Exlibris des Monats Dezember 2020 – Luigi Kasimir: Winterstimmung

Exlibris des Monats Dezember 2020 – Luigi Kasimir: Exlibris für Prof. Dr. Siegfried Gross, um 1905, Radierung

Weiße Weihnachten – ist das nicht der Traum der meisten Kinder und auch noch vieler Erwachsener? Verfolgt man nicht fast angespannt seit Dezemberanfang die langfristigen Wetterprognosen für den 24. Dezember und die Zeit danach? Weckt die Vorstellung eines weißen Weihnachtsfests nicht nostalgische Träume an Vergangenes, an Glück und Freude?

Dieses Jahr führt die Frage danach, ob Weihnachten weiß sein wird, unsere Prioritätenliste nicht an. Statt auf den Himmel und seine Schneeverheißungen zu blicken, schauen wir auf den Bildschirm und betrachten die Zahlen, die uns den Verlauf der Covid-Pandemie verdeutlichen. Grundsätzlicheres als das Wetter steht seit Mitte November im Vordergrund: wie und in welchem Kreis man Weihnachten in diesem Jahr überhaupt feiern kann. Und das scheint jetzt, Ende November, abgeklärt zu sein. Ja, man wird ein Familien- oder Freundesfest feiern können zu Weihnachten – aber es wird anders sein als bisher.

Doch geben wir angesichts des schönen und stimmungsvollen Winterbilds einer schneebedeckten historischen Stadtkulisse, das Luigi Kasimir auf seinem Exlibris für Professor Dr. Siegfried Gross radiert hat, eine Weile einfach unseren nostalgischen Sehnsüchten Raum.

Alles wirkt weiß dort, sauber, aber leicht verschwommen und unwirklich. Die Tageszeit lässt sich kaum bestimmen. Ist es früher Morgen? Oder schon Abend? Eine Stadtlaterne scheint vor dem linken Haus zu leuchten, und auch rechts vermeint man das eine oder andere Licht schimmern zu sehen. Der Himmel wirkt hell, vielleicht aber täuscht da auch nur eine tiefhängende weißgraue Schneewolke. 

Wer Wien, wo das Bild zu verorten ist, kennt, wird links, ein wenig im Hintergrund, unschwer die Hauptfront der Winter Universität erkennen und rechts den schmalen Steig, der hinauf zur Mölker- Bastei führt. Auch der, dem Wien nicht aus eigener Anschauung vertraut ist, wird sofort das alte Wien vor Augen haben, weil dieser Steig und diese ab 1531 entstandene Bastei mehrfach als Filmkulisse für historische Filme wie Der Dritte Mann 

und Das Dreimäderlhaus gedient hat. Denn dieser Ort konnte trotz seiner langen Geschichte mit vielen Umbaumaßnahmen immerhin seit der Zeit, als Franz Josef I, um seinen architektonischen Wientraum zu erfüllen, das damalige alte Wien radikal verändert hat, weitgehend unverändert bleiben – so, wie auch Luigi Kasimir ihn um 1905 festgehalten hat. Damals war der 1881 geborene Künstler noch im letzten Jahr seiner Ausbildung und stand erst am Beginn einer Künstlerkarriere, deren Reputation aufgrund seiner 28 Jahre später erfolgten frühen Zustimmung zu nationalsozialistischer Ideologie und Handlungsweise seit langem gebrochen ist.  

Die schneebedeckten Plätze und Straßen der Stadt sind leer und wenn man sich hineinversetzt, meint man fast die Stille der Stadt zu hören. Nur im Hintergrund sieht man eine einsame Gestalt, die auf die Universität zugeht. Aber auch diese Gestalt ist unbestimmt, es scheint ein Mann zu sein, aber sicher kann man das nicht ausmachen. Ob die Gestalt wirklich ganz allein ist, lässt sich ebenfalls nicht eindeutig bestimmen. Hält rechts von ihm nicht vielleicht gerade ein Fiaker mit seinem Fahrer davor? Und spazieren links vor dem Haus vielleicht nicht doch zwei Passanten, vielleicht sogar mit Hund, vorbei? Ich kann es auch mit Lupe nicht genauer festlegen. Vielleicht wachsen dort auch nur Büsche.

 

Je länger man die Szenerie betrachtet, desto mehr verwandelt sich die auf den ersten Blick präzise topografische Stadtarchitektur in eine geheimnisvolle märchenhafte Welt.

Ob es der Eigner, ein Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Universitätsprofessor, ist, der an diesem stillen Tag zu seiner Arbeitsstätte geht, weiß man nicht, wohl aber, dass er ein wiss- und lesebegieriger Mann ist, denn den unteren Bildrand füllen viele im Schnee liegende und aufgeschlagene Bücher.

Auf jeden Fall verbringt diese Person diesen Tag oder eben auch Abend wohl allein. Dass er dabei Ruhe und Frieden findet, ist ihm zu wünschen.

Und uns allen ist zu wünschen, dass unser Weihnachten ruhig und friedlich wird und dass wir es bei guter Gesundheit feiern. Doch ganz so allein wie diese einsame Gestalt sollte keiner sein.

(Ulrike Ladnar)

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