Exlibris des Monats März 2022 – Frühlingsstimmung von Heinrich Vogeler

Exlibris des Monats März 2022 – Heinrich Vogeler für Bertha Bienert, 1901, Radierung

Endlich März, endlich hält der Frühling Einzug in unser Leben. Für die Meteorologen beginnt diese schöne Jahreszeit schon am 1. März. Im Kalender ist der Frühlingsbeginn in diesem Jahr für den 20. März vermerkt, der Zeitpunkt, an dem die Tage genauso lang sind wie die Nächte. Das Licht der längeren Tage lässt die Natur erwachen und durch die farbigen Blüten einiger Frühblüher gerät die graue Zeit des Winters schnell in Vergessenheit.

Wir öffnen unsere Fenster – die unserer Wohnungen und die unserer Herzen – und nehmen die von der Sonne erwärmte Luft und die von der erwachten Natur durchtränkten Düfte in uns auf. Nachweislich dienen diese sensorischen Reize dazu unsere Stimmung aufzuhellen und vertreiben jeglichen Ansatz einer Winterdepression. Wir spüren im Frühling neue Lebensgeister in uns erwachen und es zieht uns hinaus in die Natur: „Ich reise übers grüne Land, der Winter ist vergangen“, so heißt es dazu in einem Gedicht von Joseph von Eichendorff.

Diese Frühlingsstimmung hat der Worpsweder Maler und Grafiker Heinrich Vogeler (1872–1942) in seinem Exlibris für Bertha Bienert festgehalten. Vogeler, der durch seine Jugendstilgrafiken bekannt wurde, könnte in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag feiern. Immer noch sind seine Drucke und Exli-bris begehrte Sammelobjekte. Seine frühen Blätter sind in der Hochzeit des Jugendstiles entstanden und er gestaltete sie sehr häufig mit floralen Ele-menten. So auch in diesem Exlibris, das von zwei großen, in den Vordergrund gestellten Märzveilchen gerahmt ist. Diese Veilchen waren zu Vogelers Zeiten so beliebt, wie es heute Tulpen sind. Man holte sie sich als Schnitt-blumen in die Wohnung. Als einer der ersten Boten des Frühlings erfreuen sich die wohlriechenden Veilchen besonderer Wertschätzung und symboli-sieren Demut und Bescheidenheit. Die beiden Frühlingsboten am Bildrand bilden eine Lücke und man schaut durch das nach außen geöffnete Spros-senfenster in die Natur. Auf der Fensterbank steht ein Topf mit Primeln, de-ren farbige Blüten sich erahnen lassen. Auf einem Tischchen vor dem Fens-ter liegt ein aufgeschlagenes Buch, in dem die Eignerin des Exlibris vielleicht gerade Frühlingsgedichte gelesen hat. Draußen ist der Übergang vom Winter zum Frühling zu spüren. Die Bäume tragen noch keine Blätter, aber die Wiese ist schon frisch ergrünt, wie der hellere Ton der Strichführung andeutet.

Dominiert wird das Blatt von einer klassizistischen Fassade, in die die ganze Szenerie hineingestellt ist. Hier greift Vogeler die Architektur in der Medici-Kapelle von Florenz auf, die er 1898 besucht hatte. Er zeigt in dem Exlibris das Grabmal von Lorenzo di Piero de’ Medici. Links und rechts streben Säulen nach oben und stützen einen Sims über dem Fenster, auf dem eine römisch anmutende Skulptur in Säulen gerahmt angedeutet ist. Diese von Michelangelo gestaltete Figur zeigt einen römischen Feldherrn und idealisiert damit den Verstorbenen. Auf den Verlängerungen der beiden Randsäulen stehen im oberen Bilddrittel zwei Empire-Vasen, mit denen Vogeler auch seinen Künstlerwohnsitz – den Barkenhoff – schmückte. Die Verbindung zwischen den Pflanzen in den Empire-Vasen und den Säulen neben der Skulptur stellen florale Girlanden her, wie man sie von antiken römischen Wandbildern kennt. Insgesamt stellt das Blatt in seiner Komposition eine Huldigung an die Natur, an die Kunst der Renaissance und an unvergängliche Werte dar.

Die Eignerin des Blattes, Bertha Bienert, geborene Suckert (1868–1945), war die Ehefrau des Dresdner Industriellen Theodor Bienert (1857–1935). Vogeler lernte das Ehepaar Bienert während seiner ersten Einzelausstellung in Dresden im Jahre 1897 kennen, auf der er seine frühen Gemälde und Radierungen erfolgreich präsentierte. Theodor Bienert wurde Sammler von Vogelers Gemälden und Grafiken und gab für sich und seine Frau Exlibris-Blätter in Auftrag. Auch durch diesen Kontakt wurde die Kunst des Worpsweders weit über Norddeutschland hinaus bekannt.

Lassen wir uns von der Stimmung dieses Blattes anstecken und begegnen in diesen Tagen der Natur mit offenen Sinnen. Erinnern wir uns dabei an eine ästhetische Welt, in der innere Werte die Richtschnur unseres Handelns sind.

Siegfried Bresler

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