Exlibris des Monats November 2020 – Mariya Plyatsko: Memento Vivere

Exlibris des Monats November 2020 – Mariya Plyatsko für Ulrike Ladnar, 2019, Radierung

Dass man bei der Suche für ein Exlibris des Monats November bei Blättern mit MEMENTO MORI-Motiven anfängt, ist keineswegs überraschend. Friedhofsbesuche fallen einem ein und das Rascheln der abgefallenen Blätter unter den Schuhen.

Schon der Kalender dieses Monats weist viele Gedenk- und Trauertage auf. Das fängt mit Allerheiligen und Allerseelen – einem Gedenktag der röm.-katholischen Kirche für die Verstorbenen – an und setzt sich mit dem evangelischen Buß- und Bettag und dem Totensonntag, an dem die evangelischen Gläubigen an ihre Verstorbenen denken, fort. Dazwischen ist der staatliche Volkstrauertag verankert, der seit dem Ersten Weltkrieg als ein Heldensonntag gefeiert wurde und der Erinnerung an die gefallenen Soldaten galt; heute aber wird differenzierter mit diesem Gedenktag umgegangen, in Hessen z. B. ist er als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten beider Weltkriege definiert.

Klimatologisch kann man dem November auch wenig Heiteres abgewinnen. Rühmt sich der Oktober noch (in diesem Jahr weitgehend unberechtigt) des Epithetons golden, so assoziiert man mit dem November als Folge der stetig sich verkürzenden Tage Dunkelheit, Nebel, Kälte, Regen und Sturm. Im Mittelalter wurde deswegen versucht, den Monatsnamen einzudeutschen: Windmond sollte er heißen oder auch Nebelung. Doch er blieb bis heute etymologisch der neunte Monat, der November eben.

Aus medizinischer Sicht gilt der November aufgrund seiner zunehmend trübe und dunkler werdenden Tage, was den Serotonin-Spiegel sinken lässt, auch als Monat der trüben Stimmungen. Wir alle verwenden seit etlichen Jahren den Begriff Novemberblues, wenn wir eine Neigung zu leichten Verstimmungen und Melancholien beschreiben wollen. Ob der Novemberblues sich sonst wegtanzen lässt, weiß ich nicht, aber in diesem Jahr wird das bestimmt nicht gelingen. Denn in diesem Jahr könnten aufgrund der wieder stärker sich ausbreitenden und aktivitätslähmenden Pandemie noch mehr Menschen als sonst in die Gefahr geraten, in eine traurige Stimmung zu verfallen: Sorgen um die eigene Gesundheit und die der Familie, Sorgen um den Arbeitsplatz, das Einkommen, die wirtschaftliche Situation, Bedenken, ob man überhaupt noch wie gewohnt Weihnachten feiern kann u. v. a. m.

Auf jeden Fall wollte ich kein MEMENTO MORI-Blatt wählen, sondern eher etwas Gegenteiliges. Und fündig bin ich bei einem Blatt geworden, das die junge ukrainische Künstlerin Mariya Plyatsko 2019 radiert hat. Das Thema, das zu gestalten sie gebeten worden ist, lautet MEMENTO VIVERE (Gedenke zu leben).

Die junge Künstlerin hat auf ihrem Exlibris zu diesem Thema eine Geschichte erzählt, die eine Frau in zwei unterschiedlichen Lebenssituationen, Lebensphasen zeigt. Links erscheint sie uns nur umrisshaft, gesichtslos, sie ist nur mehr, wie man so sagt, ein Schatten ihrer selbst. Ihr Körper, ihr Gesicht, ihr Ich ist nicht mehr erkennbar. Sie hat sich aus dem Leben der anderen zurückgezogen, ist aus dem Leben zurückgetreten. Warum das so 

ist, weiß man nicht. Sie kann krank sein, sehr krank, sie kann Sorgen haben, die sie auffressen, sie kann einen Verlust erlitten haben, den sie nicht verarbeiten kann. Sie kann vor einem zerbrochenen Lebenskonzept stehen, vor einem gescheiterten Lebensplan. Sie könnte an einem Ort sein, an dem sie nicht sein will, sie kann einsam sein. Auf jeden Fall ist sie in eine tiefe Krise geraten.

Doch dann hat sie sich aus dieser Krise herausgearbeitet und geht zurück ins Leben.

Und so steht sie nun ein zweites Mal vor uns, und zwar selbstbewusst in der Mitte des Blattes. Mit offenen Augen blickt sie nach vorne. Ihre Gesichtszüge sind wieder deutlich erkennbar, ein kleiner Schatten umdunkelt ihre Augen noch, aber ihr Mund scheint zum Lächeln bereit zu sein. Ihr Busen ist wieder voll und sinnlich. Nur noch schemenhaft zu erahnen und fast verschwunden ist der Arm, mit dem sie in der Krise ihre Abwehrhaltung von der Welt manifestiert hat. Nun sind ihre Arme wieder weit ausgebreitet und wollen sich der Welt öffnen, die Welt umarmen. Vor ihr erblüht rechts unten in den leeren Raum hinein bereits eine Blume. Aber sie hält in ihrer rechten Hand noch eine schwarze, tote Blume, die sie auf ihren Kampf zurück ins Leben aus ihrem lebensfeindlichen Dämmerzustand mitgebracht hat, doch bald wird sie nach der darunter sich öffnenden Blüte greifen, die die Künstlerin verlockend signalrot rot koloriert hat. Und alles wird wieder gut werden. Memento vivere! Was für ein schönes Motto für diesen Monat und die nächste Zeit.

Ulrike Ladnar

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