Exlibris des Monats Februar 2021 – Hristo Naidenov: Masken

Exlibris des Monats Februar 2021 – Hristo Naidenov für Frans van der Veen, 2013, Radierung

Bei der Auswahl eines Exlibris als Exlibris des Monats spielen oft jahreszeitliche oder kalenderbedingte Motive wie Feste und Bräuche eine Rolle. Was liegt also im Monat Februar näher als auf eines der vielen Exlibris einzugehen, auf denen Masken zu sehen sind?  Denn allenthalben wird in diesem Monat der Karneval gefeiert, der je nach Region viele andre Bezeichnungen hat, Fassnacht oder Fasching sind wohl die gebräuchlichsten unter ihnen. Und am Ende dieser auch 5. Jahreszeit genannten Phase beginnt zumindest im Kirchenjahr die Fastenzeit.

Masken entstanden ursprünglich in Zusammenhang mit religiösen Bräuchen und Kulten, wo sie vor allem im Umgang mit guten, aber auch mit bösen Gottheiten oder Geistern eingesetzt wurden, oft bei der Ausübung ritueller Tänze. Doch das Verwendungsspektrum von Masken erweiterte sich rasch. So wurden in vielen Kulturen bereits seit der Antike Totenmasken angefertigt, die die Gemeinschaft schützen sollten; später dienten sie dann eher der Erinnerung an Verstorbene. In anderen Kulturen dienten Masken zur Erziehung oder Kontrolle des Volkes, beispielsweise zur Manifestation richterlicher oder staatlicher Macht.

Schon früh wurden auch im Theater Masken eingesetzt, weswegen ja eine lachende und eine weinende Maske (bis heute übrigens ein häufiges Exlibris-Motiv) Sinnbilder für das dramatische Theater geworden sind. In vielen Theaterformen wurden feste Masken für die einzelnen Rollen verwendet, z. B. in Italien in der Commedia dell‘arte oder im traditionellen japanischen -Theater. Heute werden Schauspieler im Theater oder Film zwar meist nur noch geschminkt, doch immer noch steht der Begriff Maske für den Raum, in dem das stattfindet und erinnert daran, dass früher dort Maskenbildner gearbeitet haben.

Es gab und gibt kaum eine Ausdrucksform der Kunst, in der keine Masken aufscheinen. Von der Bildhauerkunst mit ihren antiken und mittelalterlichen Masken über die Architektur mit ihren barocken Wasserspeiern und über die Musik, z. B. die Operette mit ihren maskierten Helden und Heldinnen bis hin zur modernen Malerei wie z. B. Masken eines James Ensor ist der Weg der Maske zu verfolgen; und auch Comicfiguren wie Batman haben das Repertoire an Masken in der Kunst erweitert, bis hin zu neuesten Filmfiguren wie denen aus der Star-Wars-Reihe, um nur einige wenige Hinweise zu geben.

Das Exlibris von Hristo Naidenov für Frans van der Veen aus dem Jahr 2013 greift einige Beispiele der rituellen, kultischen und künstlerischen Masken auf, die die Kulturen unterschiedlicher Zeiten und unterschiedlicher Länder geprägt haben und bis heute prägen. Rechts sieht man Totenmasken, die für asiatische oder ägyptische Traditionen stehen, und auch oben beherrscht eine zentral positionierte goldene Maske das gesamte Blatt. Sie scheint wie eine Blume auf einem vertikalen leuchtenden Glasstängel zu schweben, der vor der Sonne, dem meist der Buddha-Maske beigeordneten Symbol der Erleuchtung, in die Höhe wächst. Verschiedene grazile mythische Wesen und geheimnisvolle Ornamente umgeben bzw. umschwingen diese Senkrechte, am auffallendsten dabei ein großer Schmetterling, wie er oft auch bei dekorativen venezianischen Karnevalsmasken

eingesetzt wird. Er leitet zur linken Hälfte des Exlibris über, auf der Naidenov einen leichteren und lockeren, spielerischen Umgang mit der Maske radierend in  Szene gesetzt hat, wie er im Karneval oder Theater oder anderen Verwirrungskomödien menschlicher Beziehungs- und Rollenspiele erscheint: das Spiel mit dem Verbergen und Enthüllen des Gesichts hinter der Maske als Anreiz, als Verlockung, als Rätsel: Bin ich die, für die du mich hältst? Bin ich die, die ich bin, oder die, die ich zeigen will? Mein alter Geschichtslehrer, ein – wie in den 60er Jahren nicht selten – strenger und wenig empathischer Lehrer, wie maskiert übrigens durch ein ausdrucksloses Gesicht, haubenartig fest an den Kopf gedrückte Haare und immer im weißen Collarhemd unter einer schwarzen Weste, der gerüchteweise traumatische Kriegserlebnisse hinter sich hatte, pflegte im Februar immer warnend zu uns zu sagen: „Im Fasching meinen die Menschen, sich hinter einer Maske zu verstecken, aber in Wirklichkeit zeigen sie jetzt ihr wahres Gesicht.“ Die Frau mit der Faschingsmaske auf der linken Hälfte von Naidenovs Exlibris straft ihn Lügen, denn sie will sich nicht hinter der Maske verstecken, vielmehr will sie in der Wirklichkeit und mit verschiedenen Rollen spielen. Das beweist die Narrenkappe, die sie über den Kopf gezogen hat. Außer ihr ist nur noch ein anderes nicht maskiertes Gesicht auf dem Blatt zu sehen, und zwar auf dem rechten Bildrand, wo jemand unauffällig aus dem Schatten seiner Masken herauszutreten scheint.

Wenn man heute hinaus in die Februarwelt tritt, fällt einem bei dem Begriff Maske weder eine alemannische noch eine venezianische Variation der Gesichtsbedeckung oder auch Gesichtsverbergung ein, sondern man greift automatisch nach dem Objekt selbst und überlegt dabei, ob es eine einfache Mund-Nasen-Maske sein kann oder ob man eher eine FFP2-Maske wählt, ein Wort, das die meisten von uns vor einem Jahr noch nicht einmal gekannt haben.

Ulrike Ladnar

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