dostojevskijs Werk eine Neben-rolle. Heute wird aus seinem vielschichtigen Werk wieder anderes in den Mittelpunkt gestellt, seine antiaufklärerische, europakritische Einstellung der späten Jahre; somit wird ihm wieder eine zentrale Bedeutung zugeschrieben.

Dagegen kann er sich leider so wenig wehren wie gegen die Vernach-lässigung durch die sowjetische Kulturpolitik und die Gefangennahme durch das zaristische Russland. Auf Bekkers Exlibris sieht er so aus, als sei ihm das eigentlich gleichgültig und als habe er seinen Frieden gefunden.

Ulrike Ladnar

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