Exlibris des Monats Dezember 2021 – Oleksandra Sysa: House of Nostalgia

Früher, so hört man oft, war Weihnachten schöner. Weihnachten war bescheidener, Weihnachten war besinnlicher, Weihnachten war ein Familienfest. Und Weihnachten war weiß.

Wann war dieses Früher? „Früher war mehr Lametta“, meckerte schon Ende der 70er der Opa in Loriots Weihnachten bei Hoppenstedts und hat damit einen Satz herausgejammert, der in der Folge zum geflügelten Wort wurde. Heute fände er noch mehr Grund zum Jammern, denn der einst so beliebte Weihnachtsschmuck ist aus der Mode gekommen. Man sieht ihn kaum noch und er wird in Deutschland seit einigen Jahren wegen seiner Bleihaltigkeit nicht einmal mehr hergestellt. Hätte Opa Hoppenstedt das erlebt, wäre er wahrscheinlich mit dem Satz „Früher gab es wenigstens noch ein bisschen Lametta!“ zusammengebrochen.

Je länger etwas zurückliegt, das weiß man, desto schöner wird es in der Erinnerung, desto mehr wird es verklärt. Und je aufgeklärter man ist, desto mehr durchschaut man das auch. So gehört inzwischen Konsumkritik in der Vorweihnachtszeit fast schon zum guten Ton. Die Klage über den Stress folgt. Dass die ganzen Kekse und die reichhaltigen Menüs zu Weihnachten nicht so richtig gesund sind, weiß inzwischen auch schon jeder. Und dass alle vom Fest von Jahr zu Jahr immer mehr erwarten, macht es einem nicht gerade leichter. Trotzdem: Spätestens Anfang Dezember stellt man sich der Familie zuliebe allen Herausforderungen, oft von dem Seufzer begleitet: Für Kinder gibt es doch nichts Schöneres.
Das letzte normale Weihnachten liegt nun auch schon zwei Jahre zurück. Im letzten Jahr haben viele Menschen Weihnachten nur in der Kleinstfamilie oder sogar ganz alleine verbracht. Das betraf auch viele Menschen aus der Exlibris-Gesellschaft, die ja bekanntermaßen viele ältere Mitglieder hat. Für diejenigen, die nicht am selben Ort wie ihre Kinder leben oder das Glück haben, dass sie selbst oder ihre Kinder in einer großen Wohnung oder einem Haus leben, wo Gäste unter Beachtung der coronabedingten 

Hygienemaßnahmen sicher untergebracht werden können, bedeutete das, da in vielen Bundesländern Hotels geschlossen blieben, dass das Weihnachtsfest nicht sehr fröhlich wurde und dass man sich sogar nach dem gefürchteten Stress sehnte … Und man dachte: Früher war Weihnachten schöner. Es war ein Fest für die ganze Familie. Und die Kinder haben gesungen. Mehr Lametta eben. Aber vor allem: Es gab noch kein Corona.

Daran mag man angesichts der bevorstehenden Advents- und Weihnachszeit des Jahres 2021 beim Betrachten eines Exlibris‘ denken, das Oleksandra Sysa für Cees Lith radiert hat und das den Titel House of Nostalgia trägt. Denn neben Weihnachten ist die Kindheit die Zeit, die am meisten idealisiert wird und der am meisten Nostalgie zugedacht und zugedichtet wird.

Auf dem Buchzeichen findet sich sehr detailliert alles, was Menschen (nicht nur) zu Weihnachten in nostalgische Stimmung versetzen kann: Erinnerungen an die Kindheit, an Objekte und Tätigkeiten, die einen in dieser Zeit beschäftigt haben. Man sieht viele kleine bausteingroße Häuschen, die man in- und an- und aufeinanderschieben kann und in denen man allerhand verstecken und entdecken kann, sei es ein Schaukelpferd oder eine Insektensammlung, seien es Spielflächen auf dem Boden oder dem Dach, bereit zum Schachspielen oder anderen Beschäftigungen. Da gibt es Puppenhäuschen mit kleinen Vorhängen an den Fenstern und kleinen Leitern, mit deren Hilfe man in sie hinein oder über sie hinwegsteigen kann, und mit kleinen Kaminen, aus denen heimelig Rauch aufsteigt. Das House of Nostalgia ist ein Haus der Kindheit, ein Haus voller Erinnerungen, aber trotz aller Nostalgie verbergen sich auch traurige und leidvolle Erinnerungen in manchen dunklen Häuschen. 

Auf der Radierung steht das House of Nostalgia in der Finsternis. Das ganze Haus und alle seine kleinen Häuschen sind dunkel, nur die spielende Hand – ein Symbol für den Träumenden – vermag den Erinnerungen Licht und Leben

zu verleihen. Auch hinter dem Haus ist es dunkel, aber man sieht auf dem Nachthimmel kleine Sterne leuchten. Das House of Nostalgia ist ein Traumgebilde, das von einem Nachtvogel bewacht wird. Auch unter dem Haus zeigt sich die Flüchtigkeit und Gefährdung der Erinnerung und die Kraft, die es kosten mag, seine Träume zu behalten, denn da scheint das ganze schöne Traumhaus auf drei kleinen Rädchen wegrollen zu können, so dass der Traum im Dunkel der Nacht verschwindet und vergessen werden kann.

Aber links wachsen aus dem Haus Blätter heraus, kräftige grüne Blätter, die den Weg aus dem Unbewussten, dem Dunkel der Nacht und des Traums und der Kindheit, hinaus in die Welt des Tages finden und dort, wie man sieht, aus diesen Wurzeln kräftig – und hoffentlich nachhaltig – gedeihen.

Oleksandra Sysa beschreibt durch diese starken Bilder die Macht der Erinnerung an die Kindheit und die Stärke der Träume und zeigt, dass man daraus Kraft und Zuversicht für den Tag und die Zukunft schöpfen kann. Also auch für den Stress zu Weihnachten, der sowieso spätestens dann, wenn man auf diejenigen trifft, die mit einem feiern, vergessen ist, vor allem natürlich, wenn Kinder dabei sind.

Die DEG wünscht Ihnen schöne Dezemberwochen und dass Sie – wo und wie und mit wem auch immer – Weihnachten so feiern können, wie Sie es sich wünschen und wie es für Sie gut und richtig ist. Und falls die Feier in diesem Jahr wieder kleiner werden sollte oder müsste als erhofft, dann geben Sie Ihrem ganz eigenen House of Nostalgia in Ihrem Kopf viel Raum und träumen sich zurück in die Kindheit und in glückliche weihnachtliche Zeiten und nehmen Sie sich viel Zeit dafür … Dann braucht es auch kein Lametta.

Ulrike Ladnar

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