Exlibris des Monats Juli 2021 – Jürgen Czaschka: Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür

Exlibris des Monats Juli 2021 – Jürgen Czaschka für Emil Kunze, 2001, Kupferstich

Das Exlibris des Monats Juli soll an einen der bekanntesten Schriftsteller der Literatur der Nachkriegszeit, der sog. Trümmerliteratur, erinnern: an Wolfgang Borchert. Geboren wurde Borchert 1921 in Hamburg. Zum 100-jährigen Gedenkjahr hat ihm die Stadt Hamburg in der Universitätsbibliothek als Dauerausstellung ein Zimmer mit seinem Schreibtisch, seiner Bibliothek und vielen anderen Erinnerungsstücken eingerichtet: „Borcherts Zimmer“. Dieses Zimmer können Sie auch digital betreten (Dissonanzen – Wolfgang Borchert (1921–1947) ǀ Stabi Hamburg (uni-hamburg.de).
Borchert arbeitete zunächst als Buchhändler, später war er als Schauspieler in Lüneburg tätig. Briefliche Äußerungen über den Staat führten zur Haft des schwer an Diphtherie und Gelbsucht erkrankten jungen Mannes im Militärgefängnis in Nürnberg. Er wurde zum Tode verurteilt, dann aber „zwecks Bewährung“ an die Ostfront geschickt. Sein Gesundheitszustand war allerdings so schlecht, dass er aus dem Kriegsdienst entlassen wurde. Wieder in Hamburg, trat er als Kabarettist auf, was ihm aber wegen kritischer Äußerungen eine erneute Haftstrafe, diesmal in Berlin-Moabit, eintrug.

Nach dem Krieg kehrte er chronisch krank und gebrochen zurück in seine Heimatstadt. Er versuchte weiterhin im Kabarett zu arbeiten, doch musste er bald dauerhaft aufs Krankenlager, wo in seinen letzten beiden Lebensjahren zwei Bände mit Kurzgeschichten entstanden, die für gut drei Nachkriegs-Jahrzehnte zur Pflichtlektüre für deutsche Schüler*innen wurden. Bestimmt erinnern sich von viele Exlibris-Sammler*innen noch an Titel wie „Die Küchenuhr“, „Das Brot“, „Nachts schlafen die Ratten doch“ oder „An diesem Dienstag“. – Alle diese Geschichten erzählen von den Erfahrungen von Menschen, die durch den Krieg dauerhaft aus der Bahn geworfen wurden, sei es als Folge traumatischer seelischer Erlebnisse oder körperlicher Versehrungen durch den Krieg, und die in den Trümmern der Nachkriegszeit an Invalidität, Einsamkeit, Depressivität, Heimatlosigkeit, Obdachlosigkeit, Hunger u. a. leiden.
Auch Borcherts einziges Theaterstück handelt davon; sein Titel lautet: „Draußen vor der Tür“. Im Februar 1947 bereits als Hörspiel gesendet, fand die Uraufführung im November des gleichen Jahres in Hamburg statt; einen Tag zuvor ist Borchert mit nur 26 Jahren gestorben. –  
Die Hauptperson des Theaterstücks ist Beckmann, „einer von denen“, wie es lapidar im Personenverzeichnis heißt. Beckmann hat den Krieg und die dreijährige Kriegsgefangenschaft zwar überlebt; allerdings hat er eine Kniescheibe verloren, humpelt also, und als Notersatz für seine verlorene Brille nutzt er eine Gasmaskenbrille. Sein einziges warmes Kleidungsstück ist sein inzwischen verschlissener Soldatenmantel. Nachdem ein Suizidversuch misslungen ist, will Beckmann Antworten auf seine Fragen nach dem Sinn seiner Leiden, dem Sinn seines Lebens erhalten, doch bei wem auch immer er anklopft – seien es ein Oberst, der Direktor eines Kabaretts, seien es Nachbarn, sei es seine ehemalige Frau, seien es ein Bestattungsunternehmer oder gar Gott –, die Türen bleiben vor ihm verschlossen. Die anderen haben sich inzwischen wieder eingerichtet in der Welt, nur für ihn scheint es keinen Platz zu geben.

 

Jürgen Czaschka (1943–2018) hat auf seinem Exlibris für den Hamburger Arzt Emil Kunze den Inhalt des Theaterstücks eindrucksvoll dargestellt. Er zeigt Beckmann am Boden liegend, kaum mehr in der Lage aufzustehen. Wie ein Doppelgänger steht selbstsicher „der andere, den jeder kennt“ (so das Personenverzeichnis) über ihm, mit einer neuen Brille, gut gekleidet und selbstsicher auf eine der verschlossenen Türen zeigend, die in einem schmalen, endlos lang erscheinenden Gang aneinandergereiht zu sehen sind und hinter denen die Menschen stehen, die Beckmann „draußen vor der Tür“ stehen lassen und ihm die ersehnte Antwort verweigern. Jürgen Czaschka stellt auf seinem Kupferstich die Situation Beckmanns schonungslos hart dar, bleibt dabei aber nüchtern und kalt. Czaschka will durch seine Sachlichkeit zur rationalen Auseinandersetzung anleiten und verhindern, dass Emotionen wie etwa soziales Mitleid mit dem verzweifelten Kriegsheimkehrer von der erforderlichen Analyse ablenken.

Jürgen Czaschka war zur Zeit der Entstehung des Blattes für Dr. Emil Kunze in der Exlibrisszene ein sehr gesuchter Künstler und seine durchdachten, strengen Kupferstiche waren sehr begehrt. Er lebte damals schon in Fanano in Italien in einem Haus im Wald. Als er älter wurde, wurde für seine Hände die Arbeit mit dem Stichel immer anstrengender und er entdeckte Neues für sich. So schuf er z. B. Skulpturen aus Holz, entdeckte den Computer als Hilfsmittel für das Zeichnen und unterrichtete junge Künstler. In Italien erfuhr er damit in seinen letzten Lebensjahren große Anerkennung.

Eigentlich wollte er seine Arbeit mit Exlibrisgrafiken gerne fortsetzen, allerdings nicht mehr mit dem Stichel, sondern mit Hilfe des Computers. Er war damals einer der ersten Künstler, die sich auf diesen Weg begaben. Doch die Zeit war noch nicht „reif“ genug, und so blieben Jürgen Czaschka die Exlibristüren in seinen letzten Lebensjahren verschlossen.

(Ulrike Ladnar)

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