Exlibris des Monats Juli 2019

Exlibris des Monats Juli 2019: Jean Lebedeff, Exlibris für Louis Lanoizelée, Holzschnitt 1951

Was an der Beschäftigung mit Exlibris so viel Freude macht, ist u.a., dass man immer wieder sehr viele neue Perspektiven und Zusammenhänge entdecken kann, so auch auf dem Exlibris des Monats Juli. Es wurde 1951 von dem Holzstecher Jean Lebedeff für Louis Lanoizelée gefertigt. In den 1950er Jahren waren Exlibris oft noch buchgerecht, wie man das heute nennt, also für den Gebrauch geeignet: recht klein und mit einem klaren gegenständlichen und realistischen Motiv und dem gut lesbaren Namen des Buchbesitzers versehen.

Das Motiv des Künstlers ist nicht besonders originell, kennt man es doch aus Parisbesuchen und aus zahlreichen Filmen: Es handelt sich um die realistische Darstellung von Bouquinisten und ihren Ständen am Seineufer.

Bei genauerem Hinschauen sieht man im Hintergrund die beiden Türme der Kathedrale Notre Dame, deren Brand im April dieses Jahres nicht nur die Menschen in Paris, sondern weit darüber hinaus in der ganzen Welt bewegt hat. Der Vordergrund verrät uns, dass wir den Quai des Grands Augustins sehen. Ein Bouquinist sitzt auf einem mit einem Kissen zum längeren Verweilen ausgestatteten Schemel und liest. Auf potentielle Kunden achtet er so wenig wie auf die große Stadt, die sich hinter ihm zeigt. Aime la vie, so fordert ein Spruch auf einem Band auf, der wie eine Wolke über den Türmen von Notre Dame schwebt, man solle also das Leben lieben, und das werde Früchte tragen. Ob der Bouquinist einem diese Lebensweisheit mitteilen will, ob er sie gerade liest oder ob der Künstler sie angesichts der gut beobachteten Szene formuliert, weiß man nicht, aber man denkt nach über diese Art, das Leben zu lieben: Sie besteht nicht im eiligen Durch-das-Leben-Laufen, um möglichst viel zu sehen und zu erleben, dort hinten in der schönen Stadt oder anderswo, sondern darin, sich leise und konzentriert zu versenken in das, was wichtig für einen ist, für den lesenden Mann ist das sein Buch. Und im Hintergrund warten schon die nächsten…

Der Künstler, Jean Lebedeff (1884–1972), war der Sohn eines russischen Getreidehändlers. Er erhielt eine Ausbildung auf See und war als Kapitän auf einem Wolgaboot tätig. Er floh dann aus Russland, weil er Repressalien befürchten musste, und lebte ab 1909 in Paris, wo er mit zahlreichen Künstlern bekannt wurde und seine Berufung fand, als er die Xylografie, also die Holzschneiderei, erlernte. Seine Kunst nutzte er nicht nur dafür, Hunderte von Büchern zu illustrieren, zahlreiche freie Grafiken und Exlibris zu stechen, sondern im Zweiten Weltkrieg auch zum Fälschen von Ausweisdokumenten für jüdische Flüchtlinge, die er vor der Gestapo schützen wollte. Den Besitzer des Exlibris, Louis Lanoizelée (1896–1990), kannte und schätzte er, denn er hat zahlreiche Bücher dieses außergewöhnlichen Menschen illustriert und so zu bibliophilen Werken gemacht.

Lanoizelées Leben war so außergewöhnlich wie das von Lebedeff. Er ist der Sohn eines Minenarbeiters im Nivernais; seine Schulausbildung dauerte nur drei Jahre. Ab 1908 arbeitete er in unterschiedlichen Zusammenhängen: als Diener, Radbauer, Bergarbeiter, Fuhrmann u.a. Vier Jahre lang kämpfte er im Ersten Weltkrieg, danach setzte er sein arbeitsreiches Leben in Paris und anderswo fort. 1931 begann Lanoizelée zu schreiben, und im Jahr 1935 ließ er sich als Antiquar auf den Grands Augustins nieder, wo er über 42 Jahre lang auf demselben Platz seine Bücher anbot – oder Bücher las und Bücher schrieb. Denn seine Werkliste ist sehr lang, man verdankt Lanoizelée neben Erzählungen, Zeitungsartikeln und Biografien vor allem zwei bedeutende Werke: eine umfangreiche Studie über den Bergbau in seiner Heimat und eine Studie mit dem Titel Les bouquinistes des quais de Paris, deren Illustrierung übrigens Jean Lebedeff zu verdanken ist, der für den Einband eine Szene wählte, die der auf dem hier vorgestellten Exlibris sehr ähnlich ist.

Eine letzte Bemerkung: Die Lebensdaten der beiden Künstler, die beide in schwierigen Zeiten leben mussten und ihre Lebenswege nicht unter günstigsten Umständen begannen, lässt hoffen, dass die Beschäftigung mit Kunst und Literatur und Büchern mindestens genauso gesund ist wie der in diesem Zusammenhang meistens besonders gerühmte Sport.

(Ulrike Ladnar)

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