Exlibris des Monats

Exlibris des Monats Mai 2020. Olaf Gropp: Exlibris für Peter Rath, kol. Radierung, 2007

Wenn man das Neue Jahr in Baden bei Wien begrüßt hat, dann konnte man als letztes kulturelles Ereignis am letzten Tag des Jahres 2019 noch einen musikalisch-philosophischen Jahresrückblick erleben, der auch auf die bevorstehenden Jubiläen des Jahres 2020 vorbereiten sollte: musikalisch mit Beethoven (250. Geburtstag ) und philosophisch mit dem im gleichen Jahr geborenen Hegel. Und als erstes kulturelles Ereignis in der kleinen Stadt, die sich immerhin eines Beethovenhauses mit einem Beethovenmuseums rühmt, stand um 0.30 Uhr als Jahres-Eröffnungskonzert die Mondscheinsonate auf dem Programm. In Baden hat sich Beethoven übrigens u. a. auch mit dem 4. Satz der 9. Symphonie – mit der Ode an die Freude als Leitmotiv – beschäftigt.
Die allerorten vorgesehenen Feierlichkeiten zum Beethovenjahr fingen also hier und anderswo noch wie geplant an. Und viele Menschen freuten sich auf zahlreiche Ausstellungen in kleineren und größeren Städten, viele Orchester und Chöre probten bereits, Konzerte und Opernaufführungen standen an, vielerorts war man auch auf Ungewöhnliches gespannt, auf musikalische Salons und Hauskonzerte u.v.a.m.
Und dann kam alles anders; der Covid 19-Virus hat zu einer Absage aller derzeit geplanten kulturellen Veranstaltungen führen müssen; wir sehen und hören stattdessen streams oder und gehen digital durch Ausstellungen.
Auch die Deutsche Exlibris-Gesellschaft will das Beethovenjahr medial nicht übergehen, und deswegen zeigen wir im Monat Mai ein Exlibris des Exlibrissammlers, Beethovenliebhabers und Wienkenners Peter Rath. Über dem Eingang zu einem Gasthaus, vor dem elegant gekleidete Damen flanieren, hängt ein großes Schild mit dem Porträt Beethovens, das wie die meisten Bilder auf einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1820 beruht. Dahinter entdeckt man den Anfang des Namens eines Hoflieferanten. Rechts von der Tür liest man den Namen des Eigners des Exlibris, links verwundert ein Schild, auf dem ein Trampeltier zu erblicken ist, laut Textfeld ist es ein „Kameel“. Im Eingang schließlich scheint Beethoven selbst zu stehen, ein Glas Wein in der einen Hand und mit dem Zeigefinger der anderen lebhaft dirigierend.
Viel hat Olaf Gropp da auf seinem auf einer Ecke stehenden Achteck untergebracht, dessen Zusammenhang sich nicht auf den ersten Blick erschließen mag. In Kurzfassung erschlossen: Das Schwarze Kameel ist ein beliebtes Lokal in der Inneren Stadt in Wien, und das schon seit 1618, als ein gewisser Johann Baptist Cameel das Haus erwarb und darin eine Gewürzkrämerei errichtete. 200 Jahre später richtete Joseph Stiebitz hier eine Weinstube ein, zu deren Gästen u. a. der Maler Ferdinand Georg Waldmüller und Ludwig van Beethoven gehörten. Ersterem verdankt das Lokal sein bis heute sichtbares Wirtshausschild, das schwarze Kamel, letzterem – allerdings vor allem wohl auch dem gastronomischen Angebot der inzwischen 180 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigenden Wiener Institution – sein bis heute ungebrochenes Ansehen. Auch ein Brief des Komponisten befand sich im Familienbesitz. Das Jugendstilgebäude, das Anfang des 20. Jahrhunderts an gleicher Stelle das frühere Lokal ersetzte, ist das Werk eines anderen berühmten Wieners, des Architekten Julius Mayreder, des Schwagers der Frauenrechtlerin Rosa.*
Das Schwarze Kameel kann in diesem Monat so wenig besucht werden wie die Ausstellungen und musikalische Aufführungen.
Wir alle freuen uns schon auf Restaurant- und Konzertbesuche – und Gropps Darstellung des beschwingten Beethovens weckt den Wunsch, dem Lichtschein zu folgen: hinein ins Lokal, zu den Menschen, zur Musik.
Übrigens war Beethoven kein Verächter des Rebensafts, wie man den Wein gerne euphemistisch nennt; und vielleicht hielt er sich auch deswegen gerne in dem von Weinbergen umgebenen Baden bei Wien auf. Ursprünglich war da die Ode an die Freude ja sogar als Trinklied konzipiert…
Heute ist die Ode, die übrigens schon 1972 zur Europahymne wurde, wieder in aller Mund, aber nicht, um des Jubilars zu gedenken, sondern weil sie von vielen Künstlern von zuhause aus als stream in die ganze Welt hinausgesendet wurde, aber auch allenthalben von Menschen von Balkons und von Fenstern aus als Zeichen der Gemeinsamkeit hinausgespielt und gesungen wird.

*Das alles können Sie genauer auf der Webseite des Unternehmens (https://www.kameel.at/) finden oder auch unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Zum_Schwarzen_Kameel.

Ulrike Ladnar

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